Unternehmensporträt

United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt

Daten gelten als Treibstoff der Industrie 4.0 – doch in vielen Fabriken bleiben sie ungenutzt. Das Start-up United Manufacturing Hub will dieses Grundproblem lösen und baut eine einheitliche Dateninfrastruktur für die industrielle Produktion.
23.01.2026 16:45
Lesezeit: 4 min
United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt
United Manufacturing Hub: Der Rosetta-Stone der industriellen Datenverarbeitung übersetzt verschiedene Maschinenprotokolle in einen einheitlichen Hub und macht die Daten so zugänglich. (Bild: iStockphoto.com/NicoElNino) Foto: NicoElNino

Gründung und Mission: Daten nutzbar machen

United Manufacturing Hub (UMH) gehört zu den Industrial-Tech-Startups, die in der Fertigungswelt große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Unternehmen wurde 2021 von Alexander Krüger und Jeremy Theocharis gegründet. Ziel ist es, Daten aus Fabriken digital zu vernetzen, zu vereinheitlichen und nutzbar zu machen.

"In den Fabriken, in denen unsere Autos, Medikamente und Frühstücksorangensaft hergestellt werden, entstehen auch jede Menge Daten – Temperaturen, Vibrationen, Energieverbräuche, Störmeldungen und mehr. Mit UMH können wir diese Daten zentral bereitstellen und kontextualisieren. Man kann quasi jede Maschine anschließen, egal welches Protokoll sie spricht", erklärt Mitgründer Alexander Krüger.

Gegründet wurde UMH in Aachen. Heute sitzt das Start-up in Köln – einer Stadt mit einer großen Zahl an Softwareentwicklern und optimaler Anbindung an Kunden in Europa. Der Umzug erfolgte strategisch: "Da wir in den nächsten Phasen unseres Unternehmens viele gute Entwickler brauchen, lag Köln sehr nah. Außerdem wollen wir so viel wie möglich beim Kunden sein, was Reisen voraussetzt, und Köln könnte kaum besser angebunden sein", erklärt Krüger.

Die Herausforderung der Industrie: Datensilos und alte Software

"Wir helfen, die Datenschätze zu heben und aus den Rohdaten echte Insights zu generieren, sei es Gesamtanlagen Produktivität, Energie- und Ressourcenmanagement, Zustandsüberwachung oder die Anwendung von künstlicher Intelligenz. Wir machen Daten für das Management wirklich nutzbar", sagt Niklas Hebborn, Chief Commercial Officer von UMH.

Der zentrale Ansatz: Unified Namespace als Daten-Rückgrat

UMH löst dieses Grundproblem mit einem offenen, standardisierten Echtzeit-Datenhub, dem Unified Namespace (UNS). Er fungiert als zentrale, einheitliche Datendrehscheibe. Über standardisierte Schnittstellen können mehr als 150 verschiedene Protokolle harmonisiert werden – von CNC-Maschinen über milchverarbeitende Anlagen bis hin zu Produktionslinien in der Automotive-Industrie.

"Unser Unified Namespace erlaubt es, jede Maschine mit ihrem individuellen Protokoll anzuschließen, die Daten lokal zu sammeln, verschlüsselt zu übertragen und zu harmonisieren. Damit entsteht eine Datendrehscheibe, die sowohl lokale Echtzeit-Analysen als auch KI-gestützte Anwendungen ermöglicht", sagt Hebborn. Dadurch seien Produktivitätssteigerungen von fünf bis zehn Prozent möglich.

UMH trifft den richtigen Zeitpunkt: Vor fünf bis zehn Jahren musste oft man noch extra-Sensoren an Maschinen anbringen, um deren Daten zu erfassen. Mittlerweile sind die Sensoren in der Regel bereits eingebaut und die maschinelle Infrastruktur auf Daten ausgelegt.

Geschäftsmodell: Open Source trifft Enterprise

UMH setzt dabei auf Open Source: Der Kern der Software ist frei und kostenlos zugänglich. Das Unternehmen gewinnt Nutzer über diese Basis – allein der Discord-Channel zählt mehr als 1.000 Mitglieder. Anschließend bietet UMH Enterprise-Features wie SLA, SSO oder Multi-User und rollenbasierte Zugriffskontrolle gegen eine jährliche Lizenzgebühr an.

"Gerade bei großen Herstellern ist das entscheidend", erklärt Hebborn und fügt hinzu: "Unsere Datenplattform läuft lokal in der Fabrik, mit verschlüsselter Verbindung. Die Daten bleiben beim Kunden – ein wichtiger Punkt gegenüber Hyperscalern wie Microsoft, deren Cloudstorage nicht nur teuer ist, sondern auch Risiken birgt."

Viele Industrieunternehmen investieren stark in digitale Tools und KI-basierte Automatisierung. Dennoch stocken viele Projekte, weil Produktionsdaten in proprietären Systemen eingeschlossen und über Maschinen, Prozesse und Anwendungen hinweg fragmentiert sind. "Fabriken arbeiten heute mit jahrzehntealter Software. Daten liegen in proprietären Protokollen, sind über verschiedene Hersteller hinweg fragmentiert und oft ohne den notwendigen Kontext, den reale Anwendungsfälle und KI benötigen", sagt Alexander Krüger.

Der globale Markt für Fertigungssoftware übersteigt mehr als 50 Milliarden US-Dollar, dennoch scheitern viele Digitalisierungsvorhaben an der fehlenden Datenbasis. Die Folge: Digitalisierung kommt schleppend voran, KI-Projekte bleiben Zukunftsmusik.

Mehr als nur ein Datenhub: Rosetta-Stone der Industrie 4.0

UMH ändert das. "Der Begriff Industrie 4.0 mag schon lange kursieren, aber er ist weiterhin relevant. Wir bauen die Daten-Infrastruktur, die Fabriken überhaupt in die Lage versetzt, KI, Robotik und Automatisierung sinnvoll einzusetzen", sagt Hebborn. Damit wird UMH gewissermaßen zum Rosetta-Stone, der Maschinen, Systeme und Anwendungen auf einer gemeinsamen Datenbasis verbindet. Auf dieser Basis können Unternehmen digitale und KI-basierte Anwendungsfälle umsetzen – von operativer Transparenz über Energie- und Ressourcenüberwachung bis hin zu Zustandsmonitoring und autonomen Produktionsprozessen.

Bereits heute setzen führende Unternehmen auf UMH. Dazu gehören HiPP, Edeka und Böllhoff. In diesen Fabriken wird der Hub genutzt, um Produktionsdaten in Echtzeit zu extrahieren und für Analysen, Automatisierungen und KI-Anwendungen verfügbar zu machen – sei es Energie- und Ressourcenmanagement, Temperaturüberwachung oder Gesamtanlageneffektivität

"Anstatt monatelang eine eigene Dateninfrastruktur aufzubauen, waren wir in kürzester Zeit startklar", sagt Lutz Hermanns, Head of PDA & Supply Chain bei Böllhoff. "Neue Datenquellen anzubinden und digitale Anwendungsfälle umzusetzen, dauert heute Stunden statt Wochen. Mit UMH können wir operative Kennzahlen, Energieverbräuche und Zustandsmonitoring viel schneller umsetzen.". Die Software ermögliche es, Arbeitsabläufe, die bisher papierbasiert waren, zu automatisieren und neue Applikationen auf Basis der Daten zu entwickeln.

"Bei einem Automotive-Kunden hatte das Team jahrelang selbst an einer Datenlösung herumgepuzzelt. Wir konnten die Lösung innerhalb einer Woche implementieren – der Kunde war baff", ergänzt Hebborn. "Unser Ziel sind nicht 1.000 Kunden, sondern mehrere 100 mit vollständigem Roll-out quer durch die Produktion. Gemeinsam mit den Unternehmen führen wir die Transformation durch."

Finanzierung: 5 Millionen Euro für die Weiterentwicklung

Bei Investoren kommt das an: Am 8. Januar 2026 gab UMH bekannt, in einer Finanzierungsrunde fünf Millionen Euro eingesammelt zu haben. Die Runde wurde von KOMPAS VC angeführt. Beteiligt sind außerdem seed + speed Ventures (Maschmeyer), Sustainable Future Ventures (SFV Capital), Archimedes New Ventures sowie Business-Angels wie Jan Oberhauser (n8n) und Jeff Hammerbacher (Cloudera). Zuvor hatten Freigeist Capital und DnA Ventures in das Startup investiert.

"Industrielle KI lässt sich nur skalieren, wenn Fabriken über eine verlässliche, universelle Datenbasis verfügen. UMH schafft genau dieses Fundament", sagt Andreas Winter-Extra, Partner bei KOMPAS VC.

Blick in die Zukunft: Die weltweit führende Industrial Data Company

"In Bereichen wie ERP, CRM oder HR-Management sind Unternehmen mit Milliardenbewertungen entstanden. Im Digital Manufacturing fehlt ein solcher Player bislang. Genau das ist unsere Mission: Wir wollen die weltweit führende Industrial Data Company aufbauen", sagt Niklas Hebborn, Chief Commercial Officer von UMH.

Aktuell arbeiten bei UMH 20 Menschen intensiv an der Plattform, der Produktentwicklung und der Expansion. Das Team soll in den nächsten zwei bis drei Jahren verdoppeln bis verdreifacht werden, mit Fokus auf Produktentwicklung und Vertrieb.

Ausblick: Automatisierung, Robotik und KI auf Basis von Daten

Der UMH-Ansatz birgt starkes Potential für die Zukunft, in der Roboter und KI eine immer größere Rolle in der industriellen Produktion spielen dürften. Mit einer verlässlichen, strukturierten Datenbasis lassen sich Produktionsprozesse nicht nur überwachen, sondern auch automatisieren. Robotik und KI können auf Echtzeitdaten reagieren, Wartung vorausschauend planen und Produktionslinien eigenständig optimieren. Unternehmen, die ihre Daten wie bei UMH standardisieren, können intelligente Systeme einsetzen, die Entscheidungen treffen, Engpässe erkennen und selbstlernende Optimierungen durchführen – die Grundlage für smart factories der nächsten Generation.

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Maximilian Modler

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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