Finanzen

Großbritannien begibt erstmals Anleihen mit negativer Rendite

Zum ersten Mal bezahlen Anleger die britische Regierung dafür, dass sie ihr Geld leihen dürfen. Doch das Verhalten der Anleger ist nur scheinbar irrational.
21.05.2020 13:05
Lesezeit: 2 min
Großbritannien begibt erstmals Anleihen mit negativer Rendite
Nie zuvor konnte Großbritannien so günstig Schulden machen wie derzeit. (Foto: dpa) Foto: Joe Giddens

Großbritannien hat 3,8 Milliarden Pfund an dreijährigen Anleihen zu einer Rendite von minus 0,003 Prozent begeben. Mit anderen Worten: Erstmals bezahlen Anleger den Staat dafür, dass sie ihm Geld leihen dürfen. Zwar begab Großbritannien bereits 2016 eine Anleihe mit einer Laufzeit von einem Monat mit einer negativen Rendite. Doch dies ist das erste Mal, dass der britische Staat eine konventionelle längerfristige Anleihe mit einer Rendite unter Null begeben hat.

Die starke Nachfrage nach britischen Staatsanleihen spiegelt die wachsenden Erwartungen der Anleger wider, dass die Bank of England (BoE) möglicherweise zusätzliche Wertpapiere wird kaufen müssen, um die Inflation wieder auf das von ihr angestrebte 2-Prozent-Ziel anzuheben. Die Inflationsrate in Großbritannien ist im April auf 0,8 Prozent gefallen, teilte das Statistikamt National Statistics am Mittwoch in London mit. Dies ist der niedrigste jährliche Anstieg der Verbraucherpreise seit dem Jahr 2016.

Ein Großteil des Rückgangs der Preisinflation ist auf den Einbruch des Benzinpreises zurückzuführen. Doch Ökonomen warnen, dass der Nachfrageschock infolge der Maßnahmen gegen die Corona-Krise einen breiteren disinflationären Trend verursachen könnte, wie die Financial Times berichtet. Diesem breiteren disinflationären Trend begegnen Notenbanken in der Regel dadurch, dass sie (elektronisch) Geld drucken und damit Staatsanleihen und andere Wertpapiere kaufen.

Adrian Paul, Ökonom bei Goldman Sachs, erwartet, dass die britische Zentralbank ihr Anleihenkaufprogramm im nächsten Monat um 100 Milliarden Pfund erhöhen wird. Auch Melanie Baker, leitende Ökonomin bei Royal London Asset Management sieht die BoE unter Druck, "da die Inflation jetzt mehr als 1 Prozentpunkt unter dem Ziel liegt". Der Gouverneur der Bank von England werde einen Brief an den Kanzler schreiben und erklären müssen, warum die Inflation so weit unter dem Ziel liegt und was er dagegen zu tun gedenkt.

Großbritannien erhielt bei der Auktion am Mittwoch Gebote in Höhe von 8,1 Milliarden Pfund. Das war mehr als das Doppelte des angestrebten Betrags. Die robuste Nachfrage unterstreicht die Attraktivität der britischen Anleihen, die aufgrund der hohen Kreditwürdigkeit Großbritanniens seit Langem als sicherer Hafen gelten. Sorgen im Hinblick auf die starke Kreditaufnahme Großbritanniens infolge der Corona-Krise haben die Nachfrage der Investoren offenbar nicht belastet.

Die Bank of England hat ihren Leitzins bisher nicht unter Null gesenkt. Doch andere Zentralbanken, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan, hatten ihre Zinssätze schon vor der Corona-Krise in den negativen Bereich abgesenkt. Und auch in Großbritannien wird darüber diskutiert, ob die Notenbank den Leitzins von seinem bereits historischen Tiefstand von aktuell 0,1 Prozent nun ebenfalls in den negativen Bereich senken sollte.

Andere Zentralbanken, die bereits negative Leitzinsen eingeführt haben, stehen deshalb in der Kritik, etwa weil sie so die Rentabilität der Banken stark belasten. "Ich kann mir kein Land vorstellen, wo Negativzinsen eine schlechtere Idee sind als in Großbritannien", zitiert die Financial Times Kit Juckes von Société Générale. "Der wirtschaftliche Nutzen ist zweifelhaft, aber es scheint klar, dass negative Zinssätze in Kombination mit massiven Wertpapierkäufen die Währung schwächen, und wenn das Pfund ausreichend fällt, werden Wertpapierkäufe schwieriger."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg setzt Märkte unter Druck: Warum Ölpreise steigen und Aktien fallen
31.03.2026

Ein Monat nach Beginn des Iran-Kriegs geraten Finanzmärkte, Aktien und Energiepreise weltweit unter spürbaren Druck. Welche konkreten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volkswagen Rüstungsindustrie: Warum der Autobauer auf Waffen setzt
31.03.2026

Volkswagen steht vor einem historischen Kurswechsel und prüft den Einstieg in die Rüstungsproduktion. Was als Rettung für Arbeitsplätze...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Syrische Fachkräfte: Stütze für den deutschen Arbeitsmarkt
31.03.2026

Syrer sind für Deutschland zum unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. Laut Bundesagentur für Arbeit leisten bereits 320.000 syrische...

DWN
Panorama
Panorama Sparsames Osterfest: Fast jeder Zweite plant geringere Ausgaben
31.03.2026

Die Kauflaune der Deutschen erfährt zum Osterfest einen deutlichen Dämpfer. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage plant mit 40 Prozent ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Börsen geraten unter Druck: Welche Chancen Anleger jetzt nutzen können
31.03.2026

Geopolitische Spannungen belasten die US-Börsen und verschieben die Kräfteverhältnisse an den Finanzmärkten spürbar. Welche Dynamiken...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ostdeutsche Wirtschaft tritt auf die Bremse: Geschäftsklima sinkt erneut
31.03.2026

Die konjunkturelle Stimmung in Ostdeutschland hat sich im März leicht eingetrübt. Laut aktuellen Daten des Ifo-Instituts Dresden sank der...

DWN
Politik
Politik Ost-West-Pipeline gewinnt an Bedeutung: Saudi-Arabien umgeht Straße von Hormus
31.03.2026

Saudi-Arabien erhöht mit der Ost-West-Pipeline seine Exportkapazität und umgeht damit gezielt die Straße von Hormus als geopolitisches...

DWN
Finanzen
Finanzen Schuldenberg wächst: Bundeshaushalt verzeichnet Rekordplus an Krediten
31.03.2026

Deutschlands Staatsschulden sind im Jahr 2025 massiv um 144 Milliarden Euro angestiegen. Wie die Bundesbank mitteilt, ist dieser Zuwachs...