Weltwirtschaft

Zweite Phase von Corona erfasst die armen Länder: Schwappt die Welle nach Europa zurück?

Lesezeit: 11 min
02.08.2020 07:35  Aktualisiert: 02.08.2020 07:35
DWN-Kolumnist Michael Bernegger zeigt auf, wie die zweite Phase von Corona begonnen hat - und sich das Virus über die ganze Welt verteilt.
Zweite Phase von Corona erfasst die armen Länder: Schwappt die Welle nach Europa zurück?
Mexiko-City: Ein Müllsammler geht seiner Tätigkeit auf einer Deponie am Rande der Stadt nach. Etwa 700 Müllsammler sind von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends auf der Deponie im Einsatz. Ein Teil der Abfälle stammt aus Krankenhäusern, in denen Covid-19-Patienten behandelt werden. (Foto: dpa)

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Wenige Monate sind seit dem Ausbruch der Pandemie vergangen, und die Welt hat sich komplett verändert. Ein Ausnahmezustand fast globalen Ausmaßes hat zu einem schweren Konjunktur-Einbruch in fast allen Ländern geführt, verbunden mit einem raschen Anstieg von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, wie er präzedenzlos ist.

In Europa herrscht der Eindruck vor, dass das Ärgste vorüber und die Pandemie überwunden oder zumindest eingegrenzt sei. Doch davon kann, global betrachtet, keine Rede sein. Den meisten Zeitgenossen dürfte nicht bewusst sein, wie rasend schnell sich die Pandemie im globalen Maßstab weiter ausbreitet, wie rasch die Fallzahlen steigen. Die offiziellen amtlichen Zahlen geben das Bild definitiv nicht richtig wieder, wie im Folgenden erläutert.

Die Pandemie erfasst die Welt

Ihren Anfang nahm die Epidemie im chinesischen Wuhan. Diese Zahlen sind viel zu niedrig ausgewiesen. Chinesische Forscher haben ermittelt, dass allein in Wuhan 87 Prozent der effektiven Ansteckungen gar nicht erfasst wurden. Das dürfte erst recht für ganz China zutreffen.

Dann verlagerte sich die Epidemie nach Europa, zunächst vor allem nach Norditalien, dann auf den ganzen Kontinent. Etwas später waren die die USA dran, am Anfang hauptsächlich New York City und die Bundesstaaten im Nordosten des Landes. Jetzt hat es den Süden und Westen des Landes erwischt – sie und Lateinamerika bilden mittlerweile das globale Corona-Zentrum. Immer mehr Fallzahlen werden auch im nicht-chinesischen Teil Asien gezählt; und langsam, aber stetig, steigen auch die Fallzahlen in Afrika. Immerhin gibt es einen deutlichen Rückgang der Fallzahlen in Westeuropa, die in der Graphik nicht voll zum Ausdruck, denn die Russische Föderation mit ihren hohen Ansteckungszahlen übertüncht dies.

Da in den Entwicklungs- und Schwellenländern mangels Test- und Spital-Kapazitäten nur ein kleiner Teil der Erkrankungen und Todesfälle amtlich erfasst wird, wird die dortige Dynamik massiv unterschätzt. Effektiv ist die Zunahme der Neuinfektionen noch viel stärker, als sie in der Grafik zum Ausdruck kommt. Die folgende Graphik zeigt, wie hoch der Anteil positiver Testresultate an der Gesamtzahl aller durchgeführten Tests auf Covid-19 in ausgesuchten Ländern ausfällt.

In Lateinamerika liegen die Quoten positiver Tests zwischen 20 und 70 Prozent. Die aktuellen Zahlen betragen in Brasilien 72 Prozent, in Mexiko 62 Prozent, in Bolivien 56 Prozent, in Argentinien 43 Prozent und in Kolumbien 27 Prozent. Die meisten dieser fünf großen Länder führen nur vergleichsweise wenige Tests durch. Effektiv beträgt damit die wirkliche Zahl der Infizierten ein Mehrfaches der in der offiziellen Statistik erfassten Zahl.

Umgekehrtes gilt für Westeuropa: Dort fallen weniger als ein Prozent aller Tests (Deutschland, Italien, UK) beziehungsweise ein bis zwei Prozent aller Tests (Frankreich plus eine Reihe von kleineren Ländern) positiv aus. Es bräuchte eine riesige Anzahl von zusätzlichen Tests, damit die offizielle Zahl von Erkrankten signifikant steigen würde.

Hier noch einmal zwei Beispiele für Länder, in den Corona wie wild wütet:

  • Im Großraum Delhi hat ein breit angelegter Test für eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung ergeben, dass fast ein Viertel der Bevölkerung mit dem Virus infiziert ist. Das allein würde drei bis vier Millionen zusätzliche, noch nicht registrierte Erkrankte in Indien bedeuten.
  • Im Iran hat der religiöse Führer Ali Chamenei verlauten lassen, dass gegen 50 Prozent der Bevölkerung infiziert sein dürfte. Das wären mehr als 40 Millionen Menschen. Warum sollte Chamenei die Verhältnisse schwärzer darstellen, als sie in Wahrheit sind? Insofern sollte seiner Aussage Glauben geschenkt werden.

Das Gesamtbild der Pandemie stellt sich folgendermaßen dar:

  • An der Spitze der kumulierten Fallzahlen liegen vier große Länder: Die Vereinigten Staaten, Brasilien, Indien und Russland. Diese Vier machen mehr als die Hälfte aller registrierten Fallzahlen aus.
  • Dahinter folgen diverse (Schwellen)Länder, vor allem aus Mittel- und Lateinamerika (Mexiko, Peru, Chile, Kolumbien, Argentinien), dem Mittleren Osten (Iran, Saudi-Arabien, Katar, Oman Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate) sowie aus Asien (Pakistan, Bangladesch, Indonesien).
  • Die noch im März und/oder April an der Spitze liegenden Länder wie China sowie die großen westeuropäischen Länder sind in der Rangliste weit nach hinten gerutscht. Die westeuropäischen Länder, die in der globalen Rangliste am weitesten vorne stehen, sind Großbritannien und Spanien (Rang neun und zehn). Italien steht an vierzehnter, Deutschland an achtzehnter und Frankreich an neunzehnter Stelle. Bei der gegenwärtigen Dynamik der Neuinfektionen dürfte es nur noch einige Tage dauern, bis die europäischen Länder ganz aus den Top Ten und vielleicht sogar Deutschland und Frankreich aus den Top 20 verschwunden sind.
  • China ist noch weiter nach hinten gerutscht, aber dies nur aufgrund viel zu gering erfasster Fallzahlen.

Summa summarum ist Stand heute die Coronavirus-Pandemie primär eine Angelegenheit der Vereinigten Staaten sowie der Schwellenländer. Dass die USA in dieser Rangliste an der Spitze liegen, ist – gelinde gesagt – eine Überraschung. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und unterstützenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens und das Expertenwissen sind in einer ganz anderen Liga als bei den Schwellenländern. Auf letztere wollen wir uns in diesem ersten Teil des Artikels fokussieren. Der zweite Teil behandelt dann ausführlich die Wirtschaftsgroßmacht USA.

Rückgang der Pandemie: Erkauft mit einem brutalen wirtschaftlichen Einbruch

Die medizinische Antwort in China, in Europa und im Nordosten der Vereinigten Staaten bestand und besteht darin, die Grenzen zu schließen, Ausgangs- und Kontaktsperren sowie Reisebeschränkungen durchzusetzen sowie temporäre Betriebseinstellungen anzuordnen. Diese Strategien waren zum einen vom Vorbild China inspiriert, das sich nach langem Leugnen schließlich zu einem solch drastischen Vorgehen durchrang. Ferner beruhten sie auf den Ratschlägen von Virologen und Epidemiologen. Das Ergebnis ist innerhalb von zwei bis drei Monaten ein effektiver Rückgang der Fallzahlen (sowohl Ansteckungen als auch Todesfälle) in China, Westeuropa und den nordöstlichen Bundesstaaten der USA), der jedoch mit einem brutalen wirtschaftlichen Einbruch erkauft wurde.

Zwei Faktoren machten in den meisten Ländern die außergewöhnlichen Maßnahmen notwendig:

  • Eine weitgehende oder völlige Reaktionslosigkeit von Regierungen und zuständigen Behörden primär bis Mitte März, teilweise bis noch später. Man hatte sich darauf verlassen, dass die Pandemie eine innerchinesische Angelegenheit sei und bleiben werde. Oder, wie in den USA, dass das eigene Gesundheitswesen das Beste der Welt darstelle.
  • Einen eklatanten und erstaunlichen Mangel an einfachsten Vorbereitungen und verfügbaren Ausrüstungen und Hilfsmitteln für eine Epidemie oder Pandemie: Keine Masken und Schutzkleidungen im Vorrat, auch nicht für medizinisches Personal, nicht genügend Betten auf Intensivstationen, keine ausreichenden Krankenhaus-Kapazitäten.

Die wahren Vorbilder: Südkorea, Taiwan und sogar Vietnam

Diejenigen Länder, die auch ökonomisch am wenigsten getroffen wurden, misstrauten dem Geschehen in China und der Kommunikation seitens des chinesischen Staates von Anfang an und verhängten sofort harte Einreisebeschränkungen. Darüber hinaus waren sie gut vorbereitet und verfügten über ausreichend Material. Vor allem Länder wie Südkorea, Taiwan, Vietnam oder Hong Kong, welche von der SARS-Epidemie im Jahr 2003 getroffen worden waren, hatten sich gut vorbereitet, mit dem Effekt sehr geringer Fallzahlen und darüber hinaus auch viel weniger ökonomischer Einbußen. Taiwan und Südkorea sind die wahren Vorbilder, welche geringe Infektionszahlen, sehr wenig Todesfälle mit herausragend geringen ökonomischen Verlusten kombinieren. Auch Neuseeland und – mit einfachsten Mitteln – Vietnam waren fähig, durch Restriktion und gute Vorbereitung die ökonomischen Kosten gering zu halten.

Die schlimmste Kombination: Wirtschaftlicher Einbruch plus anschließende Explosion der Fallzahlen

Eine scheinbar ähnliche oder gleiche Strategie schlugen die Vereinigten Staaten, weitere führende Industrieländer sowie auch viele Schwellenländer ein. Sie folgten dem Beispiel Chinas und Europas und verhängten einen nationalen oder zumindest regionalen Lockdown in großen Wirtschaftszentren, verbunden mit Grenzschließungen.

Im Unterschied zu China und den meisten Ländern Westeuropas gingen oder gehen sie diesen Weg jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt: Sie brachen die Quarantäne ab, lange bevor die Zahl der Neuinfektionen so stark oder überhaupt zurückgegangen ist wie in China oder in den meisten Ländern Westeuropas.

Das Ergebnis: In vielen dieser Länder befindet sich die Zahl der registrierten Neuinfektionen sogar in einem steilen Anstieg. Gemeinsam ist diesen Ländern, dass sie einen Lockdown mit einer vorzeitigen Öffnung und nachfolgenden (oder sich anbahnenden) Explosion der Ansteckungsraten teilen. Sie haben, mit anderen Worten, die schlechteste aller möglichen Kombinationen: Sie leiden unter einem scharfen wirtschaftlichen Einbruch, welcher aus der radikalen Form der Pandemie-Bekämpfung resultiert, und sehen sich einer Explosion der Ansteckungszahlen gegenüber.

Warmes Wetter hilft nicht gegen Corona

Eine Reihe weiterer Merkmale kennzeichnen diese zweite Phase der globalen Pandemie.

  • Die Eigenschaften des Virus haben sich geändert. Es gibt zwei globale Erregerstämme des Virus, denjenigen der Wuhan-Region (D-Stamm), und einen zweiten (G-Stamm), der zuerst in Europa aufgetreten ist. Dieser letztere hat sich in den letzten Monaten global durchgesetzt und ist Stand heute weltweit dominant. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden bezieht sich auf eine viel höhere Ansteckungsrate, während der Verlauf und die gesundheitlichen Implikationen nach vorläufigem Wissen nicht wesentlich verschieden sind.
  • Besonders hoch sind die Fallzahlen in den USA, Brasilien und Indien. In den USA haben sich die Neu-Erkrankungen auf die drei bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Kalifornien, Texas und Florida verlagert, während sie in den vorher primär betroffenen Ostküstenstaaten, ähnlich wie in Westeuropa, zurückgegangen sind. Neben diesen drei bevölkerungsreichsten Bundesstaaten sind die Fallzahlen in vielen kleineren Bundesstaaten im Süden und Westen explodiert.
  • Eine Schlussfolgerung lässt sich ziehen: Die Erwartung, dass der Sommer und die Wärme beziehungsweise Hitze eine Ruhepause vor der Seuche verschaffen, war falsch. Betroffen sind ausgerechnet heiße Regionen und Länder: Der „Sunbelt“ in den USA, Mexiko, Mittelamerika, Indien sowie Mittlere Osten.
  • Die Alters- und Risikogruppen haben sich geändert: In der ersten Phase der Pandemie standen vor allem alte Menschen und solche mit hohem Risikoprofil aufgrund von Vorerkrankungen im Vordergrund. Vor allem in Altersheimen und in Krankenhäusern gab es sehr viele Todesfälle, konzentriert primär auf sehr alte Menschen, hauptsächlich über 70- und vor allem über 80-Jährige. In der aktuellen Phase sind jedoch auch sehr viele jüngere Menschen aller Altersgruppen betroffen.
  • Zum ersten Mal gibt es auch Hinweise darauf, dass Kinder häufig erkranken.
  • Auffällig sind erhebliche Unterschiede bei den Todesfallzahlen. So gibt es Hinweise darauf, dass in einzelnen Ländern die Todesfälle mehrheitlich gar nicht erfasst werden. Dies dürfte für Südafrika zutreffen, das wohlhabendste und gleichzeitig am meisten betroffene Land in Afrika.

Dennoch lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen: In Lateinamerika inklusive Mexiko sind die Todesfälle pro Million Einwohner bereits auf dem Niveau von Europa angelangt. Die zum Teil überraschend hohen Testzahlen zeigen auch, dass mindestens so intensiv wie in Europa getestet wird. Da die Todesfälle zeitlich verzögert auf den Anstieg der Fallzahlen reagieren, ist mit sehr hohen Todesfallzahlen wie in New York oder in Großbritannien oder Italien zu rechnen.

Auffällig sind demgegenüber die sehr niedrigen Todesfallzahlen in Asien und im Mittleren Osten. Im Mittleren Osten – außer im Iran – wird weltweit am meisten getestet. Das heißt, dass die Erfassung der Pandemie einigermaßen akkurat sein dürfte. Doch die Todesfälle pro Million Einwohner sind außergewöhnlich niedrig. Entweder ist dies einer bewussten Verschleierung der Todesursachen oder effektiv viel niedrigeren Todesfällen pro Erkrankten zuzuschreiben. Ähnliches gilt für die großen Länder Indien, Pakistan und Bangladesch, die zusammen 1,7 Milliarden Einwohner zählen. Die Fallzahlen explodieren in allen drei Ländern, aber dies bei sehr geringen Testzahlen. Zu vermuten ist – und Aussagen von Gesundheits-Experten in diesen Ländern bestätigen diese Vermutung – dass die effektiven Fallzahlen um ein Vielfaches höher als ausgewiesen liegen. Fakt bleibt aber auch, dass die Todesfallzahlen nicht nur pro Million Einwohner, sondern auch pro positiv getestete Personen außergewöhnlich niedrig sind.

Warum Schwellenländer besonders anfällig sind

Was sind die Faktoren hinter dem steilen und ungebremsten Anstieg der Fallzahlen in den Schwellenländern? Es ist die Kombination mehrerer ungünstiger Voraussetzungen:

  • Das Fehlen sauberen Trinkwassers und hygienischer Standards für Toiletten und Abwasser. Damit ergeben sich Schwierigkeiten für systematische Hygiene-Maßnahmen
  • Enge Verhältnisse, welche eine Praxis der sozialen Distanzierung unmöglich machen
  • Keine genügende medizinische Infrastruktur, damit keine Möglichkeit für genügend Tests, Kontakt-Tracing und die Quarantäne beziehungsweise Isolation Betroffener.
  • Armut und das daraus resultierende Fehlen von Krankenversicherung, welche auch Erkrankte zwingt, weiter zu arbeiten, statt sich zu isolieren und zu erholen
  • Luftverschmutzung, welche in den Großstädten und Agglomerationen endemisch ist durch die Kombination von Verkehr, Fabriken, (Kohle) Kraftwerke. Die Hälfte bis zu zwei Drittel der Bevölkerung von Schwellenländern leben in riesigen Agglomerationen mit der höchsten Luft- und Umweltverschmutzung weltweit. Sie sind dadurch anfällig für Luft- und Atemwegserkrankungen, also auch für Corona.

Corona in den Schwellenländern: Eine günstige Prognose ist nicht möglich

Es ist sehr schwierig, eine günstige Prognose für viele Schwellenländer bezüglich der Pandemie und der damit verbundenen wirtschaftlichen Depression abzugeben:

Der Schaden, den chaotisch und unüberlegt angeordnete Lockdowns bei (ruinierten) Kleinunternehmen und Selbständigen angerichtet haben, und die die Arbeitslosenzahlen massiv in die Höhe getrieben haben, ist bereits eingetreten. Genügend groß dimensionierte staatliche Unterstützungsprogramme wie in den führenden Industrieländern sind oft Fehlanzeige, denn es gibt keine Mittel für solche Maßnahmen. Die Konsequenzen sind einerseits heftige Rückschläge der real verfügbaren Einkommen, welche den privaten Konsum massiv reduzieren. Die Unternehmen stoppen darüber hinaus ihre Investitionen, um überleben zu können – für die Wirtschaft ist das Gift.

Die Pandemie frisst sich inzwischen fort wie ein loderndes Buschfeuer. Die interne Fortpflanzung in der Bevölkerung ist angesichts der (oben beschriebenen) Umstände kaum zu stoppen.

Die Pandemie hat starke negative Effekte, auch wenn kein Lockdown angeordnet wird. Der erste Sektor, der sofort und äußerst massiv getroffen wird, ist der Tourismus, der in vielen Schwellenländern für die Exporte und Deviseneinnahmen sehr wichtig ist. Kunden und Reiseveranstalter stornieren ihre Buchungen sofort. Direkt damit verbunden sind der Transport-Sektor sowie die Gewerbe und die Landwirtschaft, welche die Restaurants und Hotellerie beliefern.

Hinzu kommen die negativen Effekte niedriger Rohstoffpreise (weil aufgrund von Corona die Nachfrage zurückgeht) und fehlender Einnahmen von im Ausland arbeitenden Fremdarbeitern (die wegen Corona ihren Job verloren haben). Das sind zwei andere wichtige Einnahmequellen in den Leistungsbilanzen von Schwellenländern.

Die Pandemie hat einen Einbruch des für Schwellenländer außerordentlich wichtigen Bau-Sektors angerichtet. Dieser ist für die Beschäftigung besonders wichtig und hat sehr starke Koppelungseffekte auf andere Industrien. Sofort gestoppt wurden Projekte im Tourismus und Transport. Dann teilweise auch Projekte im Energie- und Bergbau-Sektor. Schließlich hängt die Investitions-Neigung von den Aussichten für die Real-Einkommen und Beschäftigung ab. Solange die Pandemie grassiert, besteht wenig Aussicht auf Besserung.

Fazit: Viele Schwellenländer erleiden innerhalb kurzer Zeit einen Rückschritt um ein oder mehrere Jahrzehnte.

… doch es gibt einen Silberstreifen

Was wirklich auffällt beim internationalen Vergleich von Fallzahlen und Mortalitätsraten, sind die extrem niedrigen Mortalitätsraten in einer ganzen Reihe von Schwellenländern wie in Indien, dem Mittleren Osten, im nördlichen Afrika sowie kleineren Ländern in Mittelamerika. Die teilweise äußerst niedrigen Mortalitätsraten bei sehr hohen Fallzahlen kontrastieren mit den hohen Mortalitätsraten in Nordamerika, dem Vereinigten Königreich, Italien und Spanien.

Auf der Suche nach Erklärungen bietet sich natürlich das niedrigere Durchschnittsalter der Bevölkerung in Schwellenländern an. Doch innerhalb der Schwellenländer gibt es enorme Unterschiede: In den meisten Ländern Lateinamerikas ist das Durchschnittsalter nicht wesentlich höher als in der erwähnten Ländergruppe, aber die Mortalitätsraten sind es definitiv.

Als mögliche Erklärung habe ich Folgendes gefunden:

China hat bei der Pandemie-Bekämpfung offenbar Erfolge mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin (im Folgenden kurz HCQ) erzielt. Es ist ein antivirales Medikament, das seit rund 65 Jahren millionenfach vor allem gegen Malaria eingesetzt wurde. Bereits zur Bekämpfung von SARS-1 wurde es von den chinesischen Ärzten erfolgreich verwendet. In den westlichen Medien ist es diskreditiert, weil es von Präsident Trump wiederholt angepriesen wurde, und einige wissenschaftliche Untersuchungen seine Erfolglosigkeit, ja sogar Gefährlichkeit behaupten.

China hat aber nicht nur die eigene Bevölkerung in Wuhan und Shanghai im großen Stil mit HCQ behandelt, sondern zusätzlich eine förmliche Beratungs- und Unterstützungs-Offensive für andere Schwellenländer ergriffen, und zwar schon sehr früh. Ein Beispiel dafür ist der Bericht der obersten medizinischen Behörden von Costa Rica. Durch Vermittlung der chinesischen Botschaft in Costa Rica wurde im Huawei-Zentrum Costa Ricas eine Tele-Konferenz mit den obersten Gesundheits-Verantwortlichen Chinas (des "Chinesischen Zentrums für infektiöse Erkrankungen") organisiert, in denen diese die Gesundheits-Behörden Costa Ricas detailliert über den Einsatz von HCQ beraten. Sie berichten genau, wann und in welchem Stadium der Erkrankung HCQ eingesetzt werden soll. Darüber hinaus wird berichtet, welche Kombination mit anderen Medikamenten unbedingt zu vermeiden ist, und bei Patientengruppen mit bestimmten Vorerkrankungen nicht angewendet werden darf.

HCQ wird auch in Indien und, von dort ausgehend, im Mittleren Osten im großen Stil zu gleichen Zwecken eingesetzt. Von dort aus auch in den islamischen Ländern in Nordafrika. Indien ist neben China der größte Produzent von HCQ, es wird dort massenhaft als antivirales Medikament eingesetzt.

Wenn HCQ wirklich erfolgreich für die Prävention und Behandlung von Covid-19 eingesetzt werden kann, wie es den Anschein macht, dann stellt das Medikament für Schwellenländer eine Hoffnung dar. Denn es würde erlauben, die kaum zu vermeidenden Schwachstellen in den Schwellenländern (Hygiene, soziale Distanzierung, Stand des Gesundheitssystems / Verfügbarkeit von Spitalbetten) teilweise zu kompensieren und die verheerenden Effekte von Covid-19 zu mindern. Denn HCQ ist vergleichsweise billig, in riesigen Mengen rasch verfügbar und hat gegenüber den teuren Impfstoffen, die allenfalls auf den Markt kommen werden, den Vorteil, dass es jahrzehntelang in Schwellenländern auf einer Massenbasis getestet werden konnte und seine Nebenwirkungen genau bekannt sind. Die in westlichen Industrieländern grassierenden Vorerkrankungen sind in Schwellenländern weniger vorhanden.

Lesen Sie in der nächsten Woche: Wie das Virus die USA an den Rand des Kollaps´ führt - und die größte Volkswirtschaft der Welt auch unsere exportorientierte Wirtschaft mit in den Abgrund zu reißen droht.



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