Wirtschaft

Einkaufsmanager-Indizes tief im Keller: Verglichen mit Corona, war die Finanzkrise ein laues Lüftchen

Die Einkaufsmanager-Indizes sind veröffentlicht worden. DWN-Experte Michael Bernegger hat die für den Zustand der Wirtschaft so wichtigen Indikatoren analysiert - mit erschreckenden Ergebnissen.
24.04.2020 09:53
Aktualisiert: 24.04.2020 09:53
Lesezeit: 2 min
Einkaufsmanager-Indizes tief im Keller: Verglichen mit Corona, war die Finanzkrise ein laues Lüftchen
Die gesamte europäische Wirtschaft, einschließlich der deutschen, sieht sich einem Sturm ausgesetzt, verglichen mit dem die Finanzkrise ein laues Lüftchen war. (Foto: dpa) Foto: Frank May

Die Eurozone ist durch die Coronavirus-Pandemie in einen wirtschaftlichen Einbruch von verheerendem Ausmaß geraten. Deutschland steht nur marginal besser da als die südlichen Krisenstaaten Italien, Spanien und Frankreich. Die Einkaufsmanager-Indizes der Eurozone und der wichtigsten Mitgliedsländer zeigen für den April 2020 ein schlimmes Bild.

Einkaufsmanager-Indizes für die Eurozone: Produktion und Auftragseingang



Sowohl in der verarbeitenden Industrie als auch im Dienstleistungssektor zeigen die Zahlen Einbrüche, welche die Rückgänge in der großen Finanzkrise von 2008/09 harmlos erscheinen lassen. Die Einbrüche sind in allen Ländern der Eurozone ähnlich, und im Dienstleistungssektor noch ausgeprägter als in der verarbeitenden Industrie. Vor allem in den großen Bereichen wie dem Tourismus, der Hotellerie, den Gaststätten, dem Einzelhandel und dem Personen-Transport wurde die wirtschaftliche Aktivität fast vollständig eingestellt. Die Zahlen Deutschlands sind nur marginal besser als die der gesamten Eurozone (zu beachten: oberhalb des Wertes 50 gibt es ein Plus, bei genau 50 ein Gleichbleiben, unterhalb von 50 ein Minus; normalerweise schwankt der Wert zwischen 45 und 55):

  • Einkaufsmanager-Index für die Gesamtwirtschaft:

Eurozone: 13,5 / Deutschland: 17,1

  • Einkaufsmanager-Index für den Dienstleistungs-Sektor:

Eurozone: 11,7 / Deutschland: 15,4

  • Einkaufsmanager-Index für die verarbeitende Industrie:

Eurozone: 18,4 / Deutschland 19,4

Was ferner auffällt, ist die beispiellose Fallgeschwindigkeit. In der großen Finanzkrise erfolgte der Rückgang über mehrere Quartale hinweg, jetzt waren es lediglich zwei Monate. Dies ist der Tribut an die Coronavirus-Pandemie respektive die deswegen erfolgte Verhängung des Ausnahmezustandes in allen wichtigen Ländern.

Im Übrigen ist es anderswo nicht etwa besser als in Deutschland beziehungsweise der EU. Mindestens ebenso schlimm erwischte es das Vereinigte Königreich. Aber auch Japan, wo bis zum Datum der Erhebung noch kein nationaler Ausnahmezustand verhängt wurde, sind die Einbrüche beim Dienstleistungssektor massiv. Hingegen hat dort die verarbeitende Industrie bisher deutlich weniger schlecht abgeschnitten. Die Daten von Japan dürften sich im Mai den europäischen Werten angleichen, da Ministerpräsident Abe, bedingt durch den Anstieg der Fallzahlen, am 16. April den Ausnahmezustand vom Großraum Tokio auf das gesamte Land ausgedehnt hat.

Deutlich bessere Werte zeigen hingegen die Vereinigten Staaten. Dort fielen die Indizes auf 27 Punkte, sowohl für die Gesamtwirtschaft als auch die Dienstleistungen. Der Wert fürs verarbeitende Gewerbe fiel auf 29 Punkte. Damit scheint die Wirtschaftslage in den USA zwar auch dramatisch verschlechtert, aber doch weniger als in Europa. Hierzu ist allerdings anzuführen, dass sich die Dinge noch verschlechtern könnten. So verzeichnet die Zahl der Arbeitslosen in den USA dramatische Zunahmen. In den vergangenen fünf Wochen haben 26 Millionen Beschäftigte Anträge auf Arbeitslosen-Unterstützung gestellt. Dabei sind viele Anträge aus technischen Gründen aber noch nicht erfasst – die Zahlen dürften also noch steigen. Zudem dürfen ab 28. April die Firmeninhaber von Klein- und Mittelbetrieben Arbeitslosengeld beanspruchen. Das heißt, erst über die nächsten Wochen hinweg wird das ganze Ausmaß des Beschäftigungs-Einbruchs sichtbar werden. Ein Kernsektor, der dann zusätzlich Beschäftigte freisetzen wird, ist der überschuldete Öl- und Gassektor, der hart vom Crash der Energiepreise getroffen wird.

Da die Notstands-Maßnahmen in den großen europäischen Ländern bis in den Mai verlängert worden sind, ist für das zweite Quartal 2020 mit massivsten Einbrüchen des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Was Deutschland eindeutig von den anderen Industrieländern Europas unterscheidet, ist die Beschäftigungslage. Aufgrund der viel genutzten Kurzarbeiter-Regelung ist der Rückgang der Beschäftigung viel geringer als anderswo. Im Vereinigten Königreich zeichnet sich dagegen eine regelrechte Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt ab. Das Land hat ähnliche Kündigungsfristen wie die Vereinigten Staaten (1 bis 14 Tage), und das Programm zur Unterstützung der Klein- und Mittelbetriebe ist schlecht konzipiert und miserabel angelaufen. Deshalb werden im Rekordtempo Arbeitsplätze abgebaut. Die Banken zeigen wenig Interesse, den Klein- und Mittelbetrieben Überbrückungskredite zur Verfügung zu stellen. Die Banken müssten 20 Prozent des Kreditrisikos übernehmen, haben aber keine große Tradition der Kreditvergabe an dieses Kundensegment.

Insgesamt also ein erschreckendes Bild - die Weltwirtschaft steht im Sturm.

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