Politik

Ägypten und die Türkei steuern auf eine militärische Konfrontation in Libyen zu

Ägypten bereitet sich auf einen Vorstoß in das Nachbarland Libyen vor. Sollte die libysche Regierung die von Ägyptens Verbündeten General Haftar gehaltene Hafenstadt Sirte angreifen, wäre dies eine "rote Linie", heißt es aus Kairo.
22.06.2020 14:28
Aktualisiert: 22.06.2020 14:28
Lesezeit: 3 min
Ägypten und die Türkei steuern auf eine militärische Konfrontation in Libyen zu
Ägyptens Präsident Al-Sissi (r) mit seinem französischen Kollegen Macron. (Foto: dpa) Foto: -

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi stimmt die Armee auf einen möglichen Einsatz im benachbarten Stellvertreterkriegsland Libyen ein. „Seid bereit für jegliche Mission innerhalb unserer Grenzen - oder wenn nötig außerhalb unserer Grenzen“, sagte Al-Sisi beim Besuch einer Luftwaffenbasis nahe der libyschen Grenze. Al-Sisi äußerte sich erstmals öffentlich über einen möglichen Einsatz in Libyen. Solch ein Einsatz sei „legitim“, sagte der Präsident nach einem Bericht des Staatsfernsehens vom Samstag. Ziel sei der Schutz vor Bedrohungen von „Terrormilizen und Söldnern.“ Sollten libysche Regierungstruppen versuchen, die Hafenstadt Sirte anzugreifen, wäre dies eine „rote Linie“, welche wahrscheinlich den Einmarsch der ägyptischen Armee auslösen würde.

Ägypten unterstützt im Libyen-Konflikt den Söldner-General Chalifa Haftar, dessen Verbündete gegen Truppen der international anerkannten Regierung kämpfen. Haftar konnte seine Offensive auf Tripolis dank der Militärhilfe aus Ägypten sowie aus Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten in den vergangenen Monaten weiter vorantreiben. Die Regierungstruppen in Tripolis – unter denen es eine beträchtliche Zahl an Islamisten gibt – drängten ihn mit militärischer Hilfe der Türkei aber schließlich zurück. Ägypten sorgt sich um die Sicherheit an der etwa 1.200 Kilometer langen libysch-ägyptischen Grenze im kargen Wüstenland. Dort kam es schon mehrfach zu terroristischen Angriffen.

Zudem will Al-Sisi verhindern, dass islamistische Gruppen ihren Einfluss in Libyen ausdehnen. Al-Sisi selbst war nämlich im Zuge eines Militärputsches gegen die islamistischen Moslembrüder des früheren Präsidenten Mohammed Mursi an die Macht gelangt. Die Ideologie der Moslembrüder ist auch ein wichtiger Faktor für die türkische Regierung – so zeigt Präsident Erdogan häufig das von den Moslembrüdern verwendete „R4bia-Zeichen“, welches an die Opfer ägyptischer Sicherheitskräfte bei der Räumung eines Platzes vor der Kairoer Rabia-al-Adawija-Moschee erinnert.

Die libysche Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch bezeichnete den möglichen Einsatz als „feindseligen Akt“. Al-Sisis Bemerkungen kämen einer „Kriegserklärung“ gleich, teilte die Regierung am Sonntag mit. „Wir allein sind diejenigen, die den Ort und Zeitpunkt unserer Militäreinsätze bestimmen, um unser Land zu säubern und die Staatsgewalt darüber auszuweiten.“

Die Jerusalem Post deutet an, dass der Hafenstadt Sirte die Rolle einer Grenzmarkierung bei der Aufteilung Libyens in verschiedene Einflusszonen zukommen dürfte:

Ägyptens Präsident signalisiert nun eine rote Linie in Libyen. Diese Linie könnte die von der Türkei unterstützte libysche Regierung von Sirte und einem strategisch wichtigen Flugplatz in Jufra fernhalten. Das Land würde dann in der Mitte geteilt. Ägypten hat eine massive Armee - aber es handelt sich auch um eine auf fremden Boden unerfahrene Armee.

Zum Vergleich der türkischen und ägyptischen Armee und der strategischen Ausgangssituation schreibt die Zeitung:

Auf dem Papier gleichen sich die Armeen der Türkei und Ägyptens weitgehend. Beide verfügen über F-16-Kampfjets und hunderte weitere Flugzeuge. Ägyptens Armee gilt mit tausenden Panzern als die neuntgrößte der Welt, jene der Türkei als elftgrößte. Beide Länder nutzen zudem westliche Waffensysteme der USA oder der Nato. Die Verbindung der Türkei zur Nato macht ihre Aktivitäten wahrscheinlich effektiver als jene Ägyptens. Beide Staaten gehen zudem gegen innere Widersacher vor. Ägypten liegt nahe an Libyen und kann deswegen leicht gepanzerte Brigaden oder Truppen an die Front bringen. Die Türkei müsste diese einfliegen lassen und wird syrische Söldner bevorzugen, um die Schmutzarbeit zu machen.

Auch die EU ist inzwischen tief im Stellvertreterkrieg in Libyen involviert – in erster Linie, weil Frankreich Haftar unterstützt. Zum anderen versucht die EU im Zuge der Marineoperation Irini, den Zustrom an Waffen nach Libyen einzudämmen. Die Operation dürfte aber auch ein Zeichen gegenüber der Türkei sein, welche in einem einseitigen Abkommen mit der Regierung in Tripolis praktisch das ganze östliche Mittelmeer für sich reklamiert, ohne die territorialen Ansprüche Griechenlands, Zyperns und Ägyptens zu respektieren.

Russland – das Haftar unterstützt – bekräftigte einmal mehr eine friedliche Lösung. Es gebe keine Alternative zu einem sofortigen Stopp aller Kampfhandlungen und zu einem Dialog, sagte Außenminister Sergej Lawrow nach einem Telefonat mit seinem ägyptischen Kollegen Samih Schukri. Grundlage für solche Gespräche sollen nach russischer Auffassung die Beschlüsse der Libyen-Konferenz im Januar in Berlin sein.

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