Politik

Chinas neues Satelliten-Netzwerk bedroht die Vorherrschaft der USA

China hat den letzten Satelliten für sein globales Navigationssystem Beidou-3 ins All geschossen. Damit machen sich die Chinesen nun auch bei der globalen Navigation unabhängig von den USA.
27.06.2020 13:14
Lesezeit: 3 min
Chinas neues Satelliten-Netzwerk bedroht die Vorherrschaft der USA
Eine Trägerrakete mit dem letzten Beidou-Satelliten an der Spitze startet vom Weltraumbahnhof Xichang. (Foto: dpa) Foto: Hu Xujie

Mit dem Start des letzten Beidou-Satelliten hat China sein eigenes weltumspannendes Navigationssatellitensystem komplettiert. An der Spitze einer Rakete des Typs Langer Marsch 3B startete der Satellit am Dienstag vom Weltraumbahnhof Xichang in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas und erreichte die Erdumlaufbahn.

Der fünf Tonnen schwere Satellit ist das letzte Stück des globalen Navigationssatellitensystems Beidou-3, das auf insgesamt 35 Satelliten zurückgreift. Ursprünglich sollte der letzte Beidou-Satellit bereits am 16. Juni in die Umlaufbahn gebracht werden. Der Start musste aber wegen technischer Probleme verschoben werden.

Beidou-3, dessen Kosten auf mehr als 10 Milliarden Dollar geschätzt werden, steht in Konkurrenz zum amerikanischen Navigationssystem GPS, dem europäischen Galileo und dem russischen System Glonass, die bereits über eine weltweite Abdeckung verfügen. Mit Beidou-1 und Beidou-2 war China eine lückenlose Abdeckung bislang nur im Asien-Pazifik-Raum möglich.

Das amerikanische Global Positioning System (GPS) liefert Navigations- und Zeitmessungsdaten, die für den Betrieb einer Unzahl von Fahrzeugen unerlässlich sind - von riesigen Containerschiffen bis hin zu Elektroautos. Zudem kann es zum Beispiel auch Hunde verfolgen, die einen entsprechenden Mikrochip mit sich tragen.

Die Fertigstellung von Beidou-3 ist der jüngste Schritt Chinas auf seinem jahrzehntelangen Weg, eine Macht im Weltraum zu werden. Im Mai meldeten die staatlichen Medien des Landes den Testflug eines Raumschiffs der nächsten Generation, das chinesische Astronauten zum Mond bringen soll. Noch im Sommer soll die erste unbemannte Roboter-Mission zur Erkundung des Mars starten.

Zum Ende dieses Jahres ist ein weiterer unbemannter Flug zum Mond geplant. Erstmals in der Geschichte des chinesischen Raumfahrtprogramms soll Chang'e 5 Gesteinsproben von dem Erdtrabanten zurückbringen. Im nächsten Jahr sollen das Kernmodul sowie weitere Teile für den Bau der geplanten chinesischen Raumstation ins All gebracht werden.

"Dieses Jahr ist die Zeit, in der Chinas langfristige Ambitionen im Weltraum ihre Früchte tragen", zitiert Bloomberg Jonathan McDowell, einen Astronom am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics im US-Bundesstaat Massachusetts. "In gewisser Weise stehen sie Seite an Seite mit den USA als einer wichtigen Weltraummacht."

China geht es nicht nur um Navigation

Die Ambitionen der Chinesen sind in den USA nicht unbemerkt geblieben. Die NASA ist entschlossen, an der Spitze zu bleiben. Noch für diesen Sommer plant die US-Raumfahrtbehörde den Start einer Robotersonde, die den Mars erkunden soll. Und bis 2024 will sie eine bemannte Mission zum Mond schicken.

Im April ist die NASA eine Kooperation mit der Firma Blue Origin von Jeff Bezos und der Firma SpaceX von Elon Musk eingegangen, um Mondlander zu entwickeln. Im vergangenen Monat schoss SpaceX zwei Astronauten in den Weltraum. Dies war die erste Reise von Amerikanern an Bord eines US-Raumschiffs seit der Beendigung des Space-Shuttle-Programms im Jahr 2011.

Die Situation erinnert an die Rivalitäten im Kalten Krieg, sagt Nilton Renno, Professor in der Abteilung für Klima- und Weltraumwissenschaften und -technik an der Universität Michigan. Seiner Ansicht nach werden die Chinesen eine starke Konkurrenz für die USA sein, "nicht nur im Raumfahrtprogramm, sondern auch bei der Weltherrschaft".

Beidou ist besser als GPS

Das Projekt Beidou (der chinesische Name für den Großen Wagen) begann in den 1990er Jahren. Doch erst 2009 startete China die Entwicklung der neuesten Version, deren Satelliten die Reichweite des Systems auf den gesamten Globus ausweiten. Den staatlichen Medien zufolge verfügt Beidou heute über mehr Kapazität für Zwei-Wege-Nachrichtenübermittlung als GPS und ist außerdem genauer.

Das System wird bereits von Unternehmen genutzt, die in China geschäftlich tätig sind. So stellt Huawei Technologies mobile Geräte her, die eine Verbindung zu Beidou herstellen können. Zudem haben etwa 7 Millionen Fahrzeuge das System bis Stand Ende letzten Jahres übernommen.

Beidou könnte auch der chinesischen Armee bei der Entwicklung von Systemen helfen, die auf Satellitenkommunikation beruhen und bei denen die Gefahr einer Behinderung durch die US-Luftwaffe geringer wäre, die das GPS-System betreibt, sagte Larry Wortzel, Mitglied der United States-China Economic and Security Review Commission.

Der Aufholdruck lastet auf China

Das Netzwerk bringt Chinas Präsident Xi Jinping seinem Ziel näher, die chinesische Wirtschaft weniger abhängig von ausländischer Technologie zu machen. "Die Chinesen wollen, dass jeder einen Beidou-Empfänger kauft und dass Unternehmen Beidou für ihre Lastwagen, Flotte, Flugzeuge und Schiffe verwenden", zitiert Bloomberg Dean Cheng von der Heritage Foundation, einer amerikanischen Denkfabrik .

Noch kann China in vielen Weltraumprojekten nicht mit den USA mithalten. Der erste chinesische Astronaut wird wahrscheinlich erst irgendwann in den 2030er Jahren seinen Fuß auf den Mond setzen. Die chinesische Mars-Mission wird den ersten Rover des Landes für den Planeten einsetzen, wie es die NASA schon im Jahr 1997 tat.

"Die Kluft zwischen den Errungenschaften des amerikanischen und des chinesischen Raumfahrtprogramms hat sich verringert, aber die USA sind immer noch führend", sagte Brian Weeden, Direktor für Programmplanung bei der Secure World Foundation, einer weltraumorientierten Denkfabrik in Washington.

Der Aufholdruck könnte zu einem größeren Zwischenfall im vergangenen Monat beigetragen haben, als ein Teil einer chinesischen Rakete im westafrikanischen Staat Côte d'Ivoire abstürzte. Dem US-Weltraumkommando zufolge haben die chinesischen Behörden die Kontrolle über das Raumschiff verloren, als es auf die Erde stürzte.

Der Absturz brachte China eine öffentliche Rüge von NASA-Administrator Jim Bridenstine ein. China hat nicht zugegeben, dass ein Problem aufgetreten ist, und die chinesischen Medien haben weitgehend geschwiegen. Weibo, eine führende soziale Medienplattform des Landes, bezeichnete Berichte über den Absturz als "falsche Informationen".

Möglicherweise ist China zu sehr bemüht, Geld und Zeit zu sparen, um im Weltraum zu den USA aufzuschließen, sagte Weeden. Denn chinesische Techniker hätten in der Lage sein müssen, die Rakete sicher aus der Umlaufbahn zu führen. Der Vorfall dürfe jedoch nicht die Bedeutung der Fertigstellung von Beidou schmälern. "Sie haben bewiesen, dass sie eine unabhängige Weltraummacht sind", so Weeden.

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