Börsen vermelden erste Erschütterungen: Wann fällt das Kartenhaus zusammen?

 

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06.09.2020 07:22
Die Aktienkurse steigen und steigen. "Noch", betont DWN-Kolumnist Ronald Barazon und nennt die Gründe, warum Anleger sich auf einen heißen Herbst gefasst machen sollten.
Börsen vermelden erste Erschütterungen: Wann fällt das Kartenhaus zusammen?
Die Frage lautet nicht, ob die Börse zusammenbricht. Die Frage lautet: Wann? (Foto: dpa)

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Die Börsenkurse sind weltweit extrem hoch, und so liegt die Erwartung einer kräftigen Korrektur nach unten nahe. In den vergangenen Tagen ist es dann auch tatsächlich zu deutlichen Schwankungen gekommen, doch am Ende der Woche, am Freitagnachmittag, sind die Börsianer recht zufrieden und ganz beruhigt ins Wochenende gegangen. Vor allem die beiden großen Börsen in New York hatten das äußerst hohe Niveau in etwa gehalten.

Es ist paradox: Die Welt befindet sich durch Corona in einer veritablen Wirtschaftskrise – doch die Aktienkurse steigen und steigen. Wie passt das zusammen?

Offensichtlich nützen die Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Krise ergriffen werden, vorerst mehr den Aktienbörsen als der Realwirtschaft. Doch das wird nicht immer so weiter gehen. Tatsache ist: Es bläht sich eine Blase auf, die sich früher oder später in einem Börsenkrach entladen muss – und das lässt sich auch bereits an konkreten Daten ablesen. Aber: Diese Woche ist noch alles noch gut gegangen. Wobei die Betonung auf – ja genau, auf „noch“ liegt.

Die Kurse sind in Relation zu den Gewinnen zu sehen

Dass die Aktienpreise derzeit so extrem hoch sind, ist dabei überhaupt kein Grund zur Sorge: Im Gegenteil. Bei einer blühenden Wirtschaft und prächtigen Gewinnen können (und sollen) die Kurse getrost hoch sein, ohne dass man sich vor einem Crash zu fürchten hätte. Entscheidend ist nämlich immer das Verhältnis der Preise zu den tatsächlich erwirtschafteten Erträgen. Als wünschenswert gilt ein „Kurs zu Gewinn-Verhältnis“, kurz KGV genannt, von 15: Wenn der Kurs dem 15-fachen des Gewinns je Aktie entspricht, dann kommt der Gewinn einer Verzinsung von sechs bis sieben Prozent des Aktienpreises gleich. Der Aktionär hat folglich einen soliden Wert und kann auch mit einer attraktiven Dividende rechnen. Wichtig zu verstehen ist: Je höher der Kurs der Aktie steigt, umso höher ist das KGV, und umso niedriger die entsprechende Verzinsung.

An den zwei New Yorker Börsen liegen die KGV im Schnitt derzeit bei 30 Prozent, wobei besonders nachgefragte Unternehmen wie etwa Apple, noch höhere Werte aufweisen. Der Index der traditionellen New Yorker Börse (NYSE/ Wall Street) entspricht einem KGV von 28, an dem von modernen Technologie-Unternehmen dominierten Nasdaq liegt der KGV sogar bei über 30. Fazit: Die Kurse sind doppelt so hoch, wie sie eigentlich sein sollten. Dies gilt mehr oder wenige für alle Börsen weltweit. In Deutschland ist die Lage etwas weniger dramatisch, aber nicht viel: Der deutsche Index DAX entspricht derzeit auch einem extrem hohen KGV von 27. Der Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre lag bei 20. Eines sollte man immer im Hinterkopf haben: Gewinnberechnungen beziehen sich auf vergangene Ergebnisse und berücksichtigen daher nicht die jeweils aktuelle, tatsächliche Situation der Unternehmen (was derzeit besonders bedenklich ist, da der Welt im Zuge der Corona-Krise eine ausgewachsene Rezession droht).

Der Kurse der Aktien sind hoch, weil die Zinsen der Staatsanleihen niedrig sind

Was stützt nun die geradezu astronomischen Aktienkurse? In erster Linie die niedrigen Zinsen der Staatsanleihen. Ein KGV von 30 bedeutet, dass die Unternehmensgewinne in Relation zum Aktienkurs zwischen drei und vier Prozent betragen und man immer noch damit rechnen kann, eine Dividende zu bekommen, die, gemessen am Kurs, in etwa einer Verzinsung von 2 Prozent entspricht. Auch sind die hier angesprochenen KGV Mittelwerte, sodass doch viele Aktien niedriger notieren und daher günstigere KGV aufweisen. Da Anleihen im Gefolge der Niedrigzinspolitik kaum Zinsen abwerfen, ist also der Aktienkauf auch bei extrem hohen Kursen noch attraktiv. Die beiden wichtigsten Notenbanken – die Federal Reserve in den USA und die Europäische Zentralbank für den Euro-Raum – halten konsequent an ihrer Niedrigzins-Politik fest, um in der Krise die Wirtschaft mit billigem Geld zu versorgen. Und halten auf diese Weise die Börsenkurse indirekt hoch.

Die Konjunktur-Belebungs-Programme weben des Kaisers neue Kleider

Die Situation an den Börsen kann mit vergleichen mit der, die Hans Christian Andersen in seinem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ beschreibt. Die angeblichen Kleider des Herrschers sind gar keine, werden aber herbeifantasiert, bis ein Kind schreit: „Der Kaiser ist doch nackt“, und damit die Bevölkerung aufweckt und sie die Realität erkennen lässt. Auf die derzeitige Situation an den Börsen übertragen: Jeden Moment kann ein naiver Börsianer laut ausrufen: „Wir kaufen doch Aktien zu Märchenpreisen von Firmen, die nichts verdienen“, und mit dieser Einsicht einen Börsenkrach auslösen. Die Bekämpfung der Corona-Krise verhindert ein solches Szenario derzeit noch: Weltweit werden Milliarden in Bewegung gesetzt, um der Wirtschaft bei der Bewältigung der Krise zu helfen; dies gilt für die EU, die USA, aber auch für die meisten anderen Staaten. Mit anderen Worten: Die Konjunkturbelebungs-Programme produzieren vermeintlich neue Kleider für den Kaiser, und so gehen viele Spekulanten davon aus, dass die Hilfsprogramme die Wirtschaft beleben und dadurch weiter für Unternehmensgewinne sorgen werden, kurz gesagt, also sicherstellen werden, dass an den Börsen alles so bleibt, wie jetzt.

Der Euro benimmt sich an den Börsen wie Popeye, der Seemann

Dieses Phänomen hat auch Auswirkungen auf die Devisen-Börsen. In Europa herrscht momentan noch die Erwartung, dass das 750-Milliarden-Programm der EU-Kommission gemeinsam mit den nationalen Hilfsprogrammen für einen Aufschwung sorgen wird. Dass das EU-Programm sehr umständlich konzipiert ist und zudem auch noch nicht von den Parlamenten beschlossen wurde, nimmt kaum jemand zur Kenntnis. Vielmehr dominiert die Hoffnung, was sich am Kurs des Euro gegenüber dem Dollar zeigt, der seit Tagen um 1 zur 1,18 schwankt, kurz sogar die 1 zu 1,20-Marke erreicht hatte. Trotz Überschuldung der Staaten, ungeachtet eines dramatischen Einbruchs der Wirtschaft, agiert die europäische Währung wie Popeye, der riesenstarke Seemann, in der berühmten Zeichentrick-Serie.

Die Lehren aus der Zwischenkriegszeit 1918-1938 greifen ins Leere

Was die Wirksamkeit der Konjunktur-Programme angeht, ist durchaus Skepsis am Platz. Die Politik hat sich die Erfahrungen der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen zu Eigen gemacht. Damals wurde die ohnehin extrem schwache Wirtschaft durch Sparprogramme der Staaten zusätzlich abgewürgt. Diesen Fehler will man nicht wiederholen und pumpt nun großzügig Geld in die Unternehmen. Nur ist derzeit die Wirtschaft nicht in erster Linie durch Geldmangel gelähmt, sondern durch die Kombination aus Lock-Downs und einer allgemeinen Verunsicherung, die zu einem dramatischen Rückgang des Konsums geführt haben. Es ist kaum anzunehmen, dass der Geldsegen die Angst der Menschen vor dem Virus beseitigen kann. Somit ist auch hier zu befürchten, dass sehr bald deutlich wird, dass die Konjunktur-Programme die erhofften Ergebnisse nicht bringen können.

Die Profis verkaufen seit Wochen massenweise Aktien

Eine alte Börsen-Regel lautet „Wenn die Profis verkaufen, schlagen die Amateure zu!“ Ähnlich verläuft die Entwicklung derzeit. Sonst könnten die Börsen das hohe Kursniveau nicht halten. In den vergangenen Wochen haben die großen Fonds und die Unternehmen mit hohen Aktienbeständen so viel verkauft wie seit Jahren nicht mehr. Man nützte die hohen Kurse und stockte die Bargeldbestände auf. Schließlich kann man nach dem zu erwartenden Kursrückgang wieder günstig zukaufen. Diese Vorgangsweise der Großen lässt – zusammen mit den Fundamentaldaten wie der Wirtschaftsentwicklung und dem KGV – einen baldigen Börsenkrach erwarten und so wirken die Turbulenzen der vergangenen Woche wie Vorboten.

Die Realität wird nicht nur an den Börsen ignoriert

Die Realität wird allerdings nicht nur an den Börsen ignoriert. In der Politik und in der Bevölkerung weiß man noch nicht, wie man mit dem Virus umgehen soll. Die im Frühjahr praktizierte Antwort, einen Lock-Down zu beschließen und fast alle Aktivitäten einzustellen, erweist sich nachträglich als problematisch: Diese Methode wäre nur richtig gewesen, wenn nach einigen Wochen das Virus verschwunden wäre. Das ist nun nicht der Fall, und so müssen alle zur Kenntnis nehmen, dass das Virus ein Teil des Alltags geworden ist. Auf Dauer würde eine Fortsetzung des Lock-Downs den totalen Zusammenbruch der Wirtschaft und psychische Krisen bei den Menschen auslösen. Also muss das Leben weitergehen, mit dem Virus, und noch gibt es keine gesicherte Praxis, wie man sich unter diesen Umständen zu verhalten hat. Hier ist ein Lernprozess im Gang, der nicht so rasch abgeschlossen sein wird. Zumal vorerst noch die Hoffnung dominiert, dass das Virus wie ein Spuk plötzlich wieder verschwindet und ebenso plötzlich die Normalität von gestern zurückkehrt.

Spuks verschwinden nicht immer so plötzlich, wie sie erscheinen

Mit Spuks ist das allerdings so eine Sache: Als die Notenbanken zur Bekämpfung der Finanzkrise 2008 die Niedrigzinsen einführten, hoffte man allgemein, dass dies eine vorübergehende Maßnahme wäre. Bald jedoch schon zeigte sich, dass nicht nur die Unternehmen, sondern auch und besonders die Staaten dringend niedrige Zinsen benötigen, um ihre Haushalte zu retten. Also wurden die niedrigen Zinsen beibehalten. Jetzt, zwölf Jahre nach der Finanzkrise 2008, gelten die niedrigen Zinsen immer noch und werden nun zur Bekämpfung der Corona-Krise 2020 einfach weiter aufrechterhalten. Man kann nur hoffen, dass sich das Virus nicht als ähnlicher Langzeit-Spuk erweisen wird.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.



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