Politik

Steuer-Schlupfloch Luxemburg kostet EU-Staaten jährlich 12 Milliarden Euro

Dienstleistungen rund um das Thema Steuervermeidung sind von zentraler Bedeutung für das Wirtschaftsmodell von Luxemburg. Verlierer sind dabei die anderen EU-Staaten.
17.05.2020 13:34
Lesezeit: 2 min
Steuer-Schlupfloch Luxemburg kostet EU-Staaten jährlich 12 Milliarden Euro
Luxemburg ist ein Steuerparadies, wie es im Buche steht. (Foto: dpa) Foto: Ronald Wittek

Die Europäische Union führt eine offizielle Liste von Steueroasen, auf der aktuell mehr als ein Dutzend Staaten zu finden ist. Allerdings finden sich auf dieser Liste keine EU-Mitgliedsstaaten. Dieses Vorgehen steht bei Organisationen wie dem "Netzwerk für Steuergerechtigkeit" in der Kritik, da auch es innerhalb der EU eine Reihe von Steueroasen gibt, welche die EU-Staaten jedes Jahr um erhebliche Einnahmen bringen.

Die größten Steuerverluste für die EU-Staaten ergeben sich laut einer Studie des "Netzwerks für Steuergerechtigkeit" aus vier europäischen Staaten: Großbritannien, Schweiz, Niederlande und Luxemburg. Zusammen ist diese "Achse der Vermeidung" allein im Hinblick auf US-Unternehmen für direkte Einnahmeverluste in Höhe von rund 27,6 Milliarden Dollar verantwortlich.

Luxemburg, die Niederlande, die Schweiz und Großbritannien erhalten einen viel höheren Anteil an den Gewinnen der US-Konzerne, als man aufgrund der realen wirtschaftlichen Aktivität dieser Unternehmen dort erwarten würde. Die Differenz zwischen den erwarteten und den deklarierten Gewinnen zeigt das Ausmaß der Profitverschiebung.

Dies spiegelt sich in den gemeldeten Gewinnen pro Mitarbeiter wider. In Luxemburg erwirtschaftet demnach jeder dortige Mitarbeiter eines US-Konzerns unfassbare 8.832.000 Dollar Gewinn pro Jahr. Diese Zahlen heben sich von denen in Deutschland ab, wo US-Firmen lediglich 46.000 Dollar pro angestelltem Mitarbeiter verbuchen.

Die Grundlage für diese Profitverschiebung sind die sehr niedrigen Steuersätze, die in der Praxis viel niedriger sind als die gesetzlichen Steuersätze, die für inländische Unternehmen gelten. Dadurch verringert die "Achse der Steuervermeidung" nicht nur die Einnahmen in andere Staaten, sondern setzt zudem in der gesamten EU einen Wettlauf um möglichst niedrige effektive Steuersätze in Gang.

Die vier Länder der "Achse der Steuervermeidung" würden nur ein Zehntel oder weniger Steuern von den US-Konzernen erhalten, wenn sie vergleichbare Steuersätze hätten, schätzt das "Netzwerk für Steuergerechtigkeit". Die Nachbarländer hingegen könnten zwei- bis dreimal mehr Steuern von den multinationalen US-Konzernen einnehmen, und sogar noch mehr, wenn alle Staaten gemeinsam höhere Steuersätze hätten.

US-Unternehmen verbuchten in den vier Ländern der "Achse der Steuervermeidung" Profite in Höhe von insgesamt 271 Milliarden Dollar (mehr als doppelt so viel wie die 102 Milliarden Dollar in allen anderen EU-Ländern), auf die sie nur 15,9 Milliarden Dollar Steuern zahlten. Dies entspricht einem effektiven Steuersatz von 5,8 Prozent, in Luxemburg waren es sogar nur 0,7 Prozent.

Dienstleistungen rund um Untersützung bei der Steuervermeidung sind von zentraler Bedeutung für das Wirtschaftsmodell von Luxemburg mit seinen rund 610.000 Einwohnern. So machen beispielsweise allein die von US-Unternehmen in Luxemburg verbuchten Gewinne 94 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) des Landes aus.

Zusammen sind die vier genannten europäischen Steueroasen laut dem "Netzwerk für Steuergerechtigkeit" für rund die Hälfte der weltweiten Steuervermeidung durch Unternehmen verantwortlich. Ähnliche Untersuchungen zeigen, dass die vier Länder über einige der aggressivsten Doppelbesteuerungsabkommen verfügen, welche die Quellensteuer für die Partnerländer senken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street steigt, da KI-Optimismus Tech-Aktien beflügelt
27.10.2026

Technologie-Schwergewichte und wichtige Quartalszahlen bringen Bewegung in die US-Märkte – erfahren Sie, welche Entwicklungen die...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Claude-Entwickler lockt mit Wachstum und warnt zugleich vor enormen Kosten
27.10.2026

Das Anthropic-IPO könnte zu einem der wichtigsten Börsengänge des Jahres werden. Der Claude-Entwickler meldet explosives Umsatzwachstum,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ingenieurmangel trotz Rekordarbeitslosigkeit: Warum Deutschlands Technikarbeitsmarkt gespalten ist
27.10.2026

Mehr offene Stellen, aber gleichzeitig ein neuer Höchststand bei der Arbeitslosigkeit: Deutschlands Ingenieur- und IT-Arbeitsmarkt sendet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Temu und Shein werden teurer: EU kassiert ab November zusätzlich
27.10.2026

Ein paar günstige Produkte aus China bestellen und dabei kräftig sparen? Das könnte sich für deutsche Verbraucher bald weniger lohnen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
27.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Microsoft-Aktie im Fokus: US-Konzern bietet 60.000 Mitarbeitern Abfindungen an
27.10.2026

Der US-Softwarekonzern Microsoft bietet rund 60.000 Beschäftigten in vier Ländern einen freiwilligen Abschied gegen eine Abfindung an....

DWN
Finanzen
Finanzen Micron-Technology-Aktie zwischen KI-Boom und China-Risiko: Was Anleger jetzt beachten sollten
27.10.2026

Nach heftigen Kursschwankungen steht die Micron-Aktie erneut im Mittelpunkt des Anlegerinteresses. Der Speicherchiphersteller profitiert...

DWN
Politik
Politik EZB-Zinsentscheid: Bleiben die Zinsen stabil oder deutet Lagarde schon die nächste Erhöhung an?
27.10.2026

In dieser Woche stehen zwei Zinsentscheidungen an. Am Mittwoch tagt die US-Notenbank Fed, am Donnerstag folgt der EZB-Zinsentscheid.