Politik

Corona zeigt: Privatisierung des Gesundheits-Systems zerstört die nationale Sicherheit

Das Corona-Virus trifft vor allem jene Länder schwer, die ihre Gesundheitssysteme privatisiert haben. Wer Renditen über die Gesundheit von Menschen und die nationale Sicherheit stellt, verliert am Ende alles.
04.04.2020 15:50
Aktualisiert: 04.04.2020 15:50
Lesezeit: 4 min
Corona zeigt: Privatisierung des Gesundheits-Systems zerstört die nationale Sicherheit
Schwerbewaffnete Polizisten mit Atemschutzmasken stehen zusammen mit Feuerwehrleuten bei einer Übung der Polizei zur Bewältigung eines Terroranschlags mit Biowaffen in Berlin vor einem Dekontaminationszelt. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Das Corona-Virus hat uns vor Augen geführt, wie groß der Schaden für eine Volkswirtschaft sein kann, wenn Epidemien oder Pandemien ausbrechen. Die Tatsache, dass in Zukunft auch biologische Angriffe mit Viren nicht mehr ausgeschlossen werden können, katapultiert den Bereich der Volksgesundheit in den Bereich der nationalen Sicherheit.

Die nationale Sicherheit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes kann nur garantiert werden, wenn das Gesundheitssystem funktionsfähig ist. Funktionsfähig kann es nur dann sein, wenn es nicht Marktmechanismen unterworfen ist, sondern unter staatlicher Kontrolle steht. Auffällig ist, dass Länder, in denen die Gesundheitssysteme zu einem hohen prozentualen Anteil privatisiert wurden, besonders große Probleme beim Umgang mit dem Corona-Virus haben.

Spanien, Griechenland und Italien

Die spanische Regierung hatte vor wenigen Wochen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Corona-Virus alle Krankenhäuser und Gesundheitsdienstleister des Landes verstaatlicht. Salvador Illa, Spaniens Gesundheitsminister, hatte Mitte März 2020 angekündigt, alle privaten Gesundheitsdienstleister Spaniens und ihre Einrichtungen unter die öffentliche Kontrolle zu bringen, da das Corona-Virus nicht anders einzudämmen sei.

Im Juli 2011 wurden im Einklang mit Sparmaßnahmen Änderungen am griechischen Gesundheitssystem vorgenommen. Arbeitslose Griechen hatten maximal ein Jahr lang Anspruch auf medizinische Versorgung aus der staatlichen Krankenversicherung. Nach dieser Zeit wurde die Gesundheitsversorgung nicht mehr vom Staat getragen. Die Griechen mussten ihre Behandlung weitgehend selbst bezahlen, sofern dies möglich war. Folglich entstanden eine Reihe von Kliniken, die sich durch Spenden finanzieren.

Eine dieser Kliniken ist die Social Solidarity Clinic in Thessaloniki. Diese Kliniken, von denen es in Griechenland 40 gibt, versorgen die Menschen kostenlos, aber ihre Kapazitäten sind begrenzt, berichtet Greece Solidarity. Zudem sind sie illegal, werden aber von der Regierung geduldet. Sehr interessant ist, dass eine große Anzahl dieser Kliniken von links-sozialistischen Bewegungen und Spendern ins Leben gerufen wurde. Wo der griechische Staat versagt, organisieren sich die Griechen selbst - zumindest soweit es möglich ist.

Besonders schwer wurden die Italiener durch die Privatisierung ihres Gesundheitssystems getroffen. In den am stärksten betroffenen Regionen steht das staatliche Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch. Das ist das Ergebnis jahrelanger Fragmentierung und jahrzehntelanger Finanzkürzungen, Privatisierung und Entzug von humanen und technischen Ressourcen, schreiben Benedetta Armocida, Beatrice Formenti, Silvia Ussai, Francesca Palestra und Eduardo Missioni in einem Artikel des Magazin The Lancet - Public Health.

Das staatliche Gesundheitssystem in Italien ist dezentral organisiert. Die lokalen Behörden sind für die Organisation und Erbringung von Gesundheitsdiensten verantwortlich, so dass die italienische Regierung eine schwache strategische Führung hat. Im Zeitraum 2010 bis 2019 musste das staatliche Gesundheitsdienst finanzielle Kürzungen von mehr als 37 Milliarden Euro hinnehmen. Es wurde weitgehend privatisiert. Der Anteil der öffentlichen Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt betrug für das vergangene Jahr 6,6 Prozent und wird voraussichtlich bis 2022 auf 6,4 Prozent sinken. Wie katastrophal diese Gesundheitspolitik ist, musste die Lombardei erfahren. In dieser wirtschaftsstarken Region gibt es lediglich 724 Intensivpflegebetten.

Die Autoren führen aus: “Erstens scheint die Dezentralisierung und Fragmentierung der Gesundheitsdienste in Italien die rechtzeitigen Interventionen und die Wirksamkeit eingeschränkt zu haben, und es sollte eine stärkere nationale Koordinierung vorhanden sein. Zweitens müssen die Kapazitäten und die Finanzierung der Gesundheitssysteme flexibler sein, um außergewöhnlichen Notfällen Rechnung zu tragen. Drittens sollten als Reaktion auf Notfälle solide Partnerschaften zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor institutionalisiert werden. Schließlich muss die Einstellung von Humanressourcen mit einer langfristigen Vision geplant und finanziert werden.”

Besonders schlimme Zustände in den USA - zumindest noch

Das staatliche Gesundheitssystem in den USA ist unter allen Gesundheitssystemen im Westen besonders marode. Während 27 Millionen Amerikaner überhaupt keine Krankenversicherung haben, müssen vier von zehn berufstätigen Amerikaner ihre Gesundheitsversorgung aus der eigenen Tasche finanzieren, bevor sie von jenen Prämien profitieren, die jede Woche von ihren Gehaltsschecks abgezogen werden. Wie die New York Times berichtete, stehen ein Vater und eine junge Tochter, die nach einer Coronavirus-Untersuchung unter Quarantäne gestellt wurden, bereits vor einem Haufen Arztrechnungen in Höhe von 3.918 US-Dollar.

Eine Studie der Harvard Medical School ergab, dass jedes Jahr 45.000 Menschen in den USA an mangelnder Krankenversicherung sterben. Im Falle einer aggressiven Infektionskrankheit wie dem Corona-Virus, bei der sich ein Mangel an Corona-Tests und USA bleiben weit hinter Nationen wie Südkorea zurück, wenn es darum geht, Zugang zu Corona-Tests zu erhalten.

Einzigartig unter den Nationen, verschwenden die USA jedes Jahr atemberaubende 500 Milliarden US-Dollar an Gesundheitsausgaben, die nicht für die Pflege ausgegeben werden, sondern für die Aktionärs-Renditen privater Versicherungsunternehmen, die Vergütung von Managern von bis zu 83 Millionen US-Dollar und für eine unfähige Gesundheitsbürokratie, berichtet das Center for American Progress (CAP).

Zudem ist es bisher noch keiner US-Regierung gelungen, die Preise für Medizinprodukte zu senken. Stattdessen sind Medikamente in den USA im Durchschnitt teurer als in anderen Ländern, worüber sich vor allem Pharmaunternehmen freuen. Das geht aus einem Bericht des United States Senate Committee on Homeland Security and Governmental Affairs (HSGAC) hervor.

Die türkische Regierung hat zu Beginn des Corona-Ausbruchs in der Türkei eine ungewöhnliche Maßnahme getroffen, die sich jedoch zum Vorteil der Corona-Patienten auswirken könnte. Alle Privatkrankenhäuser wurden verpflichtet, Corona-Patienten aufzunehmen. Für die Kosten soll der Staat aufkommen. Dadurch wurde die Anzahl der Intensivbetten pro 100.000 Einwohner erhöht. In der Türkei liegt diese Anzahl bei 40. In den USA fallen 34,7 Intensivbetten und in Deutschland mittlerweile 33,9 Intensivbetten auf 100.000 Personen. In China liegt diese Anzahl bei 3,6, in Großbritannien bei 6,6, in Italien bei 12,5 und in Spanien bei 9,7, so die Zeitung Aydınlık.

Nach der Finanzkrise 2008 sind zahlreiche Staaten dazu übergegangen, finanzielle Einschnitte bei ihren Gesundheitsausgaben vorzunehmen. Die europäischen Gesundheitssysteme werden entweder durch allgemeine Steuereinnahmen oder durch Lohnbeiträge finanziert. In jedem Fall schwanken die Einnahmen mit den Konjunkturzyklen. Kritik kam vor allem aus Schweden. “Es ist falsch, eine Debatte aus der Perspektive zu führen, dass Wirtschaftskrise und Schwierigkeiten die Finanzierung der Gesundheitsversorgung erschweren. Sie sollten Gesundheitsdienstleistungen wirklich als Investition in Humankapital betrachten”, zitiert Politico den ehemaligen schwedischen Gesundheitsminister Gabriel Wiström.

Patienten, die an mehreren chronischen Krankheiten leiden, “brauchen eine lebenslange Bindung zum Gesundheitssystem und haben Probleme, die viel kostenintensiver sind als bei anderen Patientengruppen”, sagte der schwedische Gesundheitsminister Gabriel Wikström.

Es kommen somit verschiedene Aspekte zusammen, die eine staatliche Finanzierung und Kontrolle der europäischen Gesundheitssysteme unerlässlich machen. Die staatliche Kontrolle über das Gesundheitssystem senkt nicht nur die langfristigen Gesundheitskosten, sondern wappnet die Gesellschaften für den Fall von weiteren zukünftigen Pandemien. Hinzu kommt, dass die Abwanderung von deutschen Ärzten ins Ausland verhindert werden muss. Der Staat treibt jährlich genug Steuergelder ein, um Ärzte und Pflegepersonal fair und gut zu bezahlen. Doch bei der Umsetzung mangelt es am politischen Willen. Stattdessen muss mittlerweile von Patienten verlangt werden, dass sie über ausreichende Englischkenntnisse verfügen, um mit den behandelnden Ärzten kommunizieren zu können.

Cüneyt Yilmaz, Redakteur und geopolitischer Analyst, ist Absolvent der Universität Bayreuth/Bayern. Er war im US-Kongress, beim Simon Wiesenthal Center und bei verschiedenen US-amerikanischen Institutionen und Organisationen tätig.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die Firmen hinter den Casino-Webseiten: Wie groß ist das Netzwerk wirklich?

Wer ein Online Casino besucht, sieht zunächst eine eigenständige Marke. Eigener Name, eigene Webseite, andere Bonusangebote und teilweise...

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Indizes legen bei geringem Handelsvolumen leicht zu und Krypto feiert Comeback
21.08.2026

Ein scheinbar ruhiger Handelstag bringt überraschende Dynamik an die Finanzmärkte.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg bei chinesischen Autos wird zur Milliardenfalle
21.08.2026

China verkauft immer bessere Elektroautos zu immer niedrigeren Preisen. Was Käufer freut, frisst die Margen der Hersteller, drückt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Gasspeicher unter Druck: Wann steuert Deutschland gegen?
21.08.2026

Europas Gasspeicher sind deutlich leerer als in den vergangenen Jahren. Dahinter steckt kein bloßes Versäumnis, sondern ein Gasmarkt, der...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Velico Medical: Trockenplasma für die NATO – was hinter dem Erfolg steckt
21.08.2026

Velico Medical stellt Trockenplasma in mobilen Containern her, die weltweit eingesetzt werden können. Nach einem Millionenvertrag mit dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota RAV4 im Test: Weniger PS, mehr Argumente
21.08.2026

Der Toyota RAV4 bleibt ein äußerst vernünftiger Familien-SUV mit sparsamem Hybridantrieb, viel Platz und guter Alltagstauglichkeit. Die...

DWN
Technologie
Technologie Fußball mit KI: Roboter erzielt Tore gegen Menschen
21.08.2026

Ein humanoider Roboter aus China lernt Fußball nicht auf dem Rasen, sondern zunächst in einer Simulation. Anschließend tritt er gegen...

DWN
Politik
Politik Analyse: Das ist Russlands Raketenbedrohung für die Ukraine
21.08.2026

Russland produziert inzwischen so viel mehr ballistische Raketen, dass im Winter mehrere Großangriffe mit bis zu 200 Raketen auf einmal...

DWN
Politik
Politik Wahlumfrage Sachsen-Anhalt: Steht die AfD vor einem Wahlsieg? So blickt das Ausland auf Sachsen-Anhalt
21.08.2026

Was bedeutet ein möglicher AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt für Deutschland und Europa? Kommentatoren aus mehreren Nachbarländern sehen...