Finanzen

Bei Wirecard sind fast zwei Milliarden unauffindbar: Lohnt sich der Aktien-Einstieg gerade jetzt?

Auch wenn der Zahlungs-Dienstleister "Wirecard" in schwere Turbulenzen geraten ist, spricht vieles für einen Einstieg bei dem DAX-Unternehmen.
23.06.2020 10:33
Lesezeit: 3 min
Bei Wirecard sind fast zwei Milliarden unauffindbar: Lohnt sich der Aktien-Einstieg gerade jetzt?
Wie die Wirecard-Aktie zu bewerten ist, fragt sich nicht nur dieser Händler der Frankfurter Börse. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Nach einer langen, im Endeffekt erfolglosen Abwehrschlacht, hat Wirecard-CEO Markus Braun bei dem Münchener Zahlungs-Dienstleister schließlich das Handtuch geworfen. „Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist“, erklärte der 50-jährige Österreicher wenige Stunden vor seinem Abgang. Der Manager tat richtig daran, das Feld zu räumen, denn die Reputation des schwer in die Krise geratenen Unternehmens wäre unter ihm nicht mehr reparabel gewesen, weshalb der Vorwurf einiger Medien, Braun hätte sich davongestohlen, auch nicht berechtigt war (auch wenn er sicherlich eine Menge Antworten schuldig geblieben ist).

Ein neuer Mann übernimmt das Ruder

Die Verantwortung für das Unternehmen und seine weit mehr als 5.000 Mitarbeiter hat nun erst einmal US-Manager James Freis inne. Der 49-jährige Harvard-Absolvent (Jura und Volkswirtschaft) hatte am Donnerstag die neue Stelle im Wirecard-Vorstand für den Bereich „Integrity, Legal und Compliance“ besetzt und wurde schon einen Tag später zum neuen Interims-CEO befördert. Freis ist in dieser verfahrenen Situation eine gute Wahl. Der ehemalige Stipendiat der „Robert Bosch Stiftung“ hat eine eindrucksvolle Karriere hingelegt, war unter anderem fünf Jahre lang für die Bekämpfung der Finanzkriminalität im US-Finanzministerium zuständig, und wer weiß, wie kompromisslos dort vorgegangen wird, der kann nur zu dem Schluss kommen: Der Neue ist der richtige Mann für den Job.

Abgesehen davon, dass man in der hauseigenen Finanzabteilung bei Wirecard den Verbleib beziehungsweise die Mittelverwendung von einem Viertel der Bilanzsumme nicht klären kann, gibt es weitere Fragen (schließlich geht es um einen DAX-Konzern und nicht um einen Brezel-Produzenten aus Hintertupfingen):

  • Warum werden Milliarden-Guthaben eines DAX Konzerns bei ein oder zwei asiatischen Banken geparkt und nicht bei Banken der Eurozone?
  • Wie exakt und kompetent prüft Ernst & Young (EY)?
  • Was muss alles publik werden, bis die Finanzmarktaufsicht einschreitet?

Bei der Finanzaufsicht BaFin herrsche blankes Entsetzen, so liest man. Der Grund: Für Bankguthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt es offiziell keine Belege. Doch blankes Entsetzen dürfte hier nicht ausreichend sein. Man muss auch die Frage stellen, weshalb sich die BaFin nicht spätestens vor der Sonderprüfung durch KPMG die Bücher von Wirecard vorgenommen hatte – Ungereimtheiten waren zu dem Zeitpunkt schon längst offiziell bekannt.

Die Wirtschafts-Prüfungsgesellschaft Ernst & Young hatte Wirecards Abschlussbericht, der schon einige Male verschoben worden war, Ende 2019 nicht abgesegnet. Im Mittelpunkt des Bilanzskandals stehen zwei asiatische Banken auf den Philippinen und ein Treuhänder, der seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard die Konten verwaltet. Auf den Konten waren angeblich 1,9 Milliarden Euro verbucht. Die für Wirecard tätigen Bilanzprüfer bezweifeln jedoch mittlerweile, dass diese 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existieren.

Wie exakt prüft Ernst & Young eigentlich?

Sascha Zastiral schreibt am 19. Juni in der Wirtschaftswoche: „Wie konnte EY das übersehen? Der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young segnete jahrelang Wirecards Jahresberichte ab und gerät nun selbst ins Kreuzfeuer. Es drohen Klagen – und es wäre nicht das erste Mal, dass sich EY vor Gericht verantworten müsste.“

Ich meine, wen wundert’s, wenn damit wieder einmal die Kleinanleger an der Börse geprellt werden. Da darf man schon die Kompetenz der Wirtschaftsprüfer infrage stellen. Wo bleibt die Kontrolle der BaFin? Reuters publiziert, dass sich die Staatsanwaltschaft München bei ihrem Vorgehen im Fall Wirecard vorerst nicht in die Karten schauen lassen will. Die Betonung sollte auf „vorerst“ bleiben, denn auf Einzelheiten in dieser Causa des DAX-Konzerns sollte die Öffentlichkeit dann schon pochen. Das Wertpapier ist binnen zwei Tagen von 100 Euro kommend bis auf 20 Euro im Tiefst abgeschmiert und notierte Freitag, den 19. Juni, in den Abendstunden bei 24,50 Euro (minus 31,7 Prozent am zweiten Tag des Absturzes).

Mir fällt da die Aussage aus dem Buch eines Investmentprofis eins. Er ist der Meinung, man solle Ereignisse wie Bilanzskandale für Einstiege nützen, denn das Kerngeschäft ist ja bei Wirecard nicht betroffen.

Der Konzern hatte erst am Donnerstag, den 18. Juni, vorläufige Zahlen veröffentlicht. Im Geschäftsjahr 2019 stieg das Transaktions-Volumen um beinahe 38,5 Prozent auf exakt 173 Milliarden Euro (2009: 124,9 Milliarden Euro). Der Gruppen-Umsatz wuchs um 37,8 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro und der Gewinn nach Steuern von 347,4 auf 482,4 Millionen Euro. Zahlen direkt entnommen am 19. Juni von „Wirecard Investor Relations“!

Positiv hervorgehoben werden muss trotz allem, dass das Kerngeschäft bei Wirecard prächtig läuft. Und auf das kommt es an. Hoffen wir, dass James Freis als neuer CEO das „schlingernde Schiff“ unter Kontrolle bringt. Die Kompetenzen dafür hat er!

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

Andreas Kubin

Andreas Kubin lebt in Oberösterreich, hat ein MBA mit Schwerpunkt "Finanzen" und verfügt über drei Jahrzehnte Börsen-Erfahrung. 
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Aktien legen zu, während der Ölpreis wegen US-Iran-Gesprächen sinkt
03.08.2026

Spannung an den Märkten: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die Wall Street heute beflügelt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VDI-Ingenieurmonitor: Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren erreicht Rekordniveau
03.08.2026

Ingenieure und Informatiker galten lange als besonders gefragt. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass selbst technische Berufe die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Getreideernte droht ein Einbruch, wie er seit Jahrzehnten nicht zu sehen war
03.08.2026

Hitzewellen in Europa, die niedrigsten Prognosen für die Getreideernte in den USA seit 1970 und durch Kriege gestörter Handel treiben die...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie auf Rekordhoch: KI-Nachfrage treibt Amazon über Börsenwert von 3 Billionen US-Dollar
03.08.2026

Die Rekordjagd der Tech-Konzerne geht weiter: Die Amazon-Aktie klettert kräftig, der US-Tech-Gigant knackt erstmals die Marke von drei...

DWN
Panorama
Panorama AfD-Verbotsverfahren: Über 1.000 Juristen fordern in offenem Brief AfD-Verbot
03.08.2026

Mehr als 1.000 Juristinnen und Juristen erhöhen den Druck auf die Politik und verlangen ein AfD-Verbotsverfahren. Ein offener Brief sorgt...

DWN
Politik
Politik Rente mit 63 vor dem Aus? Das wären die Folgen
03.08.2026

Kaum ein Thema bewegt Millionen Beschäftigte so sehr wie der frühere Renteneintritt. Die geplanten Reformen könnten das Rentensystem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schwedens kleinste Mine profitiert vom Goldpreis
03.08.2026

Botnia Gold betreibt eine der kleinsten Gold-Minen Europas. Doch hohe Preise für Gold und Silber haben dem Unternehmen einen starken Start...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Bitcoin kann laut Kryptoprofis den Dollar nicht ersetzen
03.08.2026

Die Tech-Rally läuft weiter, doch unter der Oberfläche wächst die Nervosität. Microsoft und Amazon retten den KI-Glauben, Steve Eisman...