Nur wenige Start-ups schaffen es, doch genau darin liegt der Reiz
"Eines von zehn Start-ups bringt die Rendite, die wir wollen", sagt Alexander Kölpin und fährt fort: "Nämlich 3.000 Prozent oder mehr." Mit seiner schwarzen Steppweste, dem zuversichtlichen Lächeln und dem kurzen, grau melierten Bart würde er auch wunderbar ins Silicon Valley passen. Er denkt schnell, redet klar und liest gern Science-Fiction. All dies kann er für seinen Job gut brauchen, der eine Mischung aus Menschenkenntnis und faktenbasiertem, visionärem Denken erfordert: Seit 2019 führt Kölpin als Managing Partner die 2016 von Carsten Maschmeyer gegründete Berliner VC-Firma seed + speed Ventures. Und freut sich noch immer darüber: "Das Schöne an meiner Aufgabe ist, dass ich fast nur mit Menschen zu tun habe, die berufsbedingt sehr positiv sind, die an sich und ihre Idee glauben und Lust haben, etwas aufzubauen. Außerdem lerne ich immer wieder Neues und helfe anderen dabei, sich zu verwirklichen."
Früh investieren, schnell entscheiden
Worum geht's dabei? seed + speed sucht Start-ups und unterstützt sie in der Frühphase ("Seed") mit Geld, Kontakten und Expertise. Dabei müssen schnelle Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen getroffen werden – in einem Umfeld konkurrierender VC-Fonds ("Speed"). Eine dynamische Branche, in der es nicht nur auf Kennzahlen, sondern auch auf Erfahrung und Bauchgefühl ankommt.
Rund zehn Beschäftigte arbeiten bei seed + speed im Bereich Venture Capital, also Wagniskapital: zeitlich begrenzte Kapitalbeteiligungen an jungen, innovativen, nicht börsennotierten Unternehmen mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial. Etwa 80 Start-ups hat der Fonds bereits begleitet, darunter Firmen wie Presize (Exit an Meta / Facebook), United Manufacturing Hub und Pliant – sie alle eint ein großes, globales Wachstumspotential sowie der Fokus auf KI, die nicht so leicht von den großen US-Playern ersetzt werden kann. Das macht derlei Geschäftsideen spannend für Anleger. Kölpin erklärt das so: "Wir sammeln Geld von Investoren ein und legen es in einem geschlossenen Fonds an, indem wir uns an vielversprechenden jungen Firmen beteiligen. Wir bringen sie auf Wachstumskurs." Dazu gehören Beratung, Unterstützung und auch unbequeme Wahrheiten. Am Ende gibt es eine Win-Win-Win-Win-Situation für Investoren, seed + speed, Start-up und Käufer: "Wenn es gut läuft, verkaufen wir nach einigen Jahren, schütten den Verkaufserlös an unsere Investoren aus. Über die Fondslaufzeit erhalten wir eine Managementgebühr, von der wir leben und Spaß macht es für uns dann, wenn auch unsere Fondsinvestoren Spaß haben: von den Überschüssen am Fondsende können wir ja einen kleinen Teil behalten."
Auf das Team setzen
Was braucht ein Unternehmen, um Risikokapital zu erhalten? "In der Regel gibt es schon ein halbwegs funktionierendes Produkt und mindestens einen Kunden. Das ist das notwendige Minimum", sagt Kölpin. "Dann sprechen wir mit dem Kunden und weiteren potenziellen Kunden über die weitere Entwicklung. Wir haben ein großes Netzwerk und besonders im Bereich Sales eine fundierte Expertise – das hilft beim Wachsen." KPIs sind wichtig, aber oft noch nicht so belastbar, dass eine Entscheidung allein darauf fußen kann.
"In der Immobilienbranche heißt das Mantra 'Lage, Lage, Lage'," erläutert Kölpin. "Bei uns lautet es 'Team, Team, Team'. Es kommt auf die Gründer an."
Brennen sie? Wollen sie? Können sie?
"Ein Start-up voranzubringen ist kein 9-to-5-Job", sagt Kölpin. "Das muss man wirklich wollen. Man muss sich auch mal durchbeißen. Ich kenne kein einziges Start-up – auch kein erfolgreiches –, das nicht mindestens einmal kurz vor der Pleite stand. Das muss man aushalten." Gesucht wird weniger Kompetenz auf dem Papier als innere Haltung. Kölpin: "Wie motiviert sind sie? Wie resilient? Wie ehrlich? Egal ob jemand reich werden will, keinen Chef haben möchte oder die Welt verändern will – Hauptsache, sie brennen. Sonst packen sie das nicht. Es gibt diesen Spruch: 'Man kann die Hunde nicht zum Jagen tragen.' Ich habe lieber Leute, die ich schwer steuern kann, als solche, die ständig fragen, wo es langgeht."
Kölpin spricht intensiv mit den Gründern, analysiert das Pitch Deck und tauscht sich mit Branchenkennern aus. "Ehrlichkeit ist entscheidend. Wir arbeiten in der Regel zehn Jahre zusammen – außer es gibt vorher einen Exit. In dieser Zeit wird es Probleme geben. Um die gemeinsam zu lösen, brauchen wir ein stabiles Fundament, belastbare Zahlen und Vertrauen."
Langfristige Beziehungen aufbauen
Ein Fonds läuft meist zehn Jahre. In den ersten fünf Jahren wird der Großteil des Kapitals der Investoren – der sogenannten Limited Partner – investiert. Danach stehen Entwicklung, Anschlussfinanzierungen und Exits im Fokus.
seed + speed erwirbt in der Regel fünf bis zehn Prozent an einem Unternehmen. Im Erfolgsfall gehen 80 Prozent des Überschusses an die Limited Partner, 20 Prozent als sogenannter Carry an die General Partner. So verdienen VCs ihr Geld – wenn es läuft.
"Drei von zehn Start-ups gehen pleite. Vier von zehn bringen vielleicht das Geld zurück. Zwei von zehn erzielen ein Multiple von drei bis vier. Und eines von zehn holt das Zehn-, Zwanzig- oder Fünfzigfache rein."
seed + speed versteht sich als aktiver Investor, nicht als stiller Geldgeber. Kölpin sagt es so: "Wir sind Sounding Board und Sparringspartner in einem. Als Investor bist du idealerweise Hebamme – nicht Sterbebegleiter." Nach zwei bis drei Jahren übergibt das Team häufig an größere Fonds. "Spätere Finanzierungsrunden funktionieren anders, eher wie Private Equity."
90 Millionen Euro für europäische KI investieren
Mit dem Ende Januar 2026 geschlossenen dritten Fonds betritt seed + speed neues Terrain. seed + speed III ist mit 90 Millionen Euro nicht nur dreimal so groß wie ursprünglich geplant; der Hard Cap wurde mit Zustimmung der Investoren zweimal angehoben.
Zu den Geldgebern zählen institutionelle Investoren wie Banken und Stiftungen, Medienhäuser, Family Offices sowie vermögende Privatpersonen.
Erstmals öffnet sich der Fonds auch geografisch: Während sich Fonds I und II auf den deutschsprachigen Raum konzentrierten, adressiert Fonds III den gesamten europäischen Markt. Der Fokus ist klar: KI im B2B- und Enterprise-Umfeld. "Die Frage ist längst nicht mehr, ob Unternehmen KI einsetzen, sondern wie, um wettbewerbsfähig zu bleiben", sagt Kölpin. In den vergangenen ein bis eineinhalb Jahren seien die Investments stark in Richtung KI-Software verschoben worden.
Investiert wird in Pre-Seed- und Seed-Teams, die entweder selbst KI-Lösungen für Unternehmen entwickeln oder Tools bauen, um externe KI sicher und effizient einzusetzen – von Security und Datenschutz bis zu Kostenkontrolle und messbarer Produktivität.
Co-Managing-Partner Carsten Maschmeyer formuliert es politisch: "Wenn Europa im globalen KI-Wettbewerb bestehen will, müssen wir Innovation dringend fördern. Es gibt hier starke Gründer mit Weltklasse-Technologie. Was oft fehlt, ist die Kraft, daraus große Unternehmen zu bauen – und dabei helfen wir."
Seit dem Fundraising-Start im Sommer 2024 hat das Team bereits in 13 Start-ups investiert, darunter Orq.ai, RIIICO, Optimuse und Eleven Dynamics. Pro Jahr plant seed + speed sieben bis neun neue Beteiligungen. Besonders stolz ist Maschmeyer darauf, dass mehrere erfolgreiche Gründer aus den ersten beiden Fonds nach ihren Exits nun selbst als Investoren im dritten Fonds engagiert sind: "Das ist ein starkes Vertrauenssignal."
Europa stärken und Chancen nutzen
Strategisch blickt Kölpin weit über Berlin hinaus: "Wir leben in einer Welt mit enormer Abhängigkeit von den USA." Der amerikanische VC-Markt sei größer, mutiger und kapitalstärker.
Gleichzeitig sieht er Chancen für Europa.
"Weltweit ist das Vertrauen in europäische Lösungen hoch – gerade in Bereichen wie Medizin oder spezialisierter Industrie-Software." Industrielle Anwendungen seien nicht beliebig austauschbar, so Kölpin. "Manufacturing-Software lässt sich nicht einfach durch OpenAI oder Meta ersetzen. Hier haben wir eine echte Chance."
Den strukturellen Rückenwind sieht er in der KI selbst: "KI ist die größte Revolution seit dem Rad, der Dreifelderwirtschaft und der Industrialisierung." Natürlich gebe es einen Hype-Zyklus. Aber: "In zehn Jahren wird vieles, was heute Science-Fiction ist, Realität sein – vor allem, wenn Robotik und KI zusammenkommen."
Was Europa bremse, seien die Strukturen: "Deutsche und europäische Regelungen hemmen. Wir müssten die Regulierung lockern. Ein bisschen mehr amerikanische Fehlerkultur würde uns guttun."
Am Ende bleibt Venture Capital für Kölpin ein Geschäft des Glaubens: "Man muss daran glauben und mit dem Kopf durch die Wand gehen." seed + speed investiert früh, riskiert viel – und weiß, dass nur wenige Wetten aufgehen. Doch genau darin liegt der Reiz: Aus zehn Versuchen entsteht vielleicht ein Unternehmen, das nicht nur Rendite bringt, sondern Märkte verändert. Und wenn es gelingt, war man von Anfang an dabei – nicht als stiller Beobachter, sondern als Hebamme.

