Wieder ein großes Nato-Manöver in der Barentssee: Will Russland nicht reagieren, oder kann es nicht?

 

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03.10.2020 16:40
In der Barentssee kollidieren die Interessen der Supermächte aufs Heftigste.
Wieder ein großes Nato-Manöver in der Barentssee: Will Russland nicht reagieren, oder kann es nicht?
Eine abgelegene Region - aber strategisch um so wichtiger. (Foto: Google Maps/ DWN)

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Unter Führung der britischen Marine hat in der Barentssee ein großes Manöver stattgefunden. Beteiligt waren vier Schiffe sowie zahlreiche Flugzeuge. Bei den Schiffen handelte es sich um die britische Fregatte „Sutherland“, den amerikanischen Zerstörer „Ross“, die norwegische Fregatte „Thor Heyerdal“ sowie den britischen Nachschub-Tanker „Tidespring“. Darüber hinaus waren die Luftwaffen aller drei genannten Nationen sowie die dänische Luftwaffe im Einsatz, vor allem mit Aufklärern und U-Boot-Jägern. Die Gesamtstärke der eingesetzten Einheiten betrug circa 1.200 Soldaten. Geübt wurde die Bekämpfung von Kriegsschiffen (in der Fachsprache „Oberflächenkriegsführung“) und von U-Booten.

Was war mit den U-Booten?

Laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS waren an dem Manöver auch zwei Untersee-Boote beteiligt: Ein amerikanisches Jagd-U-Boot der Virginia-Klasse mit Nuklearantrieb sowie ein – in Deutschland gebautes – norwegisches U-Boot der Klasse 210 (in Norwegen als Ula-Klasse bezeichnet). In westlichen Pressemitteilungen werden die U-Boote nicht erwähnt. Auf eine DWN-Anfrage antwortete die norwegische Marine: „Wir können dazu keinen Kommentar abgeben.“ Die 6. US-Flotte – die für den gesamten östlichen Atlantik einschließlich seiner Nebenmeere zuständig ist – ließ die Anfrage gänzlich unbeantwortet, was ungewöhnlich ist, da die US-Streitkräfte ansonsten sehr auskunftsfreudig sind. Kapitän zur See a.D. Klaus Mommsen sagte den DWN, die Reaktionen kämen nicht überraschend: „Ich gehe davon aus, dass die U-Boote dabei waren. Aber wie heißt es immer so schön: ´U-Boote finden nicht statt.´ Übersetzt bedeutet das: Natürlich nehmen sie an Manövern teil, natürlich sind sie weltweit präsent. Aber das gibt keine Marine der Welt zu – über die Einsätze ihrer U-Boote bewahren sie Stillschweigen.“

Im Herzen der russischen Einflusszone

Die Übungen fanden in nur wenigen hundert Kilometer Entfernung von der Halbinsel Kola im äußersten Nordwesten Russlands statt. Dort befinden sich wichtige Stützpunkte der russischen Nordflotte, vor allem für Atom-U-Boote. Diese sind mit einer großen Anzahl von Nuklearwaffen ausgerüstet, besonders für die Zweitschlagskapazität.

Wichtig ist die Region auch deshalb, weil sie der Schauplatz des sogenannten „Bastionsverteidigungs“-Konzepts Russlands ist. Dieses besteht aus zwei Zonen: Erstens die „Kontrollzone“ der inneren Verteidigung, die einen großen Teil des Nordpolarmeers vor der russischen Küste einschließlich der Gewässer rund um die Svalbard-Inseln sowie die Gewässer nördlich von Norwegen und Finnland umfasst. Diese Zone beziehungsweise große Teile von ihr dürften im Falle eines Krieges von der russischen Flotte unter allen Umständen verteidigt werden.

Zweitens die „Zugangszone“, das heißt die Gewässer zwischen Grönland im Norden, Island im Westen, die Nordspitze Schottlands im Süden sowie Norwegen im Südosten und die Svalbard-Inseln im Nordosten. Im Falle eines Krieges würde die russische Marine alles daran setzen, in diesem Gebiet feindlichen Schiffen die Durchfahrt zur Kontrollzone zu verwehren.

Warum schon wieder ein Manöver?

Die beteiligten Nationen gaben jeweils Begründungen für ihre Beteiligung an dem Manöver ab. Im Statement der britischen Marine heißt es: „Der Hohe Norden ist für Großbritannien von hoher Bedeutung; derzeit ergeben sich dort immer mehr Herausforderungen in Bezug auf die Sicherheit. Die Versuche Russlands, den Zugang zu dem Gebiet und sein Befahren zu kontrollieren, ist für Großbritannien und seine Partner ein Grund zur Sorge.“ Der britische Verteidigungsminister, Ben Wallace, sagte, der Klimawandel verändere die Region; durch das Schmelzen der Polarkappen entstünden neue Schifffahrtsrouten, deren ungehindertes Befahren gegen Staaten verteidigt werden müssten, die die Region militarisieren und Grenzen ziehen wollten (was dem internationalen Recht widerspricht – Anm. d. Red.). Und weiter: „Wir müssen die britischen Interessen in der Region wahren, und wir müssen unsere arktischen Verbündeten wie etwa Norwegen dabei unterstützen, die Sicherheit und Stabilität in der Region aufrechtzuerhalten.“

In der Mitteilung der 6. US-Flotte heißt es: „Die Vereinigten Staaten sind eine arktische Nation (durch ihren Bundesstaat Alaska – Anm. d. Red.) und haben dauerhafte Interessen in dieser Region. Mit unseren arktischen und europäischen Partnern führen wir diejenigen Maßnahmen zu Lande, zu Wasser und in der Luft durch, die notwendig sind, um weiterhin eine freie Arktis zu gewährleisten, wobei wir uns sowohl auf Präsenz als auch auf Abschreckung stützen.“

Der norwegische Verteidigungsminister, Frank Bakke-Jensen, sagte: „Damit die verbündeten Streitkräfte das nördliche Nato-Gebiet verteidigen können, müssen sie das notwendige Know-how besitzen, um dort zu operieren. Deshalb ist es für die Soldaten, Flugzeuge und Schiffe Norwegens sowie für die ihrer Verbündeten wichtig, sowohl in Norwegen als auch im Hohen Norden Manöver abzuhalten, auch in Friedenszeiten.“

Die Aussage von Bakke-Jensen ist insofern bemerkenswert, als dass er rund vier Monate zuvor Norwegens Nichtteilnahme an einem anderen großen Manöver westlicher Seestreitkräfte (Amerikaner und Briten) in der Barentssee noch damit begründet hatte, dass die „laufenden militärischen Aktivitäten ein Zeichen der Rivalität zwischen den Großmächten“ sei. Meinungsumschwung? Strategiewechsel? Womöglich aber auch die indirekte Bekundung, sich nur an solchen Manövern zu beteiligen, bei denen eine andere Nation als die USA die Leitung innehaben.

Eine ungewöhnliche Reaktion

Ebenfalls interessant ist die Reaktion Russlands. Finden Manöver fremder Streitkräfte in einer russischen Einflusszone statt, meldet die staatliche Nachrichtenagentur TASS in der Regel, dass die russische Marine die fremden Schiffe (beziehungsweise die russische Luftwaffe die fremden Flugzeuge) eskortiert, teilweise sogar herausbegleitet hat (was Zwang impliziert). Diesmal berichtete die TASS lediglich, dass die Nordflotte die Schiffe „beobachtet“ und ihre Bewegungen „aufmerksam verfolgt“ habe.

Der Grund ist nicht klar. Normalerweise werden Berichte, die die Durchsetzungsfähigkeit der eigenen Streitkräfte betonen, publiziert – nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Ländern, – um die eigene Bevölkerung zu beruhigen und zu demonstrieren, dass man die Lage im Griff hat. Verzichtete die TASS auf eine dementsprechende Berichterstattung, weil sich die Manöver der Nato in der Barentssee mehren und Russland nichts dagegen tun kann (zumal Manöver in internationalen Gewässern außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone eines Landes rechtlich nicht zu beanstanden sind)?

„Das ist möglich“, so Mommsen. Es könne aber auch sein, dass anderen Ereignissen derzeit mehr Priorität eingeräumt wird, beispielsweise den Demonstrationen in Weißrussland. Vielleicht spiele auch der Umstand eine Rolle, dass das Manöver nicht unter amerikanischer, sondern britischer Führung abgehalten wurde, was dann eben „als nicht als ganz so schlimm, als nicht ganz so bedrohlich“ gewertet worden sei. Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gebe es jedoch nicht: „Letztlich kann man nur spekulieren.“

Heute Russland, morgen China?

Klar ist allerdings eins: Das Manöver richtet sich gegen Russland – den derzeit einzigen Widersacher der Nato-Staaten in der Region. Aber eher früher als später wird dem Westen ein weiterer, unter Umständen noch potenterer Konkurrent in der Arktis erwachsen: China. Das Reich der Mitte will die dort liegenden gewaltigen Bodenschätze ausbeuten; darüber hinaus will es den nördlichen Seeweg um Asien herum nach Europa nutzen, sowie der Rückgang des Packeises dies zulässt. Noch ist die chinesische Marine der US-Navy klar unterlegen; aber Peking tut alles dafür, den Rückstand zu verringern.

Fazit: Die Arktis im Allgemeinen und die Barentssee im Speziellen dürften sich in den kommenden Jahren zu einem Schwerpunkt militärischer Aktivitäten der Supermächte entwickeln – die Welt hat einen neuen Hotspot.


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