Finanzen

Chronik einer beginnenden Finanzkrise: Wie die Federal Reserve innerhalb weniger Wochen in offene Panik verfiel

Die US-Zentralbank Federal Reserve hat überraschend neue Milliardenkredite für Unternehmen und Haushalte angekündigt. Seit Monaten werden ohnehin schon Billionen ins Finanzsystem gespült. Die Maßnahmen der Fed wirken zunehmend panisch und verzweifelt – ein Rückblick auf die wichtigsten Meilensteine der vergangenen Monate.
23.03.2020 17:00
Lesezeit: 3 min
Chronik einer beginnenden Finanzkrise: Wie die Federal Reserve innerhalb weniger Wochen in offene Panik verfiel
Ein Händler an der New Yorker Börse. (Foto: dpa) Foto: Justin Lane

Die US-Notenbank Federal Reserve bringt neue, massive Maßnahmen im Kampf gegen den wirtschaftlichen Abschwung und finanziellen Kollaps auf den Weg. Mit diesen solle unter anderem der Kreditfluss an Haushalte und kleine Firmen unterstützt werden, teilte die Fed am Montag mit. Die Virus-Pandemie führe zu erheblichen Härten. Der Schritt sei deshalb notwendig. So will die Zentralbank fortan unbegrenzt Staatsanleihen und bestimmte mit Hypotheken besicherte Wertpapiere zu kaufen. Zudem legt sie mehrere Kreditprogramme auf, mit denen vor allem die Unternehmen und Haushalte gestützt werden sollen.

Die Ankündigung der Fed am Montag, den 23. März, ist der vorerst letzte Akt in einer beispiellosen Serie von Maßnahmen, im Zuge derer Billionen aus dem Nichts geschaffener Dollar innerhalb kürzester Zeit ins US-Finanzsystem oder die Wirtschaft gepumpt wurden.

17. September 2019 - der Startschuss zur Talfahrt:

An diesem Tag wurde die New Yorker Filiale des Federal Reserve Systems zum ersten Mal seit mehr als 10 Jahren wieder am US-Geldmarkt mit Notoperationen tätig, wo sich Marktteilnehmer wie Banken und Hegdefonds gegen Hinterlegung von Sicherheiten kurzfristige Kredite von der Zentralbank leihen können. Seitdem wurden ohne jede Begründung mehrmals wöchentlich hunderte Milliarden in den Geldmarkt gespült. Völlig ungeklärt bleibt die Frage, warum Mitte September 2019 erstmals seit Ende der Finanzkrise vor mehr als 10 Jahren so ein massiver und permanenter Bedarf nach liquiden Mitteln im US-Finanzsystem besteht, welcher die Eingriffe der Fed rechtfertigt.

Allerdings gab es schon lange vor September 2019 erste Warnzeichen, dass etwas auf dem Geldmarkt beziehungsweise bei der Ausstattung der US-Banken mit Liquidität nicht stimmt. Wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten bereits Ende 2018 berichteten, fragte US-Finanzminister Steven Mnuchin bei den größten Banken des Landes überraschend nach, ob sie über genügend Liquidität verfügten – ein ungewöhnlicher Vorgang. Mit Auftauchen des Coronavirus eskalierte die Situation dann völlig – und tut es immer noch.

15. März 2020 - die Fed greift zu drastischen Mitteln:

In einer Notfallaktion senkte die Zentralbank den Leitzins überraschend von 1 - 1,25 auf 0 – 0,25 Prozent und kündigte ein Maßnahmenpaket in Koordination mit anderen Notenbanken an. Die Fed sagte zudem zu, die Wirtschaft mit einem 700 Milliarden Dollar schweren Anleihekaufprogramm zu stützen und Banken vorübergehend Notfallkredite gewähren - wie nach der großen Finanzkrise 2008. Auch ein Abkommen mit anderen Notenbanken zur Liquiditätsversorgung des Finanzsystems mit der Weltreservewährung US-Dollar ist vorgesehen. Erst Anfang März hatte die US-Notenbank den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf einen Korridor von 1 bis 1,25 Prozent gesenkt.

17. März 2020 - die nächste Not-Maßnahme folgt:

Die Fed reaktiviert ein während der Finanzkrise 2008 aufgelegtes Kreditprogramm für Unternehmen und Haushalte. Das Programm sieht vor, dass sogenannte „Commercial Paper“ aufgekauft werden – meist kurzfristige Schuldverschreibungen, die in der Regel von Unternehmen ausgegeben werden. Sie decken damit einen Teil ihres Kreditbedarfs. Als Käufer treten häufig Banken auf. Da die Geldhäuser wegen der Virus-Krise selbst unter Druck stehen, springt die Fed ein, um keine Kreditengpässe entstehen zu lassen. Die Fed kauft die Papiere jedoch nicht selbst, sondern über ein spezielles Finanzvehikel (SPV). Das amerikanische Finanzministerium stellt dazu eine Sicherungsleistung über 10 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Die Finanzierung des Finanzvehikels übernimmt die Fed.

Wie kritisch die Situation im Finanzsystem sein muss und wie massiv die Federal Reserve derzeit gegenzusteuern versucht, wird in der plötzlichen massiven Aufblähung der Bilanz deutlich. Diese sollte eigentlich von dem durch mehrere Anleihen-Kaufprogramme aufgeblähten Niveau von rund 4,5 Billionen Dollar im Zuge einer Strategie der geldpolitischen Normalisierung heruntergefahren werden – was zunächst auch gelang. Innerhalb weniger Monate jedoch schoss die Gesamtsumme wieder von etwa 3,8 Billionen Dollar auf nun 4,7 Billionen Dollar nach oben.

Ursächlich dafür scheinen die seit September 2019 plötzlich eingeleiteten Repo-Operationen auf dem Geldmarkt zu sein, welche netto bis dato zu einem Plus von rund 450 Milliarden Dollar geführt haben.

Ende Juli 2019 - die Fed streicht die Segel:

Den meisten Beobachtern wurde allerdings schon im Sommer 2019 offenbar, dass es ernste systemische Risiken im Finanzsystem geben muss, als die Fed zum ersten Mal seit zehn Jahren die Leitzinsen senkte, obwohl sie diese seit Ende 2015 im Zuge der geldpolitischen Normalisierung stetig erhöht und den Umfang der Bilanz abgebaut hatte. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichteten damals, dass der abrupte Abbruch des Normalisierungszyklus ein Anzeichen für kommende schwere Probleme in der Weltwirtschaft und der Stabilität des Finanzsystems sei – acht Monate später ist der Notfall nun (erheblich verstärkt durch den Ausbruch des Coronavirus) eingetreten.

Gerade die derzeit offen zu Tage tretende Schwäche der Weltwirtschaft war aber schon seit Frühjahr 2018 in Deutschland zu erkennen (wie damals auch schon in der Eurozone), als auch der Internationale Währungsfonds die Märkte schon öffentlich auf einen Abschwung vorbereitete – wurde aber erst im Sommer 2019 vom Mainstream medial berichtet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Opel-Chef Florian Huettl: Kann sein leiser Kurs die Traditionsmarke retten?
18.07.2026

Andere Automanager inszenieren sich, Florian Huettl hört lieber Kunden und Händlern zu. Der Opel-Chef soll eine deutsche Traditionsmarke...

DWN
Technologie
Technologie CATL: Europa baut Ladestationen, China Batteriewechselstationen
18.07.2026

Das chinesische Unternehmen CATL will bis 2030 80 Prozent des chinesischen Güterverkehrs mit einem Netz von Batteriewechselstationen...

DWN
Finanzen
Finanzen Experten-Interview: Wein ist eine interessante alternative Investition – vor allem auf lange Sicht
18.07.2026

Wein kann als alternative Geldanlage interessant sein, besonders über längere Zeiträume. Entscheidend sind Herkunft, Lagerung,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Škoda Peaq im Test: Wenn die Reichweite ihrem Namen alle Ehre macht
18.07.2026

Mit dem Škoda Peaq stellt die Marke ihr bislang größtes Elektroauto vor. Der SUV setzt auf hohe Reichweite, viel Innenraum, starke...

DWN
Finanzen
Finanzen Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte
18.07.2026

Der Euro ist die zweitwichtigste Währung der Welt, doch in der digitalen Finanzwelt spielt er bislang kaum eine Rolle. Während nahezu...

DWN
Politik
Politik NATO-Verteidigungsausgaben: Wer für das neue Fünf-Prozent-Ziel zahlt
18.07.2026

Die NATO rüstet auf wie seit Jahrzehnten nicht mehr, doch zwischen den Mitgliedstaaten liegen Welten. Während Polen und die baltischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Das Maschinenherz Deutschlands kommt zum Stillstand: Das Problem ist größer als in der Automobilbranche
18.07.2026

In den meisten Ländern der Europäischen Union wächst die Maschinenproduktion dank einer Investitionswelle. Nicht so in Deutschland. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Marktbericht: „Böse Überraschung“, während der KI-Ausverkauf anhält
17.07.2026

Turbulenzen an den Märkten: Erfahren Sie, welche Kräfte den Technologiesektor jetzt bewegen und wie Experten die Lage einschätzen.