Wirtschaft

Griff nach fremdem Land: Warum internationale Spekulanten auf Grund und Boden setzen

Die Gründe, warum Investoren Ländereien im Ausland aufkaufen, sind vielfältig. Klar hingegen ist, dass Land und Trinkwasservorräte elementar wichtige Faktoren in einer zunehmend krisenhaften Welt sind.
02.05.2020 09:34
Lesezeit: 5 min
Griff nach fremdem Land: Warum internationale Spekulanten auf Grund und Boden setzen
Insbesondere Investoren vom Persischen Golf haben eines im Sinne – Zugriff auf Wasserreserven. (Foto: Peter H/Pixabay)

Den ersten Teil der Analyse "Griff nach fremdem Land" lesen Sie hier.

Hinter dem Kauf von Grundstücken im Ausland können verschiedene Überlegungen stehen. Zu den Faktoren, die in letzter Zeit an Wichtigkeit gewonnen haben, gehört der Zugriff auf Trinkwasserreservoirs – ein Motiv, das bereits beschrieben wurde.

Bei vielen Deals geht es zudem darum, die Kontrolle über fruchtbares Ackerland zu erlangen – in historischer Perspektive handelt es sich dabei um den mit Abstand wichtigsten Grund für Landerwerb in Übersee. Denn traditionell war es der Anbau von Südfrüchten wie Ananas und Bananen oder exotischer Handelswaren wie Kaffee und Kakao, der Großkonzerne aus dem Westen schon vor Jahrzehnten veranlasst hatte, fruchtbares Ackerland in tropischen oder subtropischen Regionen zu kaufen oder zu pachten. Der massenhafte Anbau von Palmen zur Gewinnung von Palmöl stellt demgegenüber einen jüngeren Zweig des landwirtschaftlichen Landkaufs dar. Dieser industrielle Palmenanbau – im Zuge dessen riesige Flächen in Ländern wie Indonesien oder Malaysia mit Monokulturen bepflanzt werden – verursacht immense Schäden für die Natur: Der Zerstörung des Lebensraumes tausender Tier- und Pflanzenarten durch das Palmen-Einerlei geht in vielen Fällen die bewusst herbeigeführte Brandrodung einzigartiger tropischer Regenwälder voran.

Mit der globalen Nahrungsmittelknappheit des Jahres 2008 wurde der Trend zur Auslagerung von landwirtschaftlichen Produktionsflächen ins Ausland einerseits verstärkt, die damals auftretende Weltfinanzkrise führt darüber hinaus auch dazu, dass der Erwerb von landwirtschaftlichen Flächen zunehmend als finanzielles Spekulationsobjekt und Wertanlage verstanden wurde. Große Investmentgesellschaften und Vermögensverwalter verstanden schnell, dass dies ein Weg zur Diversifizierung der Portfolios war, welcher in Krisenzeiten zudem eine relativ sichere Anlageform darstellte.

Oxfam schreibt zu dieser vor einigen Jahren einsetzenden Finanz-Spekulation mit Grund und Boden: „Der Run auf das Land setzte mit der Preisexplosion bei Nahrungsmitteln in den Jahren 2007/08 ein. Auf einmal lohnte es sich, in Land zu investieren. Und neben bekannten Firmen des Agrobusiness hat das neue Szenario auch neue Akteure auf den Plan gerufen. ‚Ich bin davon überzeugt, dass landwirtschaftliche Flächen eine der besten Investitionen unserer Epoche sein werden‘, sagte beispielsweise Milliardär George Soros im Jahr 2009, dessen Firmen in verschiedenen Kontinenten im Landgeschäft engagiert sind. Auch andere Investment- und Rentenfonds engagieren sich neuerdings in diesem Bereich. Hinzu kommen wichtige neue Investoren aus den reichen Ölstaaten, aber auch aus China und Indien. Sie mussten in der Krise erkennen, dass ihre Nahrungsmittelimporte unsicher geworden sind und sie deshalb mit Großprojekten in Afrika, Lateinamerika oder der Ukraine vorsorgen wollen.“

Angemerkt sei, dass die Lebensmittelknappheit des Jahres 2008 Folge des Platzens einer Spekulationsblase war, sich damit der Kreis zur Finanzanlage wieder schließt, wie der Guardian 2011 berichtete: „Deregulierung und mangelnde Aufsicht haben zu den spekulativen Blasen der Terminmärkte beigetragen. Nach dem Zusammenbruch des US-Subprime-Hypothekenmarktes suchten Investoren nach alternativen Anlagemöglichkeiten. Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise war Anlass für Investitionen in Warentermingeschäften. In der Folge wurden die Preise für Getreide hochgetrieben und damit die Verbraucherpreisinflation verstärkt.“

Landerwerb in großem Stil ist nicht zuletzt auch eine Vorbedingung für den Anbau von biologisch erzeugten Kraftstoffen. Aus Palmen, Soja, Raps, Mais, Zuckerrüben oder Getreide lässt sich Benzin, Diesel oder Ethanol biologischen Ursprungs herstellen. Wie wichtig das Thema Bio-Kraftstoffe für die Problematik des „land grabbing“ ist, zeigen Schätzungen des Projekts Land Matrix, wonach rund 40 Prozent aller gekauften Ländereien weltweit mit Pflanzen versehen werden, die nicht für den Verzehr bestimmt sind. Weitere knapp 45 Prozent der Flächen werden mit Pflanzen bestückt, die sowohl verzehrt oder für die Lebensmittelindustrie weiterverarbeitet werden können und auch außerhalb der Nahrungsproduktion Verwendung finden. Nur etwa 18 Prozent der Flächen werden demnach bewusst für den Anbau von Lebensmitteln genutzt.

Auch der Anbau von Pflanzen zur Gewinnung von Kraftstoff hat problematische Folgen für Mensch und Umwelt. Nicht nur verlieren Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum durch die Monokulturen, sondern Kraftstoff-Pflanzen lösen überdies einen Verdrängungseffekt gegenüber dem Lebensmittelanbau aus. Weil seit einigen Jahren große Flächen zu diesem Zweck aufgekauft werden, schrumpfen die für die Landwirtschaft verfügbaren Flächen. Das alles geschieht meist in ärmeren Ländern, deren Bevölkerungen deutlich wachsen und daher jedes Jahr mehr Nahrung zur Verfügung stellen müssen. Die eigentlich gut gemeinte Vorschrift, dass kein Regenwald zur Anlage von Kraftstoff-Pflanzen gerodet werden darf, hat im Umfeld steigender Lebensmittel-Nachfrage und schrumpfender Flächen dazu geführt, dass zusätzlich Regenwald für den Lebensmittelanbau gerodet wird.

Fazit

Der Ankauf von fremdem Land hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und vielerorts zu Widerstand in der Bevölkerung geführt. Die Motive, die hinter den Investmententscheidungen stehen, sind dabei ebenso vielfältig wie der Nutzen, den alle Seiten aus einem solchen Geschäft ziehen können. Zum Abschluss sei darauf hingewiesen, dass räuberische Landverkäufe gegen den Willen der Bewohner nur möglich sind, weil in zahlreichen Staaten korrupte Eliten an der Macht sind, welche aus monetären Gründen nur allzu bereit sind, solche Investitionen nicht nur zuzulassen, sondern auch gezielt zu fördern. Am Beispiel des Senegals sei die negative Wirkung korrupter Politiker bis in die höchsten Staatsämter hinein noch einmal verdeutlicht. So berichtet das Neue Deutschland:

„Zwar gibt es in verschiedenen Teilen des Landes massiven Widerstand der Bevölkerung gegen Landgrabbing-Fälle und Bemühungen um den Reformprozess. Dessen ungeachtet erließ die Regierung in aller Stille ein Dekret zur Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, um das Agrobusiness weiter zu fördern und ausländische Investoren anzulocken. Somit kann der Staat die Vergabe von Land direkt organisieren, indem die als Nationaldomäne deklarierten Flächen in Staatsbesitz umgeschrieben, ausgebaut und an private Investoren verkauft werden. Auf diese Weise steht die Bevölkerung in ihrem Kampf für den Zugang zu Land nicht mehr den lokalen Behörden oder Investoren gegenüber, sondern dem Staat. Der darf laut dem geltenden Bodenrecht Flächen, die als Nationaldomäne definiert sind, nur dann umschreiben, wenn es sich um ein Projekt allgemeinen öffentlichen Nutzens handelt. Oftmals ist dies jedoch nicht der Fall, sondern es nützt ausschließlich privaten Interessen. Des Weiteren plant die Regierung ein neues Projekt mit Unterstützung der Weltbank, das verbriefte Bodenrechte und die Einführung eines Landkatasters vorsieht. Dies würde eine Privatisierung von Bodenrechten und die Entstehung eines Marktes fördern, was eindeutig im Gegensatz zum aktuell geltenden Bodenrecht steht.“

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