Politik

Im Kampf gegen China kann den USA nur einer helfen: Russland

Lesezeit: 5 min
06.10.2020 11:11  Aktualisiert: 06.10.2020 11:11
Der weltweite Zuspruch für die USA geht seit Beginn des 21. Jahrhunderts drastisch zurück. Immer mehr ist von einem Niedergang des Landes die Rede; es mehren sich die Stimmen, die glauben, China werde schon bald die größte Supermacht der Erde sein. Das wollen die Amerikaner natürlich verhindern - aber auch andere Mächte, von denen man das nicht unbedingt erwartet.
Im Kampf gegen China kann den USA nur einer helfen: Russland
Die USA sind eine stolze Nation - aber im Kampf gegen China sind sie auf fremde Hilfe angewiesen. (Foto: dpa)
Foto: Andrew Gombert

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Das Bewusstsein für den abnehmenden Einfluss Amerikas wurde unter Beobachtern während der Barack Obama-Regierung nahezu täglich erwähnt. Im Zeitalter von Donald Trump hat diese Erwähnung einen Höhepunkt erreicht.

„Amerika wird nie wieder die globale Dominanz erleben, die es in den 17 Jahren zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der Finanzkrise 2008 genossen hat. Diese Zeiten sind vorbei“, schrieb der britische Journalist Gideon Rachman bereits 2011.

Im folgenden Jahr führte Charles Kupchan von der Georgetown University aus: „Die USA werden eine der weltweit führenden Mächte für das Gleichgewicht des 21. Jahrhunderts bleiben, aber sie müssen das Nachlassen des Vorrangs des Westens anerkennen und daran arbeiten, den Übergang zu einer Welt, die sie nicht mehr beherrschen, möglichst günstig für sie zu gestalten.“

Im Juni 2016 schrieben Aaron David Miller und Richard Sokolsky von der RAND Corporation: "Wenn die letzten 25 Jahre der US-Außenpolitik etwas zeigen, sind es die Grenzen der Macht Amerikas, in einer grausamen und widerspenstigen Welt einen Wandel herbeizuführen.“

„Zu Beginn der 2020er Jahre ist es schwierig, ein Mitglied des außenpolitischen Establishments der USA zu finden, das nicht glaubt, dass die USA im Niedergang begriffen sind und dass der Rückgang ihres Einflusses unter einem Präsidenten, der offen die US-Verbündeten angreift, sich beschleunigt und die Feinde gemehrt hat“, so Ruchir Scharma von Morgan Stanley. Doch Scharma bestreitet diesen Rückgang unter Berufung auf die anhaltende Stärke der US-Wirtschaft. Er stellt fest, dass der US-Anteil (25 Prozent) an der globalen Wirtschaftsmacht seit vier Jahrzehnten im Wesentlichen konstant ist. „In diesem Zeitraum ist der Anteil der Europäischen Union von 35 auf 21 Prozent gesunken. Japans Anteil sank von zehn auf sechs Prozent und Russlands von drei auf zwei Prozent. In dieser Zeit stieg Chinas Anteil von zwei auf 16 Prozent. Es ist also wahr, dass mit dem Aufstieg Chinas andere Großmächte zurückgegangen sind. Aber die USA gehören nicht dazu“, stellt Scharma fest.

Nach Scharma sind die USA haben in den vergangenen 40 Jahren für einen großen Teil des globalen Wirtschaftswachstums in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften der Welt verantwortlich. Die amerikanische Wirtschaft haben erheblichen und in einigen Fällen wachsenden internationalen Einfluss. Dazu gehören Software und Informationstechnologie (z. B. Silicon Valley, Microsoft), Finanzdienstleistungen (z. B. der New Yorker Finanzmarkt, globale US-Banken), Öl und Gas (die USA sind der weltweit größte Produzent), Filme und Computerspiele, medizinische Forschung und High-End-Behandlung, Verkehrsflugzeuge (Boeing), Computerchips, Pharmazeutika, Satelliten, große Universitäten und sogar Think Tanks.

Die RAND Corporation stellt in ihrem Bericht mit dem Titel „Die verlorene Generation in der amerikanischen Außenpolitik - Wie der amerikanische Einfluss abgenommen hat und was dagegen getan werden kann“ fest: „Während Amerikas ,Hard Power‘, die sich in seinem wirtschaftlichen und militärischen Gewicht widerspiegelt, weitgehend unvermindert ist, ist seine ,Soft Power‘ - das heißt seine Fähigkeit, das Vertrauen zu bewahren, Zuneigung zu wecken und die Nachahmung durch andere zu fördern - messbar zurückgegangen. In den letzten Jahrzehnten wiederholt durchgeführte Meinungsumfragen haben gezeigt, dass das Vertrauen ausländischer Bürger in die USA deutlich zurückgegangen sind.“

Im Jahr 1999 schauten noch 78 Prozent der Deutschen positiv auf die USA, doch im Jahr 2019 lag dieser Anteil nur noch bei 39 Prozent. Der Anteil der Briten ging im selben Zeitraum von 83 auf 48 Prozent, in Frankreich von 62 auf 48 Prozent, in Italien von 76 auf 62 Prozent, in Russland von 39 auf 29 Prozent und in der Türkei von 52 auf 20 Prozent zurück. Nur in Polen stieg der Zuspruch von 66 auf 79 Prozent und in Südkorea von 58 auf 77 Prozent.

Russland, China und sogar die Europäische Union bemühen sich, ihre Abhängigkeit von den amerikanischen Finanzmärkten zu verringern, indem sie alternative Zahlungskanäle oder regionale Währungshandelsblöcke entwickeln, die für internationale Transaktionen nicht vom US-Dollar abhängen. Thomas Wright von der Brookings Institution argumentiert, dass die Unsicherheit über die künftige Rolle der USA, das internationale System destabilisiere.

Der britische Analyst Dominic Tierney führt diese Tendenz auf das Fehlen eines existenziellen Rivalen zurück, wie die Sowjetunion, was darauf hindeutet, dass China möglicherweise als Lückenfüller ins Spiel kommen könnte. Der Politikwissenschaftler Joe Nye meint hingegen, dass die eigentliche Herausforderung für die USA darin bestehe, dass andere Mächte sich in der Welt im Aufstieg befinden, während Kupchan von „multiplen Modernitäten“ spricht, die die Werte des Westens erblassen lassen.

Denn der Aufstieg Chinas, der die USA als herausragende Volkswirtschaft der Welt durch einige Maßnahmen bereits übertroffen hat, hat einen alternativen Anziehungspunkt geschaffen. „China ist der einzige Herausforderer, der seitdem mächtiger geworden ist, aber dies ist eher ein Problem für die Zukunft als eine Erklärung für die Rückschläge, die die amerikanische Politik in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt haben. China war nicht verantwortlich für den 11. September, den globalen Krieg gegen den Terror, das Versagen, Afghanistan und den Irak zu stabilisieren, das iranische Atomprogramm, die große Rezession, den Aufstieg des Islamischen Staates, die syrischen und libyschen Bürgerkriege oder die russische Aggression in der Ukraine. China war auch kein ernstes Hindernis für die amerikanischen Bemühungen, diese Herausforderungen anzugehen“, führt die RAND Corporation aus.

Der Rückgang des amerikanischen Einflusses scheint am besten durch den klassischen Zyklus der Hybris gefolgt von Untergang erklärt zu werden. Ein amerikanisches Gefühl der Allmacht wurde durch den Sieg im Kalten Krieg gefördert und stieg während des folgenden Jahrzehnts mit Erfolg im ersten Golfkrieg, der anschließenden Befriedung des Balkans und einer allgemein lebhaften Wirtschaft weiter an. Durch die Anschläge vom 11. September provoziert und durch den raschen Fall der Taliban und die Zerstreuung von Al-Qaida weiter gefördert, starteten die amerikanischen Präsidenten einen globalen Krieg gegen den Terror und befürworteten eine Politik der militärischen Prävention.

Der Krieg im Irak hat die Energie, Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit der Bush-Regierung stark belastet. Dann, im Jahr 2008, kam die globale Finanzkrise, ein weiteres Produkt des amerikanischen „irrationalen Überschwangs“. Die Große Rezession löste in den USA sowohl rechts als auch links im politischen Spektrum eine populistische Reaktion aus. Die Tea Party- und die Occupy Wall Street-Bewegung wurden schließlich innerhalb der beiden großen Parteien wieder aufgenommen, was diese Parteien noch weiter auseinandertrieb. 2016 gewann ein nicht traditioneller Kandidat, der auf einer populistischen, anti-etablierten und anti-globalistischen Plattform kandidierte, die amerikanische Präsidentschaft.

Die RAND Corporation tendiert dazu, China als möglichen Gegenpol zu den USA herbeizureden. Doch wenn die USA sich auf eine bipolare Balance mit China einlassen würden, würde dies zwangsläufig das Ende ihrer Vormachtstellung besiegeln. Peking ist angewiesen auf Europa als Lieferanten und Kunden. Zudem benötigt das Land enorme Energieressourcen, die sich im Nahen Osten und Afrika befinden. China will eine handelspolitische Verschmelzung mit der EU über ihre Neue Seidenstraße herbeiführen. Daran führt kein Weg vorbei. Doch eine handelspolitische Verschmelzung mit der EU würde nicht nur China, sondern eigentlich vor allem Europa zu einer globalen Macht aufsteigen lassen, was weder im Interesse der USA noch im Sinne Russlands ist.

Die USA haben, wie die RAND Corporation andeutet, überhaupt nicht die Wahl zwischen Krieg oder Frieden mit China. China muss aus US-amerikanischer Sicht weltpolitisch disqualifiziert werden, wenn die USA ihre Vormachtstellung behalten wollen. Dazu bedarf es einer Kooperation mit Russland. Auch Russland hat kein Interesse an einer „1+1“-Weltmachtformel zwischen Europa und China, da beide Blöcke eine Gefahr für Russlands energiepolitische und militärische Interessen darstellen. Es ist nur folgerichtig, dass die europäische Rechte, die eine Fragmentierung der EU anstrebt, von Kreisen in den USA und Russland massiv unterstützt wird. Dabei gibt es zwei Camps innerhalb der europäischen Rechten. Das eine Camp ist pro-russisch und das andere pro-amerikanisch, aber beide sind anti-europäisch.

Daraus ergibt sich, dass lediglich eine Neuauflage der bipolaren Balance zwischen Washington und Moskau die Weltordnung auf sichere Beine stellen würde. Allerdings müssten einige Modifikationen vorgenommen werden. So könnten beispielsweise nicht zwei politisch-ideologische Räume, sondern zwei unterschiedliche monetäre Räume als angrenzende Alternativen in Betracht gezogen werden. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der es keinen Dollar mehr, sondern zwei digitale Leitwährungen gibt, die die Welt nach dem Prinzip des gesunden Ying-Yang-Prinzips aufteilen, aber schlussendlich zwei Hälften desselben Kreises sind.


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