Weltwirtschaft

Niedrige Lohnkosten, sichere Lieferketten: Wird Polen das neue China?

Lesezeit: 6 min
19.09.2020 12:00
Die Pandemie hat gezeigt, dass China unberechenbar ist. Eine Analyse am Beispiel VW, warum Polen als Standort aufgewertet werden muss.
Niedrige Lohnkosten, sichere Lieferketten: Wird Polen das neue China?
VW hat die Produktion des e-Crafter von Hannover nach Września (Wreschen) verlegt. (Foto: dpa)
Foto: Rainer Jensen

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Die Pandemie stellt alles auf den Prüfstand – und zwar insbesondere das Geschäft der deutschen Investoren mit China. Den Managern, Politiker, aber auch vielen Wissenschaftlern ist klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Denn das Virus, das sich vom Reich der Mitte in die ganze Welt verbreitet hat, ist für ungeahnte Schäden bei den Unternehmen verantwortlich.

„Viele Firmen werden ihre Lieferketten überprüfen und nach neuen Möglichkeiten für ihre Produktion suchen, die näher als China und die vor allem sicherer sind“, sagt beispielsweise die Chefökonomin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Beata Javorcik.

Zu den Konzernen, die besonders davon betroffen sind, gehört VW, das 35 Prozent seines weltweiten Absatzes in China macht. „Die Covid-19-Pandemie hat Volkswagen im ersten Halbjahr vor nie gekannte Herausforderungen gestellt, mit starken Auswirkungen auf unsere Finanzzahlen“, sagt Alexander Seitz, CFO der Marke Volkswagen, und wies darauf hin, dass sein Unternehmen einen operativen Verlust von 1,5 Milliarden Euro in die Bücher schreiben musste.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hatte es noch ein Plus von 2,3 Milliarden Euro gegeben. Die Umsätze brachen in den ersten sechs Monaten 2020 um 35,5 Prozent auf 29 Milliarden Euro ein, während die Auslieferungen um 26,7 Prozent auf 2,2 Millionen zurückgingen – also Rückgänge, die ein nahezu historisches Ausmaß hatten.

Die miserablen Geschäfte zwingen den Konzern dazu, unbedingt seine Konzernstrukturen neu zu ordnen und sein Augenmerk weniger auf China zu richten. Der Hersteller hatte zwar Ende Mai genau das Gegenteil dessen angekündigt. Einer offiziellen Erklärung zufolge will der Autobauer seine Investitionen in die E-Mobilität in China sogar noch um eine Milliarde Euro erhöhen, weil dies der wichtigste Markt für dieses Segment weltweit sei.

Doch wird VW, das mit 192 Milliarden Dollar das höchstverschuldete Unternehmen der Welt ist, früher oder später seine Strategie grundlegend ändern müssen. Denn China hat sich durch die Pandemie als sehr unsolider Standort erwiesen hat.

Ein Markt, der von einer möglichen Neuordnung von VW profitiert, wird wohl Polen sein. Denn mit keinem anderen Land in Europa außerhalb von Deutschland ist der internationale Autobauer so eng verbunden.

VW verlagert E-Crafter-Produktion von Hannover nach Polen

So hat der Auto-Hersteller gerade Ende Juli die Verlagerung der Produktion des elektrisch betriebenen Nutzfahrzeuges e-Crafter von Hannover ins westpolnische Września (Wreschen) komplett abgeschlossen. Dieser Standort liegt etwa 50 Kilometer östlich von Poznań (Posen). Der E-Crafter ist neben dem e-TGE von der VW-Tochter MAN das zweite elektrische Modell, das in diesem Werk hergestellt wird.

Den Plänen zufolge sollen an dem westpolnischen Standort bis Ende 2020 rund 2.000 Fahrzeuge vom Band laufen, und im kommenden Jahr sind 1.400 e-Crafter geplant. Der Betrieb verfügt bereits über die notwendigen Produktionsanlagen und Lieferketten für die E-Transporter-Produktion.

Bisher hatte sich VW beim e-Crafter einen Sonderweg geleistet. Die Rohkarossen wurden in Września gebaut und dann in das deutsche VW-Nutzfahrzeuge-Werk nach Hannover transportiert, wo dann der elektrische Antriebsstrang montiert wurde. Vor zwei Jahren begann das Management erstmals zu überlegen, dass diese Art der Organisation nur wenig Sinn macht. Schließlich entschloss sich die Führungsspitze, die gesamte Herstellung nach Polen zu verlagern.

Dieses Projekt ist nur eines von vielen, das der Konzern in den vergangenen 30 Jahren in Angriff genommen hat. „VW hat sich bereits in Polen engagiert, bevor es in Mode gekommen war“, schreibt die polnische Wirtschaftszeitung „Puls Biznesu“. „Jetzt kann der Konzern mit Fug und Recht behaupten, dass Polen sein zweites Zuhause ist. Denn in kein anderes Land auf der Welt hat das Unternehmen seit der politischen Wende vor 30 Jahren so viel investiert. Nur die Standorte in Deutschland und China weisen höhere Volumina auf, wenn es um Investitionen in die Produktion und die Händlernetze geht“, analysiert die Fachpublikation.

Hintergrund: Polen ist insbesondere deswegen so interessant, weil sich das Land geografisch in unmittelbarer Nähe zu Deutschland befindet. Für einen deutschen Investor ist es aus logistischer Hinsicht unerheblich, ob er sein Werk zuhause oder dort errichtet. Noch wichtiger ist die relativ geringe Höhe der Arbeitskosten pro Arbeitnehmer, die im Jahr 2018 pro Stunde bei 9,20 Euro gelegen hat. Zum Vergleich: Der Standort ist damit zwischen vier und fünf Mal kostengünstiger als Deutschland, wo durchschnittlich 41 Euro gezahlt werden.

Polen bei Lohnkosten nicht wesentlich teurer als China

Interessant: China, das einmal als Billiglohnland gegolten hat, verliert immer mehr diesen Status. Denn laut einer Statistik, welche die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) erstellt hat, haben die Unternehmen in China vor zwei Jahren ihren Angestellten sieben Euro pro Stunde auf ihr Lohnkonto überwiesen – also nicht wesentlich weniger als in Polen. Das Argument, China verfüge über so geringe Lohnkosten und sei deswegen als Standort lukrativ, stimmt folglich so nicht mehr.

Darüber hinaus gewinnt der Standort immer mehr an Bedeutung, wenn es um die Entwicklung der Elektromobilität geht. Denn Polen ist innerhalb der EU der größte Exporteur von Lithium-Batterien. Und die Wachstumsentwicklung ist schon stark zu sehen: So hat 2016 der Anteil Polens an den Gesamtausfuhren noch bei zehn Prozent gelegen. Im vergangenen Jahr waren es bisher 40 Prozent. Damit erklomm das Land innerhalb der Rangliste den ersten Platz.

Auch aus diesem Grund macht es für VW Sinn, den Standort in Polen zu stärken. Das deutsche Unternehmen verfügt schon über vier Fabriken im Land, wovon sich der größte Betrieb in Poznań befindet. Neben dem e-Crafter werden hier der VW Caddy und der VW Transporter gebaut.

Das Werk in Poznań, das zu den größten Arbeitgebern in Polen gehört, ist eine Nutzfahrzeug- und Komponentenfabrik, in die das Unternehmen bisher zwei Milliarden Euro investiert hat. Dort werden 11.000 Mitarbeiter beschäftigt. Zu Einordnung: In seinem Stammwerk in Wolfsburg finden mehr als 60.000 Kolleginnen und Kollegen Arbeit. In Emden, das derzeit zu einem Standort für E-Fahrzeuge ausgebaut wird, sind es etwa 8.000.

Im Oktober 2016 wurde das neue Crafter-Werk in der Nähe von Września eröffnet. Darüber hinaus unterhält das Unternehmen im Stadtviertel Wilda in Poznań eine Gießerei, die an viele Werke des Konzerns weltweit Aluminiumbauteile liefert. Im vergangenen Jahr produzierten die Mitarbeiter des Unternehmens fast 240.000 Fahrzeuge und 4,5 Millionen Gussteile. Zum Vergleich: Konzernweit sind es mehr als zehn Millionen.

Pluspunkt: Polen ist EU-Mitglied

Doch das ist noch nicht alles: Der VW-Konzern betreibt in Polen insgesamt 20 Tochtergesellschaften und verfügt über ein Händlernetz, das sehr engmaschig geknüpft ist. Ein weiterer Grund, warum sich der Konzern in Polen engagiert, ist die Mitgliedschaft in der EU. Gerade in diesen unruhigen Zeiten ist dies ein sehr wertvoller Vorteil für einen Investor, weil Brüssel direkten Einfluss auf die politische Führungsspitze nehmen kann. Die nationalkonservative polnische Regierung hat sich zwar in den vergangenen Jahren in Brüssel eine ganze Reihe von Vertragsverletzungsverfahren eingehandelt, doch ändert dies nichts am Grundsatz, dass das Land eng mit dem restlichen Europa verbunden ist. Es bleibt eine Demokratie, in der es möglich ist, dass bei den kommenden Wahlen eine andere Regierung gewählt wird, die anders handelt. In China ist dies nicht so leicht möglich.

Doch nicht nur dieser politische Aspekt, sondern auch grundlegende Eigenschaften sprechen dafür, dass VW sein Engagement aufstocken sollte. Denn Polen ist flächenmäßig das größte unter den östlichen EU-Mitgliedsländern, nimmt fast 90 Prozent der Fläche Deutschlands ein und gehört damit zu den größeren europäischen Staaten. Die Zahl der Konsumenten liegt derzeit zwischen 37 und 38 Millionen und ist damit die mit Abstand höchste von den Nachbarländern Tschechien, Slowakei und Ungarn.

Fazit: Die geografische Nähe zu Deutschland, bis zu fünf Mal geringeren Arbeitskosten als in Deutschland und eine starke Verwurzelung des Konzerns mit dem Land sprechen dafür, dass der polnische Standort nach der Pandemie innerhalb von VW an Bedeutung gewinnen wird.

Die Rückgänge im ersten Halbjahr waren erst der Anfang. Es könnte nun sogar noch schlechter kommen. Die wahren Auswirkungen werden wohl erst gegen Ende des Jahres ersichtlich sein. Und in den Köpfen der Mitarbeiter, der Konsumenten und Politiker steckt die Katastrophe nach wie vor – unabhängig davon, ob sich die Finanzergebnisse wieder verbessern. VW muss sich endlich von China wegbewegen – egal, wie groß das Potenzial dieses asiatischen Marktes auch sein mag.


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