Politik

Taiwan meldete vor China Corona-Pandemie, doch die WHO ignorierte Warnung

Taiwan hatte die WHO drei Wochen vor China vor einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Corona-Virus gewarnt. Trotzdem weigert sich die WHO, Taiwan als Mitglied oder Beobachter aufzunehmen.
25.05.2020 13:00
Aktualisiert: 25.05.2020 13:13
Lesezeit: 3 min
Taiwan meldete vor China Corona-Pandemie, doch die WHO ignorierte Warnung
Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen. (Foto: dpa) Foto: Office Of The President Of Taiwa

Taiwan möchte unbedingt Mitglied der WHO werden. Doch China ist dagegen. Taiwan gehört offiziell der Republik China an. Der Inselstaat hat zwar eine eigene Regierung, Armee und Währung, doch weltweit wird er nur von 15 Staaten offiziell anerkannt. Diese Umstände erschweren eine WHO-Mitgliedschaft oder einen Beobachterstatus Taiwans. “Trotz all unserer Bemühungen und einer nie dagewesenen Maß an internationaler Unterstützung hat Taiwan keine Einladung erhalten, sich zu beteiligen”, zitiert die Deutsche Welle Taiwans Außenminister Joseph Wu.

In Taipeh gebe es ein großes Bedauern und eine “starke Unzufriedenheit”, weil die WHO sich dem Druck Pekings gebeugt habe, um Taiwan nicht als Vollmitglied der WHO zu akzeptieren. China blockiert seit drei Jahren die Teilnahme der Inselrepublik an der WHO-Jahrestagung.

In diesem Jahr hatten die USA Verbündete zusammengetrommelt, um Taiwans Teilnahme durchzusetzen. Laut US-Außenminister Mike Pompeo hatte am Ende eine entsprechende Resolution aber keine Chance auf eine Mehrheit und wurde deshalb vertagt. Taiwan, das bei der Bekämpfung des Coronavirus große Erfolge vorweisen kann, kritisierte, dass es nicht an der Sitzung teilnehmen konnte. So sei allen Seiten die Chance auf einen Erfahrungsaustausch genommen worden.

Die Welt berichtet: “Dass die Weigerung der WHO, Taiwan aufzunehmen, ein Problem ist, hat die Covid-19-Pandemie gezeigt. Taiwan ist das erste Land gewesen, das auf die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen Coronavirus hingewiesen hat. Am 31. Dezember informierte die taiwanische Seuchenbehörde die WHO in einer E-Mail über Fälle ,atypischer Lungenentzündungen’ in Wuhan. ,Atypische Lungenentzündung’ wird häufig als Bezeichnung für Sars verwendet. In der E-Mail wiesen die taiwanischen Seuchenbekämpfer darauf hin, dass die Patienten in Wuhan zur Behandlung isoliert worden seien. Diese Formulierungen, so die taiwanische Behörde, hätte jeder Gesundheitsexperte als Warnung vor der Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch verstehen müssen. Doch die WHO ignorierte die E-Mail. China bestätigte die Mensch-zu-Mensch-Übertragung erst am 20. Januar, die WHO folgte zwei Tage darauf. Drei Wochen vergingen ungenutzt.”

“Nun droht Taiwans Aufnahmegesuch zu einem weiteren Feld des geopolitischen Streits zwischen USA und China zu werden: Die USA haben Verbündete zusammengetrommelt, die eine Aufnahme Taiwans unterstützen. Auch Deutschland trägt diese Position mit”, so die Deutsche Welle.

In Taiwan dominieren die China-Kritiker

In der vergangenen Woche wurde Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen für die zweite Amtszeit vereidigt. Die 63-Jährige schwor ihren Eid am Mittwoch in der Hauptstadt Taipeh. Der klare Sieg der chinakritischen Präsidentin bei den Wahlen im Januar war eine Abfuhr für die kommunistische Führung in Peking, die den Druck auf die freiheitliche und demokratische Inselrepublik verstärkt hatte.

Chinas Regierung schickte am Tag der Amtseinführung neue Drohungen Richtung Taiwan: Man sei fest entschlossen, seine nationale Souveränität und territoriale Integrität zu verteidigen, teilte das für Taiwan-Fragen zuständige Verbindungsbüros der chinesischen Regierung mit. Es gebe keine Toleranz für Versuche externer Kräfte, einen Teil des chinesischen Territoriums von China zu trennen.

Sie werde es “nicht akzeptieren”, dass Peking den Status quo untergräbt, sagte Tsai am Mittwoch in ihrer Antrittsrede. Allerdings signalisierte sie auch Gesprächsbereitschaft. Sie hoffe, das auch China die gleiche Verantwortung übernehme. Auch kündigte Tsai an, weiterhin für die Mitgliedschaft Taiwans in internationalen Organisationen zu kämpfen. Bündnisse mit Partnern wie den USA, Japan und Europa wolle sie stärken.

Taiwans geopolitische Bedeutung

Taiwan liegt an einer Seespur im Westpazifik, mit dem Ostchinesischen Meer im Norden, dem Philippinischen Meer im Osten und dem Südchinesischen Meer im Süden. Die Insel liegt 180 Kilometer vor der Südostküste des chinesischen Festlandes auf der anderen Seite der Taiwanstraße. Die Meerenge hat seit der Antike die Kommunikation mit dem Festland ermöglicht, aber auch die Insel gezwungen, sich den unerbittlichen Versuchen des Festlandes zu stellen, es einzunehmen. Taiwan besteht aus zwei geografischen und Bevölkerungskernen.

Die erste ist die Chianan-Ebene im Südwesten, in der Taiwans früheste Zivilisationen beheimatet waren, und die zweitgrößte Stadt der Insel, Kaohsiung. Das zweite ist das Taipei-Becken, in dem sich die Inselhauptstadt Taipeh befindet. Diese beiden Kerne sind durch schroffe Berge getrennt und haben über mehrere Jahrhunderte ihre eigenen sozialen Muster und wirtschaftlichen Strukturen entwickelt. Die Anwesenheit von Festlandbewohnern, die seit dem 17. Jahrhundert die Meerenge überqueren, verstärkt die gesellschaftspolitischen Unterschiede auf der Insel. Taiwans entscheidende strategische Position hat es jahrhundertelang in den Mittelpunkt des regionalen geopolitischen Wettbewerbs gerückt. Im 17. Jahrhundert wurde es von verschiedenen europäischen Kolonialmächten kontrolliert und wechselte bis zum Zweiten Weltkrieg die Seiten zwischen dem chinesischen Reich und den japanischen Herrschern. Taiwan war Mitte der 1940er Jahre das erweiterte Schlachtfeld des chinesischen Bürgerkriegs und etablierte sich erst 1945 als unabhängiges, einheitliches Gemeinwesen. Heute ist es ein Schwerpunkt der Machtkämpfe zwischen China, Japan und den USA. Die primäre geografische Herausforderung besteht darin, nicht von externen Mächten dominiert zu werden und gleichzeitig einen Seepuffer zu sichern. Beide Ziele werden von China in Frage gestellt, das seine maritimen Ambitionen im Ost- und Südchinesischen Meer erweitert und weiterhin auf eine eventuelle nationale Wiedervereinigung fixiert ist.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Infineon-Aktie: Chipkonzern Infineon hebt wegen KI-Boom Prognose an
06.05.2026

Infineon blickt optimistischer auf das laufende Geschäftsjahr 2025/26. Trotz der Belastungen durch den starken Euro rechnet der...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie: Erfolg der Wegovy-Abnehmpille – und überraschend gute Zahlen
06.05.2026

Mit der neuen Wegovy-Abnehmpille gelingt Novo Nordisk ein beeindruckender Marktstart in den USA. Die Novo Nordisk-Aktie reagiert deutlich...

DWN
Politik
Politik Kein vorzeitiges Ende: Merz sieht keine Alternative zu Schwarz-Rot
06.05.2026

Die schwarz-rote Regierung versinkt ein Jahr nach ihrem Amtsantritt im Streit. Den Spekulationen über ein vorzeitiges Ende der Koalition...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nord Stream 1: Lubminer Gaskraftwerk wird an die Ukraine verschenkt
06.05.2026

Das funktionsfähige und stillgelegte Gaskraftwerk in Lubmin, soll an die Ukraine verschenkt werden. Das sorgt für Unmut, denn die Anlage...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Edelmetalle legen wegen Iran-Hoffnungen zu – so geht es beim Goldpreis weiter
06.05.2026

Der Goldpreis steigt wieder deutlich an und profitiert von neuen Hoffnungen im Iran-Konflikt. Gleichzeitig sorgen Rohstoffknappheit und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hensoldt-Aktie: Auftragsboom zum Jahresstart - Prognose bestätigt
06.05.2026

Deutscher Rüstungskonzern feiert Auftragsrekord: Hensoldt hat im ersten Quartal angesichts der hohen Nachfrage nach Rüstungselektronik...

DWN
Panorama
Panorama Ehepaar gesteht Millionendiebstahl aus Münzautomaten
06.05.2026

Ein Bauhofmitarbeiter und seine Frau sollen über Jahre Parkautomaten systematisch geplündert haben. Vor Gericht gestehen beide den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa unter Zugzwang: Was im globalen KI-Wettlauf auf dem Spiel steht
06.05.2026

Europas Rückstand im KI-Wettlauf wird für Wirtschaft und Politik zunehmend zu einem strategischen Risiko. Kann der Kontinent seine...