Merkel rettet das Abitur und bremst den bildungsfeindlichen Zeitgeist

 

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18.04.2020 11:47  Aktualisiert: 18.04.2020 11:47
Das Abitur findet auch 2020 statt. Die Absage wäre ein gefährliches Signal im Sinne des ohnehin stark verbreiteten Zeitgeists gegen eine solide Bildung der Jugendlichen. Besonders wichtig ist die deutsche Position im europäischen Kontext. In Frankreich wurde das Baccalauréat abgesagt, in Großbritannien findet der entsprechende Abschluss heuer nicht statt. Dazu kommt, dass die wochenlange Schließung der Schulen lange nachwirken wird. Viele Kinder werden in Zukunft die unangenehme Frage stellen, warum sie denn in die Schule gehen müssen, wenn man doch im Frühjahr 2020 problemlos zu Hause bleiben konnte.
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Ein Stundenplan. (Foto. dpa)

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Das Abitur findet auch 2020 statt. Diese erfreuliche Botschaft ist das Ergebnis der Konferenz zwischen der Bundeskanzlerin und den Vertretern der Bundesländer in der abgelaufenen Woche. Die Absage wäre ein gefährliches Signal im Sinne des ohnehin stark verbreiteten Zeitgeists gegen eine solide Bildung der Jugendlichen. Besonders wichtig ist die deutsche Position im europäischen Kontext. In Frankreich wurde das Baccalauréat abgesagt, in Großbritannien findet der entsprechende Abschluss heuer nicht statt. Dazu kommt, dass die wochenlange Schließung der Schulen lange nachwirken wird. Viele Kinder werden in Zukunft die unangenehme Frage stellen, warum sie denn in die Schule gehen müssen, wenn man doch im Frühjahr 2020 problemlos zu Hause bleiben konnte.

Die entscheidende Botschaft: Man muss sich Herausforderungen stellen

Angesichts der besonderen Umstände durch die Corona-Krise sind ohne Zweifel Terminverschiebungen, Ergänzungsprüfungen und zusätzliche Wiederholungsmöglichkeiten sowie verschärfte Hygiene- und Schutzmaßnahmen angebracht. Entscheidend ist aber die Durchführung, sonst gleicht das Verhalten der ganzen Bevölkerung jenem vieler Kinder, die mit den verschiedensten Ausreden die Teilnahme an einer Schularbeit verweigern. Die Botschaft hat zu lauten : Man muss sich Herausforderungen stellen und dies gilt auch bei außergewöhnlichen Bedingungen wie sie derzeit gegeben sind.

Es gibt keine „Sachen, die man im Leben nie brauchen wird“

Das Abitur betrifft die allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, wobei die Allgemeinbildung besonderen Problemen ausgesetzt ist. Der Satz, „ich lerne nur Sachen, die ich nie im Leben brauchen werde“, hat eine fatale Überzeugungskraft, die sich besonders in der aktuellen Periode der technischen Revolution in allen Bereichen als katastrophal erweist. Um mit Neuerungen umgehen zu können bedarf es vor allem der Fähigkeit zu lernen, Neues bisher unbekanntes aufzunehmen. Diese Eigenschaft kann man bei allen intellektuellen Herausforderungen trainieren – an einer Mathematik-Aufgabe wie an der Analyse eines Theaterstücks oder an einem lateinischen Satz, also an „Sachen, die man nicht braucht“. Somit ergibt sich das Paradoxon, dass eine gute Allgemeinbildung genauso förderlich für den Erfolg im Arbeitsleben ist wie eine Berufsausbildung.

Das Abitur ist die erste Hürde, tatsächlich eine Prüfung der Reife

Generell hat das Abitur einen weiteren, nicht am unmittelbaren Nutzen messbaren Vorteil: Es stellt die erste große Hürde in der Laufbahn der Schüler dar. Nachdem jeder und jede im künftigen Leben immer wieder größere Herausforderungen bewältigen muss, ist das Abitur ein guter Test, der Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten schafft. Sicher werden die weiteren Hürden nicht dieser ersten gleichen, das ist unmöglich, aber der Grundstein für Resilienz, für Widerstandskraft ist gelegt. Angesichts des aktuell atemberaubend schnellen Wandels der Arbeitswelt besteht auch nicht die Gefahr, dass jemand meint, jetzt habe ich das Abitur und muss nichts mehr lernen.

Landauf, landab meinen europaweit Schüler und Schülerinnen und Eltern und Psychologen und Lehrer, man möge doch nicht so viel Aufhebens um das Abitur machen. Die Noten der vorangegangenen Monate würden auch genügen, um die Qualifikation der Jugendlichen zu beurteilen. Diese Argumentation geht am Kern des Themas vorbei: Sicher kann man die Kenntnis einer Mathematik-Formel oder einer Grammatik-Regel bei jeder Gelegenheit prüfen. Das Abitur hat allerdings nicht zufällig auch die Bezeichnung „Reifeprüfung“, in Österreich heißt das Abitur sogar „Matura“, geprüft, getestet wird die Maturitas, die Reife für den Schritt in die nächste Lebensetappe, nicht nur, wie gelegentlich gesagt wird, für die Universität.

Ein verwirrender Rundblick über die europäische Bildungslandschaft

Österreich hat sich zu einem eigenartigen Mittelweg entschlossen. Die Matura findet in drei Fächern schriftlich statt, im Übrigen gelten die Noten der vergangenen Monate, wobei in der Zeit der geschlossenen Schulen die Mitarbeit besonders berücksichtigt wird. Wer die Matura nicht besteht, kann bei weiteren Prüfungen das Ergebnis korrigieren.

In Frankreich findet das Baccalauréat heuer nicht statt, es gelten nur die Noten der achten Klasse, der „Terminale“. Nachdem aber die Französisch-Prüfung in der siebten, in der französischen Zahlung in der „Première“, erfolgt, werden die im Vorjahr erzielten Noten mitgezählt. Damit im nächsten Jahr das Bac wieder wie üblich stattfinden kann, wird heuer nur das Französisch-Bac in der siebten doch absolviert. Der Schulbetrieb der achten Klassen wird in den Juli verlängert um zusätzliche Noten zu ermöglichen. In Großbritannien sind alle Prüfungen abgesagt und heuer werden nur mehr die Klassen-Noten berücksichtigt. In Italien sind noch nicht alle Entscheidungen gefallen, doch zeichnet sich ein ähnliches Konzept wie in Österreich ab.

Der lockere Umgang mit dem Abitur erinnert an die Sabotage der Meisterprüfung

Der kleine Ausschnitt aus der europäischen Schullandschaft macht einen bedenklich lockeren Umgang mit dem Abschluss der höheren Schulen deutlich. Und diese Entwicklung erinnert in erschreckender Weise an die Haltung, die die europäische Politik bei der handwerklichen Meister-Prüfung an den Tag legt. Die gesetzlichen Regelungen wurden im Sinne eines vermeintlich liberalen Zugangs zur Berufsausübung vielfach sehr locker gestaltet. Generell agiert die EU-Kommission gegen Meisterprüfungen und verteidigt die leicht erreichbaren Befähigungsnachweise in vielen Ländern. Da aber jeder und jede aufgrund der vier EU-Freiheiten in allen EU-Ländern aktiv werden kann, kommt es zu Wettbewerbsverzerrungen. Vor allem aber leidet die Qualifikation der Anbieter und die Qualität der Leistungen. Zum Schaden der Konsumenten, die die EU durch ein breiteres, vielfältiges nicht durch Regeln befrachtetes Angebot zu erfreuen glaubt. Ernsthaft zur Verteidigung der Meister-Prüfung treten in Europa nur Deutschland und Österreich an: Freiheit der Berufsausübung, ja, aber durch Profis. Allerdings sind auch in diesen beiden Ländern Vertreter eines falsch verstanden Liberalismus am Werk.

Warum müssen wir in die Schule gehen? Im Frühjahr 2020 war das auch nicht notwendig!

Die im Zusammenhang mit der Corona-Krise betriebene Bildungspolitik hat generell negative Auswirkungen. Dies gilt im Besonderen für das Abitur, aber weit darüber hinaus. Schon die Möglichkeit, dass die Noten der Abschlussklassen und vielleicht auch der vorangegangenen Perioden für das Abitur zählen, bremst unweigerlich den Lerneifer. In den Vordergrund rückt die Noten-Berechnung mit der ständig aktuellen Frage, wie viele Punkte brauche ich noch, wann und in welchem Fach, um doch noch das Abitur zu schaffen.

Besonders dramatisch sind die Folgen der wochenlangen Schließung der Schulen. Kinder, die noch den Druck des Abiturs spüren, werden die nun gegebenen Angebote im Fernunterricht über Internet gerne und eifrig nützen. Schon ohne diesen Druck wird der Eifer erlahmen. Vollends wird die Notwendigkeit, die Selbstverständlichkeit der Schulpflicht in Frage gestellt, wenn sich die Familien über einen längeren Zeitraum an den schullosen Zustand anpassen. Nach kurzer Zeit geht der Charakter des Sonderfalls, das Bewusstsein des außerordentlichen Ereignisses verloren. Die Probleme der Rückkehr in die Normalität werden meist aus der Sicht der Schulorganisation, der Anforderungen der Virus-Bekämpfung und anderer Faktoren gesehen. Kaum beachtet wird der Umstand, dass nur eine kurze Unterbrechung rasch verkraftet wird, eine lange Pause führt zur Entwöhnung und macht die Rückkehr in den Schulalltag außerordentlich schwierig. Ein Vergleich mit den Sommerferien geht ins Leere, da diese einen klar bestimmten Anfang und ein entsprechendes Ende haben. Aktuell wird hingegen vermittelt, wir bleiben eine Woche zu Hause oder doch zwei oder vielleicht sechs oder vielleicht gehen wir erst wieder im Herbst in die Schule.

Die dramatischen Folgen der Panik-Mache auch für die Schule

Verschärft wird das Problem durch die Panik-Mache der Politik. Man hat die gesamte Bevölkerung in Angst versetzt und fand dabei die volle Unterstützung der Medien, die jeden Fall zur Katastrophe hochstilisieren. Dass tatsächlich ältere Personen mit Vorerkrankungen wie Diabettes, COPD und sonstigen Lungenproblemen sowie Krebs besonders gefährdet sind, wurde keineswegs ausreichend kommuniziert. Dass Kinder und Jugendlichen schlimmstenfalls auch durch das neue Corona-Virus eine Erkrankung erleiden wie sie bei anderen Grippe-Formen gängig sind, geht unter. Somit sind naturgemäß Eltern um ihre Kinder besorgt und so nützen auch nur wenige das verschiedentlich bestehende Angebot, ihre Sprösslinge in der Lock-Down-Phase in die Schule zu senden.

Dieses Verhalten wird sich auch nach der so genannten Rückkehr zur Normalität nur langsam ändern. Dazu trägt auch die eingangs gelobte Vereinbarung der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und –chefs der Bundesländer bei. Zwar wurde bei dieser Gelegenheit erfreulicher Weise das Abitur gerettet, aber gleichzeitig betont, dass wir im Krisen-Modus bleiben bis ein Impfstoff gegen Covid-19 gefunden ist.

Eine derartige Erklärung hält nur die allgemeine Panik aufrecht und nimmt nicht zur Kenntnis, dass wir ständig neuen Viren ausgesetzt sind, dass die Corona- Grippe-Viren immer wieder mutieren und dann von den vor der Mutation entwickelten Impfstoffen nicht bekämpft werden. Die konsequente Logik wäre also ein ständiger Krisen-Modus, der ein normales Leben auf Dauer unmöglich machen würde.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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