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Gravierender Mangel an Schutzkleidung: Hygiene-Bedingungen in deutschen Krankenhäusern katastrophal

Lesezeit: 4 min
16.05.2020 08:46
Ein in der Intensivpflege Beschäftigter gibt Einblicke in die katastrophalen Zustände, die während der Corona-Krise in deutschen Krankenhäusern herrschen.
Gravierender Mangel an Schutzkleidung: Hygiene-Bedingungen in deutschen Krankenhäusern katastrophal
Verfügt über genügend Schutzkleidung: Gesundheits- und Krankenpflegerin Wiebke Bunzenthal zieht sich auf der Corona-Intensivstation im "Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden" Einweghandschuhe an. (Foto: dpa)

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Lars Klingert* arbeitet in der Corona-Krise an vorderster Front in der Krankenhaus-Intensivpflege. Im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten gibt der Krankenpfleger und Hygiene-Experte Einblicke in die teilweise katastrophalen Bedingungen, die derzeit in deutschen Kliniken herrschen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Klingert, an der Corona-Debatte sind die unterschiedlichsten Akteure beteiligt. Wissenschaftler, Politiker, Ökonomen und auch sehr viele absolute Laien, beispielsweise irgendwelche beliebige Prominente wie Schauspieler und Sportler. Warum hört man so gut wie nie etwas von denjenigen, die in den Krankenhäusern an vorderster Front stehen?

Lars Klingert: Weil die viel zu viel Angst haben, Tacheles zu reden. Sie fürchten berufliche Konsequenzen, würden sie mit der Wahrheit rausrücken.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sieht die Wahrheit aus?

Lars Klingert: Ganz einfach: In Deutschlands Krankenhäusern herrschen teilweise katastrophale hygienische Zustände, weil die Versorgung mit vielen Produkten zu großen Teilen zusammengebrochen ist. Ich will Ihnen mal ein paar Beispiele nennen: Wir haben standardisierte vorkonfektionierte Eimer mit Reinigungstüchern, die wir in Desinfektionsmittel tränken und anschließend dazu verwenden, Flächen und Gegenstände zu reinigen. Diese Eimer beziehungsweise ihr Inhalt hat ein Haltbarkeitsdatum – ist das erreicht, werden Eimer und Inhalt konsequent entsorgt, ganz egal, wie viele Reinigungstücher noch nicht benutzt wurden. Und jetzt, zu Corona-Zeiten? Weil der Nachschub fehlt, benutzen wir das Material so lange, bis es aufgebraucht ist – auf das Haltbarkeitsdatum achtet niemand mehr.

Das Gleiche gilt für Mund- und Nasenschutz-Masken. Es gibt partikelfilternde OP-Masken, die man eigentlich nach zweistündigem Tragen entsorgen muss. Doch jetzt tragen wir sie den ganzen Tag lang – auch während einer komplizierten Operation, bei der die Einhaltung der Hygiene-Vorschriften für den Patienten lebensnotwendig ist. Übrigens basteln sich viele ihre Masken derzeit selbst. Und auch die Haustechniker verbringen einen nicht geringen Teil ihrer Arbeitszeit damit, Masken herzustellen.

Generell kann man das so zusammenfassen: Das Prinzip der Krankenhaushygiene basiert auf dem Eigenschutz. Schützen sich Pflegekraft und Arzt, schützt das auch den Patienten. Schützen sie sich nicht, ist auch der Patient nicht mehr geschützt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Aber an der misslichen Situation hat doch keiner Schuld, oder? Schließlich konnte niemand wissen, dass die Corona-Pandemie ausbrechen würde.

Lars Klingert: Das stimmt. Aber dennoch hätte man vorbereitet sein müssen. Schließlich ist dieses Szenario nicht Corona-spezifisch – es würde sich bei jeder anderen Art von Pandemie genauso abspielen. Und Pandemien treten nun mal immer wieder auf, das ist unumgänglich.

Das Problem ist, dass die Krankenhäuser seit rund zehn Jahren nicht mehr bereit sind, Vorratslager anzulegen. Die Lagerung kostet Geld, der Kauf auf Vorrat bindet Kapital. Und da Krankenhäuser heute primär Wirtschaftsunternehmen sind, wollen die Verantwortlichen so etwas natürlich partout vermeiden. Vor Corona ging das ja auch gut: Die Lieferanten wurden von den Einkaufsabteilungen der Krankenhäuser mit der Drohung, sich einen anderen Lieferanten zu suchen, gezwungen, just-in-time zu liefern. Das funktioniert jetzt natürlich nicht mehr – jetzt sind die Einkäufer froh, wenn sie überhaupt noch Material kommen.

Die Weigerung, für genügend Lagerbestände zu sorgen, erweist sich übrigens jetzt nicht nur in hygienischer Hinsicht als problematisch. Sie kostet auch viel Geld.

Zum einen, weil Material zu überhöhten Preisen eingekauft werden muss – die Lieferanten befinden sich gegenüber den Abnehmern derzeit natürlich in der stärkeren Position; es müssen teilweise horrende Summen gezahlt werden, um überhaupt an Material zu kommen, selbst wenn es von minderwertiger Qualität ist.

Zum zweiten, weil wir häufig Material zweckentfremdet nutzen müssen – auch das ist kostspielig. Ein Beispiel: Es waren keine regulären Handschuhe mehr auf dem Markt, weshalb unsere Einkaufsabteilung teure Spezialhandschuhe für Allergiker erstehen musste. Die tun natürlich ihren Dienst – aber stellen eine völlig unnütze Ausgabe dar, die man sich bei ausreichender Lagerhaltung hätte sparen können.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Stimmt es, dass viele eigentlich notwendige Operationen derzeit nicht stattfinden?

Lars Klingert: Ja, das stimmt. Viele Operationen, bei denen feststand, dass der Patient anschließend in die Intensivbetreuung kommen würde, wurden abgesagt, um Betten für Corona-Kranke freizuhalten. Bei vielen Tumor-Operationen war das beispielsweise der Fall. Es haben aber auch viele Patienten von sich aus ihre – im Übrigen aus medizinischer Sicht oftmals notwendige – OP abgesagt, weil sie befürchteten, im Fall einer starken Ausbreitung der Pandemie keine ausreichende Pflege zu bekommen.

Womit wir wieder beim Geld wären: Das fehlt uns nämlich derzeit durch den Wegfall der Operationen. Krankenhäuser verdienen nämlich in erster Linie durchs OPs, nicht durch die anschließende Pflege. Ich will es mal provokant ausdrücken: Fürs Krankenhaus ist es am besten, wenn nur der Eingriff stattfindet und die – eigentlich zu erwartende – anschließende Pflege wegfällt. Nach dem Motto: Operation gelungen, Patient tot. Für einen Krankenhausmanager ist das das optimale Szenario – ich übertreibe jetzt etwas, aber ich möchte das ökonomische Denken im Krankenhausbetrieb veranschaulichen.

Die Ökonomisierung des Gesundheitssystems könnte uns in der nächsten Krise übrigens eine medizinische und humane Katastrophe bescheren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie uns das näher erläutern?

Lars Klingert: Covid-19 ist eine ernstzunehmende Krankheit. Dass in Deutschland im Vergleich zu einer ganzen Reihe von anderen westlichen Staaten so wenige Menschen gestorben sind, hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich die Menschen hierzulande im Durchschnitt in einem recht guten Gesundheitszustand befinden. Unsere medizinische Grundversorgung ist relativ gut, jeder erhält kostenfrei eine ordentliche Versorgung. Die kostenfreie zahnärztliche Grundversorgung dagegen hat man schon weitestgehend abgeschafft, weshalb man mittlerweile sagen kann: Zeig mir dein Gebiss, und ich sage dir, wieviel du verdienst.

Sollte die medizinische Grundversorgung genauso eingeschränkt werden wie die zahnärztliche, werden wir in Deutschland wahrscheinlich nicht nochmal mit einem blauen Auge davonkommen, wenn es wieder eine Pandemie gibt – und die wird es geben. Dann werden wir vielleicht Verhältnisse am eigenen Leib erleben, wie wir sie bisher nur aus dem Fernseher kannten, aus Reportagen über Italien und Spanien zum Beispiel.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Glauben Sie, dass es ein Umdenken geben wird? Dass uns Corona sozusagen wachgerüttelt hat?

Lars Klingert: Ihr Wort in Gottes Ohr. Vielleicht spielt der Faktor „Gewissen“ ja in Zukunft im Gesundheitsweisen tatsächlich wieder eine größere Rolle, vielleicht tritt der schnöde Mammon wieder etwas in den Hintergrund.

Aber dieser Anstoß müsste wahrscheinlich von ganz oben kommen, von der Politik. Und da habe ich meine Zweifel. Die Spitzenpolitiker sind dem Normalleben doch viel zu weit entrückt. Ich will Ihnen mal ein Beispiel geben: Wenn die Bundeskanzlerin, selbst wenn ein Ministerpräsident in unsere Stadt kommt, wird bei uns im Klinikum extra ein Operationssaal freigehalten und steht ein Team von hochqualifizierten Medizinern bereit, im Fall der Fälle einzugreifen. Das ist natürlich nicht nur bei uns der Fall, sondern überall sonst in Deutschland auch. Ich zweifle daran, dass Menschen, die so umsorgt werden, sich überhaupt noch vorstellen können, was es heißt, als normaler Bürger durchs Leben gehen zu müssen.

* Lars Klingert ist ein Pseudonym. Der Interviewte möchte aus Furcht vor beruflichen Konsequenzen seinen wahren Namen nicht gedruckt sehen. Den DWN ist der Name bekannt.

Lars Klingert (54) ist ausgebildeter Krankenpfleger und verfügt über eine Weiterbildung zur Hygienefachkraft. Er nennt über 30 Jahre Berufserfahrung sein Eigen und ist derzeit in einem großen Universitäts-Klinikum in Westdeutschland im Intensivpflege-Bereich beschäftigt.


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