Finanzen

Investmentbanker jubelt: Corona-Virus beschleunigt Niedergang des Bargelds

Ein ehemaliger hochrangiger Goldman Sachs-Manager meint, dass die Corona-Pandemie das Verschwinden des Bargelds beschleunigt - und das findet er gut.
23.05.2020 12:17
Lesezeit: 2 min
Investmentbanker jubelt: Corona-Virus beschleunigt Niedergang des Bargelds
30.01.2009, Schweiz, Davos: Gary Cohn, damaliger Chief Operating Officer von Goldman Sachs, während des Weltwirtschaftsforums. (Foto: dpa) Foto: Sebastian Derungs

“Online-Händler wie Alibaba und Amazon florieren, und immer mehr stationäre Geschäfte haben auf Systeme umgestellt, bei denen Sie im Voraus bestellen, telefonieren und am Straßenrand abholen. Sogar Unternehmen, die sich jahrzehntelang gegen Kreditkarten gewehrt haben - Frankfurter Bäckereien und Psychotherapeuten in New York -, begrüßen oder verlangen sogar digitales Geld”, behauptet Gary Cohn, ehemaliger COO von Goldman Sachs und Ex-Direktor des Nationalen Wirtschaftsrates der USA, in einem Gastbeitrag der Financial Times.

Cohn lobt Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission für Finanzdienstleistungen. Dombrovskis versuche, diesen Prozess voranzutreiben. Dabei beruft er sich auf einen Tweet des EU-Kommissars. Dieser hatte am 25. März 2020 mitgeteilt, dass es an der Zeit sei, das Bargeld durch Kreditkarten zu ersetzen. “Zeit, Ihre Münzen gegen Zahlungskarten einzutauschen - sicherer, um das Coronavirus einzudämmen. Wir ermutigen alle Zahlungsdienstleister, die nach EU-Recht zulässigen Grenzwerte für kontaktloses Bezahlen zu erhöhen, so Dombrovskis.

Cohn wörtlich: “Die Coronavirus-Pandemie und unsere Bemühungen, die Übertragung von Krankheiten zu verringern, zwingen uns zu der Frage, ob wir der Notwendigkeit entwachsen sind, Geld in physischer Form zu tragen und zu bewegen. Wir verfügen bereits über die Technologie, um rein digital zu bezahlen und Transaktionen durchzuführen und zum Zeitpunkt der Transaktion eine hochsichere biometrische Authentifizierung zu verwenden (...) Wenn wir auf digital umsteigen würden, würde niemand schmutziges Geld oder Münzen bei sich tragen oder erneut mit einem Scheck umgehen.”

Doch der Investmentbanker liegt falsch mit der Annahme, dass Bargeld infektiöse Krankheiten überträgt. Das haben zahlreiche Verbände, Banken und sogar die Bundesbank bereits bestätigt. Die EZB hat sogar zwangsläufig nachgezogen und anerkannt, dass die “Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit einem Virus über eine Banknote im Vergleich zu anderen Oberflächen sehr gering” sei. Unklar ist, ob die Aussage der EZB taktischer Natur war, denn EZB-Chefin Christine Lagarde ist eine Bargeld-Gegnerin.

Der demokratische US-Senator Sherrod Brown versuchte zunächst, Digital Banking als Teil in die Coronavirus-Reaktion einzubeziehen. Er möchte, dass die US-Notenbank digitale Dollarkonten und Geldbörsen für alle Bürger erstellt. Geldautomaten und Bankfilialen, die bereits schnell schließen, wären veraltet. Das Einkommen würde direkt in die Brieftasche einer Person eingezahlt und direkt daraus ausgegeben. Eine Idee, die Cohn, der sich in seinem Gastbeitrag als "Menschenfreund" präsentiert, begeistert. Er meint: “Für die geschätzten 1,7 Milliarden Menschen weltweit , die kein Bankkonto haben, würden staatliche Geldbörsen ihnen einen breiteren Zugang zu Online-Diensten und -Märkten ermöglichen und ihnen helfen, Darlehensgeber und Scheckeinlösungsdienste zu vermeiden.”

Doch auch Unternehmen würden davon profitieren, meint der wohlbetuchte “Menschenfreund”: “Jedes Unternehmen, insbesondere kleine, hätte ein digitales Hauptbuch über seinen Cashflow und seinen Umsatz. Dies würde es für Mitarbeiter oder Zwischenhändler schwieriger machen, Bargeld abzuziehen, da Kunden die digitale Geldbörse des Verkäufers direkt bezahlen würden. Viele illegale Unternehmen würden effektiv aus dem Geschäft genommen oder zumindest weitaus sichtbarer und würden der Umsatzsteuer und der Einkommensteuer unterliegen. Denken Sie an den Bundesstaat Kalifornien, der lizenzierten Cannabisverkäufern eine Verbrauchsteuer von 15 Prozent auferlegt, während der Schwarzmarkt auf Bargeldbasis Steuern vermeidet. Der Staat schätzt, dass der regulierte Markt weniger als ein Drittel der Aktivitäten erfasst hat.”

Die Einführung digitaler Zahlungsmöglichkeiten habe aufgrund der Corona-Pandemie einen “gigantischen Schub” erhalten. Diese Veränderung sei ein Schritt in die richtige Richtung, behauptet er.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Inflation und Konsumzurückhaltung: Wie Deal-Plattformen die Kaufkraft der Verbraucher stärken

Angesichts einer persistenten Inflation und steigender Lebenshaltungskosten sehen sich private Haushalte in Deutschland einem erheblichen...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Weniger zahlen bei miesem Handynetz: Staat legt Regeln fest
16.04.2026

Die Handynetze werden besser, doch mancherorts gibt es noch immer Defizite. Sind die groß, kann der Verbraucher im Streit mit dem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Private Ersparnisse in Europa: EU will mehr Kapital in Investitionen lenken
16.04.2026

Europas enormes Sparvermögen rückt zunehmend in den Fokus der Wirtschaftspolitik, während die EU nach Wegen sucht, Kapital produktiver...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street schließt uneinheitlich, während Tech-Rallye den S&P 500 auf ein Rekordhoch treibt
15.04.2026

Ein spannender Handelstag voller Kontraste hält Anleger in Atem und sorgt für überraschende Wendungen.

DWN
Politik
Politik „Strategische Partnerschaft“ mit der Ukraine: Deutschland vereinbart Rüstungsdeals mit Selenskyj
15.04.2026

Die finanzielle und militärische Hilfe für die Ukraine nimmt federführend durch Deutschland und Großbritannien an Fahrt auf. Nachdem...

DWN
Technologie
Technologie Novo Nordisk-Aktie: KI von OpenAI soll Pharmaentwicklung beschleunigen
15.04.2026

Novo Nordisk treibt den Einsatz von KI in der Pharmaindustrie voran und setzt dabei auf eine Kooperation mit OpenAI. Kann künstliche...

DWN
Politik
Politik Deutschlands Photovoltaik-Ausbau: Wie Solarstrom Europas Energiemarkt stabilisiert
15.04.2026

Deutschlands Photovoltaik-Ausbau gewinnt in einem angespannten geopolitischen Umfeld strategisch an Bedeutung für den europäischen...

DWN
Politik
Politik YouGov-Umfrage: AfD klar stärkste Kraft - Union stürzt auf schlechtesten Wert seit vier Jahren
15.04.2026

In einer YouGov-Umfrage kann sich die AfD deutlich von den anderen Parteien absetzen. Auch Grüne und Linke legen zu. Die einzigen, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Prognose der Deutschen Bank: US-Dollar verliert an Stärke
15.04.2026

Die Deutsche Bank sieht eine veränderte Ausgangslage an den Devisenmärkten und rät Marktteilnehmern zu einer Neuausrichtung ihrer...