Panorama

Blauer Himmel, weißer Qualm: Impressionen aus einer Stadt im Ausnahmezustand

Lesezeit: 6 min
17.03.2020 12:22  Aktualisiert: 17.03.2020 12:22
In Wien herrscht seit Sonntag Ausgangssperre. DWN-Korrespondent Ronald Barazon liefert einen persönlichen Bericht aus einer Weltstadt, in der das öffentliche Leben fast zum Stillstand gekommen ist.
Blauer Himmel, weißer Qualm: Impressionen aus einer Stadt im Ausnahmezustand
Der Himmel über dem Palmenhaus im Schönbrunner Schlosspark. (Foto: dpa)

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Wien, Montag, 16. März 2020. Ein historisches Datum – schließlich markiert es den Beginn einer Periode des Stillstands fast aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten in Österreich. Der Grund: Das Corona-Virus muss bekämpft und besiegt werden. Doch wenn es sich der lang dienende Journalist genau überlegt, gebührt der Platz in den Geschichtsbüchern einem anderen Tag: Dem Sonntag – denn mit einem Schlag verändert wurde unsere Welt eben nicht heute, sondern gestern, am 15. März.

Am gestrigen Sonntag, den 15. März 2020, war auf einmal alles anders, und wenn der Ausspruch des großen deutschen Dichters Friedrich Hebbel (geb. 1813 im norddeutschen Wesselburen, gestorben 1863 in Wien) wieder einmal bestätigt wird, dann gute Nacht, Globus. Was Hebbel gesagt hat? Dass Österreich eine kleine Welt sei, in der die große ihre Probe hält.

Ich bin Journalist, als solcher entwickelt man eine Art Instinkt, ähnlich wie der erfahrene Autofahrer, der spürt, wenn ihm hinter der nächsten Ecke ein Raser entgegen kommt. Und so beschlich mich nach den sonntäglichen Entscheidungen des Parlaments ein mehr als mulmiges Gefühl: Innerhalb von Stunden hatte man einstimmig, sowohl im Nationalrat als auch im Bundesrat (der zweiten Kammer), die Staatsgewalt mit grenzenlosen Vollmachten ausgestattet und entscheidende Verfassungsbestimmungen wie beispielsweise die Versammlungsfreiheit ausgehebelt. Als Rechtfertigung wurde die Bekämpfung des bösartigen Virus genannt, die Formulierungen erinnerten allerdings an die dunkelsten Phasen der österreichischen Geschichte.

So stehen nunmehr alle knapp neun Millionen Österreicher unter Hausarrest. In der konkreten Formulierung klingt dies allerdings nett und harmlos; wir haben eben einen lieblichen Jargon (Österreichisch ist da ganz anders als Deutsch). Nur: Wenn jemand seine Anwesenheit auf der Straße nicht begründen kann, ist Schluss mit lustig – dann werden tausende Euro Bußgeld fällig. Und vor allem: Mehr als vier Personen dürfen nicht gemeinsam unterwegs sei. Das gab es schon in Zeiten des vermeintlich lieben, guten, alten Kaisers – damals sprach man noch von einer Rotte; das heute kaum bekannte Wort ist im Verb „sich zusammenrotten“ noch präsent, es impliziert Konspiration und Aufruhr. Aber, wir wollen doch nicht kleinlich sind: Hier und heute wird die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit ausschließlich im Interesse der Gesundheit aufgehoben, soviel steht fest.

Nachdem alle weitaus Jüngeren in meinem Umfeld die Skepsis des Älteren als „Gespenster sehen“ bezeichnet haben, ziehe ich mich in einen sorgenvollen Erschöpfungsschlaf zurück. Doch ist mir Hypnos, der Gott des Schlafes, nicht wohlgesonnen: Mehrmals wache ich auf, und schließlich sehe ich ein, dass ich wohl keine Ruhe mehr finden werde, also stehe ich auf und lese die Nachrichten. Ich kann es kaum glauben: Es werden keine Informationen an Journalisten mehr rausgegeben; im Kanzleramt erhalten nur die nationale Nachrichtenagentur APA und die öffentliche Rundfunk-Anstalt ORF gründlich vorbereitete Meldungen. Die anderen Medien dürfen per E-Mai Fragen einreichen, na immerhin.

Am Montagmorgen stand bei mir zuhaus der Besuch eines Handwerkers auf dem Programm. Die Sorge, er würde wegen des Virus nicht kommen, erwies sich als unbegründet. Er traf pünktlich ein und leistete ausgezeichnete Arbeit. Als er allerdings seinen Zahl-Computer öffnete, blitzte ihm eine Mail entgegen: Er müsse sofort alle Wartungen beenden und dürfe nur mehr Notfälle betreuen, also beispielsweise kaputte Heizungen reparieren. Uff! Ich war der letzte Wartungskunde für längere Zeit. Warum ich ihn gerufen hatte? Der Schornsteinfeger hatte einen zu hohen Kohlenmonoxid-Wert festgestellt.

Nach dem gerade noch vermiedenen Malheur stand der Weg ins Büro auf dem Programm, als die Redaktion der „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ anrief und meinte, ich möge doch bitte ein Stimmungsbild von Wien zeichnen. Der Idee stimmte ich gerne zu, machte mich auf den Weg und – geriet in eine praktisch menschenleere Stadt. Beim Anblick der leeren Straßen fiel mir prompt ein Lied des Satirikers Georg Kreisler ein. Er schrieb vor Jahrzehnten:

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener

So schön wie a schlafende Frau!

Der Stadtpark wär´ sicher viel grüner

Und die Donau wär´ endlich so blau!

Wie schön wär´ mein Wien ohne Wiener –

Wie ein Hauch, der im All balanciert!

Vielleicht gibt's wo a fesche Angina

Die ein Wohltäter hin exportiert!

Wie schön wäre Wien ohne Wiener –

Nur einmal möcht ich es so sehn!“

Vermutlich würde der 2011 im Alter von fast 90 Jahren verstorbene Dichter angesichts seiner prophetischen Zeilen erschrecken. Tatsächlich ist es eine Angina, die die Wiener aus dem Straßenbild vertreibt. Immerhin: Auf dem Weg durch die Stadt begegnet man mit fortschreitender Stunde schließlich doch noch ein paar Menschen, also mutigen Bürgern, die allen obrigkeitlichen Anordnungen zum Trotz ihre Häuser verlassen. Erlaubt ist der Weg zur Arbeit (sollte die Firma nicht den Betrieb eingestellt haben) und zum Einkaufen von Lebensnotwendigem, wobei dieser Begriff in der aktuellen Situation eine besondere Bedeutung hat.

Unbefangene werden an Nahrungsmittel oder Medikamente denken. Betrachtet man allerdings das ohnehin bescheidene Geschehen auf der Straße, so fallen vor allem die Raucher auf. Den Hausarrest verlässt man nämlich schon – und zwar für die Dauer eines Zigarettenkonsums. Das ist für einen Nichtraucher schon im Virus-freien Alltag schwer verständlich, wenn allerdings die einzige tatsächliche Lebensgefahr des neuen Corona-Virus Lungengeschädigten droht, so kommt man doch nicht umhin, über den eifrigen Tabakkonsum erstaunt zu sein. In diesem Punkt weiß sich die fürsorglich um die Menschen besorgte Regierung mit der Bevölkerung einer Meinung: Als lebensnotwendig gekennzeichnet, dürfen die Tabakläden im Unterschied zu allen anderen Geschäften offen bleiben. Man kann und man darf in diesen Tagen in Wien kein Kleidungsstück, keinen Computer und kein Buch kaufen, aber Zigaretten, Zigarren und Tabak.

Lebensnotwendig sind auch andere Dinge: So bleiben die Tankstellen offen – vermutlich, damit auch ja nicht die Auto-Abgase weniger werden. Aber nachdem Kommunikation mit anderen Menschen verpönt ist, weil jeder Kontakt die Übertragung des Virus ermöglichen könnte, sollte sich das Problem von selbst lösen. Auch der Flugverkehr ist offiziell nicht eingeschränkt, da aber rundum fast alle Grenzen geschlossen sind, bleiben die Maschinen und die Kassen der Airlines leer. Auch als lebensnotwendig eingestuft sind die Handys, sodass die Kommunikation nicht gestört wird. Skurril.

Endlich führt mich der Weg in eines der privilegierten Geschäfte, in einen Supermarkt. Und hier erlebe ich, dass doch alles einen höheren Sinn hat: Die Mitarbeiterin an der Kassa trägt weiße Handschuhe! Jetzt ist die Welt in Ordnung. In Wien, der Stadt des Walzers und des Opernballs, trägt das Personal Glacé! Der Laden selbst hat den wilden Rausch der Hamsterkäufer vom vergangenen Samstag schon verkraftet, die Regale sind voll und auch das Produkt, das zur Verblüffung aller am meisten gekauft wurde, ist wieder verfügbar: Das Toiletten-Papier.

Inzwischen ist es Mittag, und die Regierung hat den Gastwirtschaften noch erlaubt, bis Montag 15 Uhr offen zu bleiben, anschließend ist mindestens eine Woche lang kein Betrieb erlaubt. Obwohl die Wiener im „Beisl“, im Kaffeehaus, im Restaurant leben, haben fast alle Lokale bereits gesperrt. Fast noch wichtiger als die Lokale selbst sind die als „Schani-Gärten“ bezeichneten Plätze im Freien vor den Betrieben. Von Gärten zwar weit und breit keine Spur, Schani mag der Kellner Johann sein oder eine Erinnerung an Johann (Schani) Strauß. Der Anblick der leeren Tische und Sessel ist besonders deprimierend angesichts des atemberaubend schönen Prachtwetters. Der makellos blaue Himmel und die blendende Sonne werden in Wien immer noch als „Kaiserwetter“ bezeichnet, obwohl die Berliner den Ausdruck geprägt haben, weil sich Wilhelm II nur bei schönem Wetter zeigte. Das tat gerne auch Franz Josef I., dem übrigens keine Nummer II. folgte.

Wien ist mit 190.000 Studierenden die größte Universitätsstadt im deutschen Sprachraum vor Berlin und München. Aber: Die Universitäten sind geschlossen. Dass im Hintergrund ein Online-Betrieb aufgezogen wird, um den Betrieb einigermaßen am Laufen zu halten, ist von außen nicht erkennbar. Die Wiener Oper? Geschlossen. Im Büro ist man gerade eifrig beschäftigt, Archiv-Aufnahmen zu sortieren, um ein Programm übers Internet abspielen zu können. Die Stadt der Musik, der Museen? Bis auf weiteres kein Betrieb. „Besuchen Sie uns auf unserer Homepage!“

Österreichs Bundeshauptstadt zählt 240.000 Schüler in den verschiedensten Schultypen. Und diese sind nun allesamt gezwungen, zu Hause zu bleiben. Kein Irrtum – zu Hause. Die Regierung hat die Parks geschlossen, die nun hinter den prächtigen schmiedeeisernen Gittern aus der Zeit der Monarchie funktionslos in der Sonne glänzen. Somit geht es nicht von der Klasse zum Fußballmatch, sondern heim zum Computerspiel. Oder zu den Großeltern, die vom Virus besonders gefährdet sind und sich natürlich von Kindern und Jugendlichen fernhalten sollen, weil diese die Infektion übertragen können, wobei die Youngster selbst kaum das Risiko laufen, zu erkranken. In etwa 120.000 Familien ist ab sofort die Hölle los; eingesperrt zu sein ist schon für Erwachsene schwer zu ertragen, aber Kinder, die tagelang die Wohnung nicht verlassen können, müssen einen Lagerkoller erleiden.

Da fällt mir ein: Der Gesundheitsminister hat bei der Präsentation der Maßnahmen gesagt, er befürchte ein wachsendes Aggressionspotenzial. Ja, und? Das nehmen wir einfach hin. Wenn´s der guten Sache dient …

Ich bin im Büro angekommen, das noch genauso aussieht wie immer.

Jetzt fange ich an zu schreiben. Und bringe auch dies zu Papier: Ich akzeptiere einfach nicht, dass man 2020 ein ganzes Land lahmlegen muss, als ob wir im Mittelalter wären und die Pest besiegen müssten. Warum gibt es keine intelligente Betreuung der gefährdeten Älteren mit Vorerkrankungen? Warum die gigantische Inszenierung bei dieser Grippe, die sich mit Ausnahme der Gefahr für die Lunge nicht wesentlich von anderen Grippe-Formen unterscheidet? Wieso wird jetzt jeder Erkrankte weltweit diskutiert, während von den Jahr für Jahr zu beklagenden hunderttausenden Grippe-Toten nie die Rede ist?

Aber so ist es nun mal: Mein Österreich, mein schönes Wien, liefern ein Musterbeispiel für ein allumfassendes Maßnahmenpaket, inklusive Einschränkung der Freiheitsrechte. Wie sagte Hebbel noch? Eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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