Politik

Geopolitik in Zeiten der Krise: Russland schickt Ärzte und Ausrüstung nach Italien

Russlands Hilfslieferungen für Italien, dessen Gesundheitssystem mit dem Coronavirus überlastet ist, sind ein Zeichen der russischen Stärke in der aktuellen Krise und könnten zudem einen Keil in die EU treiben.
23.03.2020 12:00
Lesezeit: 2 min
Geopolitik in Zeiten der Krise: Russland schickt Ärzte und Ausrüstung nach Italien
Der russische Präsident Wladimir Putin im Kreml in Moskau. (Foto: dpa) Foto: Alexey Druginyn

Im Anschluss an ein Telefonat zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und Italiens Premier Giuseppe Conte sind russische Militärflugzeuge zum Epizentrum der Coronavirus-Pandemie gestartet. Auf einem Militärflughafen südlich von Rom wurden die russischen Hilfslieferungen am Sonntagabend vom italienischen Außenminister Luigi Di Maio persönlich in Empfang genommen.

Neben medizinischem Material wie Schutzmasken, Beatmungsgeräten, Tupfern und Testgeräten waren nach Angaben des italienischen Außenministeriums auch russische Ärzte und Desinfektionsteams an Bord. Die per Flugzeug nach Italien entsandten russischen Militärlastwagen mit Hilfsgütern trugen Aufkleber, auf denen zwei Herzen in den Farben der russischen und der italienischen Flaggen abgebildet waren und auf denen in russischer, englischer und italienischer Sprache geschrieben stand: "Mit Liebe aus Russland".

Zwar hat die Europäische Zentralbank in der vergangenen Woche ihr Anleihenkaufprogramm dramatisch erhöht, um Italiens Kreditkosten zu senken und so die Finanzierung des Landes sicher zu stellen. Zudem erwägt die Europäische Union, ihren Rettungsfonds in Höhe von 410 Milliarden Euro freizusetzen. Doch zugleich haben sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Italien unbeliebt gemacht, indem sie den Export von wichtigen medizinischen Gütern einschränkten, da sie ihre eigenen Gesundheitssysteme auf den erwarteten Anstieg von Infektionen vorbereiten.

"Das ist ein symbolisches Zeichen", sagt Nathalie Tocci, Direktorin des italienischen Instituts für internationale Angelegenheiten in Rom. Die medizinische Hilfe aus Russland sei "nichts" im Vergleich zu den Wertpapierkäufen der EZB im Umfang von 750 Milliarden Euro. Doch die Bedeutung der Wertpapierkäufe sei den Menschen in Italien nur schwer zu vermitteln - im Gegensatz zu Flugzeugen mit Ärzten und voller Hilfsgüter.

Nachdem die Außen- und Verteidigungsminister von Russland und Italien ihre Verhandlungen abgeschlossen hatten, rief Putin den italienischen Premier Conte noch einmal persönlich an, um ihm mitzuteilen, dass die Hilfe unterwegs ist, zitiert Bloomberg einen namentlich nicht genannten italienischen Beamten. Putins persönlicher Anruf sei auch ein Zeichen für die guten persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Politikern, so der Beamte.

Putin bemüht sich seit Langem um gute Beziehungen zu Italien, das innerhalb von EU und Nato zu den stärksten Befürwortern einer Annäherung an Moskau gehört. So hat Italien etwa die Sanktionen gegen Russland im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine wiederholt kritisiert, sich allerdings nicht konsequent gegen deren Verlängerung gestellt. Die nächste Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland soll im Juni erfolgen.

Ein weiterer italienischer Beamter sagte zu Bloomberg, dass sein Land die Bereitschaft von EZB und EU begrüßt, Italien und anderen Ländern zu helfen. Er sagte aber auch, dass Italien nicht vergessen werde, wie sich andere Staaten während der Krise verhalten haben. Außenminister Di Maio selbst sagte, Italien werde sich daran erinnern, wer ihm durch den Virus-Notstand geholfen habe, wobei China zu den großzügigsten Helfern zähle, mit Ärzten und medizinischer Ausrüstung.

Russland hat zugesagt, insgesamt acht Brigaden von Virenspezialisten - insgesamt etwa 100 Personen - und Desinfektionswagen zu schicken sowie medizinische Ausrüstung, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte. Viele der Spezialisten hätten Erfahrung mit früheren russischen Hilfsmissionen nach Afrika im Zusammenhang mit dem Ebola-Virus und mit anderen epidemischen Hilfseinsätzen. Der Kreml sagte, Italien habe um die Hilfe gebeten.

Russland meldet bisher nur 367 positive Tests auf das Coronavirus Covid-19, auch werden bisher keine Todesfälle auf das Virus zurückgeführt. Zwar sind Schulen und einige Geschäfte im Land geschlossen worden, doch gibt es dort keine annähernd so umfassenden Maßnahmen wie in Deutschland und vielen anderen Ländern. Zudem sagen russische Wissenschaftlern, dass sie einen Impfstoff gegen Corona schon in sechs Monaten herstellen und somit viel rascher, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) es für möglich hält.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Baden-Württemberg: Grüne laut Umfragen dicht hinter der CDU – und die AfD?
27.02.2026

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg verdichten sich die Hinweise auf ein überraschend enges Rennen zwischen CDU und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Reallöhne in Deutschland legen 2025 weiter zu – es bleibt weiterhin Aufholbedarf
27.02.2026

Die Reallöhne in Deutschland sind 2025 erneut gestiegen und verschaffen vielen Beschäftigten mehr Kaufkraft. Doch trotz positiver Zahlen...

DWN
Finanzen
Finanzen Netflix-Aktie hebt ab: Netflix gibt Bieterstreit um Warner Bros verloren – was heißt das für Paramount?
27.02.2026

Die Netflix-Aktie reagiert mit einem Kurssprung auf das Aus im milliardenschweren Bieterstreit um Warner Brothers. Während Paramount zum...

DWN
Finanzen
Finanzen BASF-Aktie: Ludwigshafener Chemiekonzern bleibt für 2026 vorsichtig – BASF-Zahlen überzeugen nicht
27.02.2026

Die endgültigen BASF-Quartalszahlen überzeugen die Anleger nicht. Der weltgrößte Chemiekonzern hat eine vorsichtige Prognose...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verdi-Warnstreik im Nahverkehr vielerorts gestartet: Busse und Bahnen stehen still – Tarifkonflikt spitzt sich zu
27.02.2026

Der Verdi-Warnstreik legt den Nahverkehr in weiten Teilen Deutschlands lahm und trifft Millionen Pendler. Busse und Bahnen stehen still,...

DWN
Politik
Politik US-Urteil bremst Trumps Zollpolitik: Indien setzt weiterhin auf russisches Öl
27.02.2026

Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA begrenzt den handelspolitischen Spielraum von Präsident Trump und beeinflusst die Debatte...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer: Mehrheit der Deutschen für Steuer auf zuckerhaltige Getränke
27.02.2026

Eine Umfrage zeigt: 60 Prozent der Menschen in Deutschland befürworten eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Besonders hoch ist die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI beschleunigt Stellenabbau: Diese Branchen geraten unter Druck
27.02.2026

Weltweit treiben Unternehmen den Ausbau von Künstlicher Intelligenz voran und richten ihre Investitionsstrategien neu aus. Welche Folgen...