Panorama

Mythos Kalaschnikow: Einfach, genial, russisch

Lesezeit: 3 min
24.05.2020 08:53
Die Kalaschnikow bleibt aufgrund ihres simplen Aufbaus eine der meistproduzierten Waffen der Welt. Wie kaum ein zweites Produkt wird das Sturm- und Maschinengewehr mit Russland und der Sowjetunion identifiziert – und das im positiven Sinne. Der Rüstungskonzern führt gerade wieder einen neuen Großauftrag aus.
Mythos Kalaschnikow: Einfach, genial, russisch
Illustration: Timo Würz

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

„Wir haben den Auftragsplan für die Lieferung von Kalaschnikow-Waffen des Typs AK-12 für das Jahr 2020 in Rekordzeit erfüllt“, sagte der CEO der Rüstungsgruppe Dmitry Tarasov. „Das Werk an unseren Hauptsitz in Izhevsk hat auch schon damit begonnen, die Order für 2021 zu produzieren, um unserem Land die Verteidigung zu zu sichern“, so Tarasov. „Die effektive Zusammenarbeit mit allen unseren Kunden bleibt unsere Priorität“, unterstrich der russische Manager, als er die letzte Lieferung der AK-12 an die russische Armee bekannt gab.

Dabei handelte es sich um 700 Stück eines Großauftrags, den der russische Rüstungskonzern an eine russische Spezialeinheit geliefert hat. Die Order erstreckt sich über mehrere Jahre und erfolgt in unterschiedlichen Etappen. Bis Ende 2021 soll der Waffenproduzent der russischen Armee insgesamt 112.500 AK-12-Waffen bereitstellen. Das Modell soll seinen Vorläufer, die AK-74M, ersetzen. Nach Aussagen des russischen Verteidigungsministeriums ist die AK-12 wesentlich leistungsfähiger – beispielsweise zeichnet sie sich durch eine bessere Technologie und Schussgenauigkeit aus.

Damit bleibt die Kalaschnikow ein wichtiger fester Bestandteil der russischen Armee, die wiederum in der russischen Gesellschaft eine besondere Wertschätzung genießt. Damit sind auch die Maschinen- und Sturmgewehre aus der Kalaschnikow-Reihe für das gesamte Land von großer Bedeutung. Die Waffe ist so populär, dass sie sogar da auftaucht, wo man sie nie vermuten würde. Beispielsweise wird sie auf Moskauer Flughäfen den Reisenden zum Kauf angeboten – neben internationalen Parfümsorten, Schokolade, Schnaps und Zigaretten.

Doch nicht nur im Land, sondern weltweit ist die Kalaschnikow sehr anerkannt: Mit geschätzten 100 Millionen Stück gehört sie zu meistproduzierten Waffen überhaupt. Wohl kaum ein Produkt wird international so eng mit einem Land in Verbindung gebracht wie die Kalaschnikow mit Russland.

Politisch mag die russische Regierung zwar seit dem Zerfall der Sowjetunion auf internationalem Parkett einiges an Einfluss eingebüßt haben, doch übt das Land über den erfolgreichen Verkauf des Sturm- und Maschinengewehres eine ungeahnte politische Macht aus, die auf den ersten Blick gar nicht so ersichtlich ist.

Gerade ihr einfacher Aufbau dürfte Grund sein, warum die Waffe einen so großen Erfolg hat. Die Modelle sind zwar in den vergangenen Jahrzehnten immer weiterentwickelt worden. Doch hat sich das Sturm- und Maschinengewehr im Prinzip seit seinem ersten Einsatz in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht verändert: Die Grundtechnik, zu dem das Schuss-Kontrollsystem mit dem Abzug und den sich drehenden Bolzen gehört, ist immer dieselbe geblieben, wie das US-Fachportal für internationale Beziehungen „National Interests“ berichtet.

„Als junger Mann habe ich irgendwo folgendes gelesen: Gott der Allmächtige sagte, 'Alles zu Komplizierte ist unnötig, und das Notwendige ist einfach.' Und das wurde zu meinem Lebensmotto – Ich habe Waffen zur Verteidigung der Grenzen meines Vaterlandes so konstruiert, dass sie einfach und zuverlässig sind“, hat Michail Kalaschnikow einmal gesagt.

Der russische Generalleutnant hat die Waffe entwickelt und ihr den Namen gegeben. Der Waffenexperte ist in Russland ein sehr anerkannter hochdekorierter Militär – nach wie vor. Kalaschnikow, der 2013 im biblischen Alter von 94 Jahren verstorben ist, wurde zweimal als „Held der sozialistischen Arbeit und als „Held der Russischen Föderation“ ausgezeichnet – also mit sehr hohen Titeln, die zeigen, wie sehr ihn die Russen schätzen.

Doch nicht nur in Russland, sondern nahezu überall auf der Welt ist der Name im Zusammenhang mit dem berühmten Gewehr zu hören. Dabei wurde sie eigentlich bei allen größeren militärischen Konflikten eingesetzt, die es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. Im Vietnamkrieg genauso wie bei Jugoslawien-Krieg in den Neunziger Jahre oder bei den zahlreichen Auseinandersetzungen im Nahen Osten.

Eine Stadt, wo man den Einsatz der Waffe nicht unbedingt erwartet, ist Marseille. So hat die sozialistische Senatorin Samia Ghali einmal im Jahr 2016 vorgeschlagen, in den schwierigen Bezirken ihrer Stadt hohe Schutzmauern zu errichten, um die Schulen zu schützen. Die Politikerin, die öfter mal mit provokanten Aussagen auf sich aufmerksam macht, forderte „eine Anti-Kalaschnikow-Mauer“ – in Anspielung darauf, dass die Kriminellen in diesen Vierteln oft das Sturmgewehr in ihren Auseinandersetzungen verwenden. Bisher hat Marseille ihre Idee zwar nicht umgesetzt.

Doch allein die Tatsache, dass Ghali für das Projekt den Namen der Waffe in den Mund genommen hat, zeigt, wie sehr sich das berühmte Sturmgewehr in den Köpfen der Menschen weltweit verankert hat. Und das dürfte wohl auch in Zukunft so bleiben – egal, wie sich die Weltpolitik künftig entwickelt.

 


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der grüne Eifer wird zum Bumerang: Wie die Begeisterung fürs Holz den Wald gefährdet

In seiner äußerst detaillierten und tiefschürfenden Analyse zeigt DWN-Kolumnist Ronald Barazon, warum deutscher und europäischer Wald...

DWN
Finanzen
Finanzen Spekulanten setzen auf Inflation und auf Joe Biden: Die eine Wette ist sicher - die andere hochriskant

Die großen Akteure im US-Anleihemarkt ändern zunehmend ihre Strategie: Sie wetten jetzt auf steigende Anleihe-Renditen. Die Märkte...

DWN
Politik
Politik Verzerrte Statistiken, verschleierte Tatsachen: Wie die deutschen Medien Schwedens Corona-Politik verunglimpfen

Die Berichterstattung vieler deutschen Medien über Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie ist unzureichend und fehlerhaft. Das findet...

DWN
Finanzen
Finanzen Serie „So werde ich zum Anleger“: Das Depot

Einsteiger verzweifeln oft, wenn sie in Fonds, ETFs oder Aktien investieren wollen. Wir erklären Ihnen Schritt für Schritt, auf welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Gazprom: Steuer-Querelen ärgern die Aktionäre

Die russischen Börsen sind auch für die deutschen Anleger von besonderem Interesse, weil hier mit Gazprom, Lukoil und Rosneft Unternehmen...

DWN
Politik
Politik China dominiert, die Agenda lautet "grün": So sieht die Welt im Jahr 2030 aus

Harvard-Professor Joseph S. Nye entwirft fünf Szenarien, wie das internationale Staatensystem in zehn Jahren beschaffen sein könnte.

DWN
Unternehmen
Unternehmen "Spaßkäufe" für kleine Internet-Händler zunehmend existenzbedrohend

Eigentlich brummt während der Krise das Geschäft mit dem Verkauf von Waren über das Internet. Doch betrifft das nur die großen...

DWN
Finanzen
Finanzen Erstes Land der Welt führt eine Digitalwährung als legales Zahlungsmittel ein

Die Bahamas haben eine digitale Zentralbankwährung zum legalen Zahlungsmittel gemacht. Der sogenannte Sand-Dollar muss nun von allen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Dunkle Wolken am Konjunktur-Himmel: KfW-Studie deckt verheerende Folgen des Lockdowns auf

Eine aktuelle Studie der KfW zeichnet ein düsteres Bild der Lage, in der viele kleine und mittelgroße Unternehmen in Deutschland stecken....

DWN
Politik
Politik Lagebericht Syrien: Islamisten treffen sich an türkischer Grenze und werden von US-Drohnen liquidiert

Die amerikanische Armee hat im Nordwesten Syriens zahlreiche Islamisten-Söldner mithilfe von Drohnenangriffen liquidiert.

DWN
Politik
Politik Nach Mord in Dresden: „Abschiebepflichtige Gefährder und schwere Straftäter dürfen wir nicht nach Syrien abschieben“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius beschwichtigt in der nach dem islamistischen Mord von Dresden aufgekommenen Debatte um eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Derivate - Finanzielle Massenvernichtungswaffe oder wichtige Stütze der Wirtschaft? Teil 2

Die Politik hat versagt: Der Spekulationskreislauf an den Märkten ist aus dem Ruder gelaufen. Die eigentlich nützlichen Derivate...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Renaissance der Kernkraft in Europa: Polen steigt in die Atomenergie ein, Deutschland mit „Energiewende“ isoliert

Während die Bundesregierung aus „klimapolitischen“ Gründen massiv in die Windkraft investiert, startet unser östlicher Nachbar eine...

DWN
Deutschland
Deutschland Neueste Zahlen zeigen extrem niedrige Sterblichkeitsrate bei Corona-Infektionen

Neueste Zahlen des Robert Koch-Instituts sowie der Weltgesundheitsorganisation zeigen eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit, dass...