Wirtschaft

Ein Schuss von Trump reichte - nun schlingert die Welthandelsorganisation führerlos umher

Inmitten der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise ist die Welthandelsorganisation WTO durch die US-Regierung gelähmt worden. Die Chancen stehen gut, dass die Organisation monatelang führerlos umherschlingern wird.
31.08.2020 13:23
Aktualisiert: 31.08.2020 13:23
Lesezeit: 2 min
Ein Schuss von Trump reichte - nun schlingert die Welthandelsorganisation führerlos umher
US-Präsident Donald Trump. (Foto: dpa) Foto: Charles Krupa

Die Welthandelsorganisation (WTO) steht inmitten der größten Krise ihrer 25-jährigen Geschichte führungslos da. Ihr bisheriger Generaldirektor Roberto Azevedo trat wie angekündigt am Montag zurück. Der Brasilianer wechselt zum Getränkekonzern PepsiCo. Wer seine Nachfolge antreten wird, ist nach wie vor unklar. Bislang haben sich acht Kandidaten um den Führungsposten beworben, doch will die US-Regierung einen Amerikaner ins Amt hieven. Das wiederum trifft auf den Widerstand aus China und Europa. Dadurch droht ein monatelanges Führungsvakuum - ausgerechnet zu einer Zeit mit wachsenden Handelskonflikten und -hemmnissen.

"Dies ist in der Tat ein neuer - wenn auch leider nicht unerwarteter - Tiefpunkt für die WTO", sagte der kanadische Ökonom Rohinton Medhora, Präsident des Instituts Centre for International Governance Innovation. "Die Organisation ist seit einiger Zeit, genauer gesagt seit mehreren Jahren, richtungslos und wird nun funktional führungslos sein." Das Berufungsgericht der WTO, das über internationale Handelsstreitigkeiten entscheidet, ist durch die Blockade Washingtons bei der Ernennung neuer Richter ohnehin gelähmt.

Eigentlich sollte ein Nachfolger Azevedos bis zum 7. November ausgewählt werden. In der Praxis könnten sich die Dinge durch die Ungewissheit vor der US-Präsidentenwahl am 3. November in den Vereinigten Staaten weiter verzögern, sagen Experten. Schwierig ist aber nicht nur die Besetzung des Chefpostens. Der Haushalt für 2021 muss bis Jahresende stehen. Auch hier könnten die USA blockieren.

US-Präsident Donald Trump hält nicht viel von der WTO. Er wirft ihr etwa vor, China nicht für unlautere Handelspraktiken zur Rechenschaft zu ziehen. Auch sieht er sein Land durch das WTO-Zollsystem benachteiligt. Trump hat sogar erwogen, aus der WTO auszusteigen.

Ex-Chef: WTO überlebt nur, wenn man jetzt schnell handelt

Die Welthandelsorganisation muss nach Überzeugung ihres scheidenden Generaldirektors Roberto Azevêdo deutlich agiler werden. Sein Rat an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger lautet deshalb: "Sorgen Sie dafür, dass die Mitgliedsländer verstehen, dass sie schnell handeln müssen. Der Luxus der Zeit ist nicht auf unserer Seite. Die WTO kann wie andere internationale Organisationen nur überleben, wenn die Mitgliedsländer schnell reagieren."

Die Welt erlebe wegen der Coronavirus-Pandemie "die größte Rezession in Friedenszeiten". Der Reflex sei, zunächst die eigene Umgebung zu schützen, das eigene Land, die engsten Partnerländer. Das sei nicht immer die Reaktion, die nötig sei, wenn eine Krise die ganze Welt betreffe. Die Länder müssten sich bereits jetzt auf die nächste Krise vorbereiten und einen Mechanismus finden, der automatisch dafür sorge, dass in einer Krise allen geholfen werde.

Azevêdo scheidet Ende August ein Jahr früher als geplant aus dem Amt aus. Er machte dafür persönliche Gründe geltend. Er habe mehrere Projekte vor sich, sagte er, ohne Einzelheiten zu nennen. Er werde aber nicht in Genf bleiben und nicht in seine Heimat Brasilien zurückkehren. Seine Frau Maria Nazareth Farani Azevêdo ist Botschafterin Brasiliens bei den Vereinten Nationen in Genf. Ihr Name fiel in diplomatischen Zirkeln unter anderem im Zusammenhang mit einem möglichen Botschafterposten in Washington.

Um Azevêdos Nachfolge bewerben sich Kandidatinnen und Kandidaten aus Mexiko, Nigeria, Kenia, Ägypten, Südkorea, Saudi-Arabien, Moldau und Großbritannien. Handelsdiplomaten in Genf glauben nicht, dass die Entscheidung über die Nachfolge vor den US-Wahlen am 3. November fällt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Ergebnisse der Tech-Giganten: Meta plant KI-Investitionen von bis zu 135 Milliarden Dollar
28.01.2026

Die Technologiegiganten Meta, Microsoft und Tesla übertrafen die Erwartungen der Analysten, insbesondere im Hinblick auf den Wettlauf um...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsen blieben nach Zentralbankentscheidung stabil
28.01.2026

Die erwartete Entscheidung der US-Notenbank, die Zinssätze stabil zu halten, ließ die Märkte auf klarere Hinweise bezüglich künftiger...

DWN
Politik
Politik Energieprojekt Bornholm: Dänemark und Deutschland einigen sich auf gemeinsame Finanzierung
28.01.2026

Deutschland und Dänemark rücken bei einem zentralen Energieprojekt enger zusammen. Welche wirtschaftlichen und strategischen Folgen hat...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Trump treibt Gold-Rallye weiter an – sind bald schon 6.000 Dollar möglich?
28.01.2026

Der Goldmarkt erlebt derzeit eine historische Ausnahmesituation: Ein neues Goldpreis-Rekordhoch folgt dem nächsten. Trumps...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Puma unter chinesischem Großaktionär: Welche europäischen Sportmarken unabhängig bleiben
28.01.2026

Der Einstieg eines chinesischen Großaktionärs bei Puma rückt die Eigentümerstrukturen europäischer Sportmarken in den Fokus. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Verdacht auf Geldwäsche: BKA durchsucht Deutsche Bank
28.01.2026

Erneut Ärger wegen möglicher Geldwäsche: Justiz und BKA sichern Beweise bei der Deutschen Bank. Die Ermittlungen stehen im Zusammenhang...

DWN
Politik
Politik Haseloff-Nachfolger: Schulze neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt
28.01.2026

Nach 15 Jahren Reiner Haseloff übernimmt Sven Schulze das Amt des Regierungschefs in Sachsen-Anhalt – und muss gleich gegen einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau: Amazon streicht weltweit 16.000 Arbeitsplätze
28.01.2026

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon baut erneut Tausende Stellen ab. Was hinter den Entlassungen steckt und wie der Konzern auf die...