Politik

China dominiert, die Agenda lautet "grün": So sieht die Welt im Jahr 2030 aus

Lesezeit: 4 min
24.10.2020 08:06
Harvard-Professor Joseph S. Nye entwirft fünf Szenarien, wie das internationale Staatensystem in zehn Jahren beschaffen sein könnte.
China dominiert, die Agenda lautet
Wie wird die Welt im Jahr 2020 aussehen? (Foto: dpa)
Foto: Boris Roessler

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Die eine und einzig zutreffende geopolitische Zukunftsvision gibt es nicht. Jeder Versuch, die geopolitischen Ereignisse vorherzusagen, welche die COVID-19-Pandemie auslösen könnte, muss ein ganzes Spektrum möglicher Szenarien umfassen. Ich sehe fünf plausible Visionen für 2030 – doch andere sind selbstverständlich ebenfalls vorstellbar.

Das Ende der globalen liberalen Ordnung

Die von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg begründete Weltordnung schuf einen institutionellen Rahmen, der zu einer bemerkenswerten Liberalisierung des internationalen Handels- und Finanzwesens führte. Schon vor Ausbruch der Pandemie wurde diese Ordnung durch den Aufstieg Chinas und die Zunahme des Populismus in den westlichen Demokratien in Frage gestellt. China hat von der bestehenden Ordnung profitiert, doch je stärker sein strategisches Gewicht wachsen wird, desto mehr wird es in der Zukunft darauf beharren, seine eigenen Standards und Regeln festzulegen. Der Kampf um die globale Vorherrschaft zwischen dem Reich der Mitte und den Vereinigten Staaten wird weiter toben, die internationalen Institutionen werden verkümmern und immer mehr Nationen werden eine Politik verfolgen, die ausschließlich am eigenen – häufig kurzfristigen – Interesse ausgerichtet ist. Dazu kommt, dass die USA außerhalb der Weltgesundheitsorganisation und des Pariser Klimaabkommens verbleiben werden.

  • Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Pandemie zur Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieses Szenarios beiträgt, weil sie die USA, die nach dem Weltkrieg der Wächter der globalen liberalen Ordnung war, in hohem Maße schwächt.

Das Aufkommen autoritärer Strukturen wie in den 1930er Jahren

In diesem Szenario schaffen Massenarbeitslosigkeit, zunehmende Ungleichheit und die Destabilisierung der Gesellschaft durch pandemiebedingte wirtschaftliche Veränderungen zunehmend günstige Voraussetzungen für eine autoritäre Politik. Es wird kein Mangel an politischen Entrepreneuren herrschen, die bereit sind, sich eines nationalistischen Populismus zu bedienen, um an die Macht zu gelangen beziehungsweise an der Macht zu bleiben. Nationalismus und Protektionismus werden zunehmen. Es werden vermehrt Zölle und Quoten auf Waren und Zuwanderung eingeführt, Einwanderer und Flüchtlinge entwickeln sich zu Sündenböcken. Autoritäre Staaten bemühen sich, regionale Interessenssphären zu konsolidieren, und verschiedene Arten von Interventionen erhöhen die Gefahr gewaltsamer Konflikte. Einige dieser Trends zeichneten sich schon vor 2020 ab, aber:

  • Das (potentielle) Versagen bei der Bewältigung der COVID-19-Pandemie, das die Aussichten auf eine rasche wirtschaftliche Erholung enorm verschlechtert, steigert die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios.

Eine von China dominierte Weltordnung

Angesichts von Chinas erfolgreicher Bewältigung der Pandemie wird sich der wirtschaftliche Abstand zwischen China und anderen bedeutenden Mächten dramatisch verändern. In diesem Szenario überholt Chinas Wirtschaft die der USA, die im Abstieg begriffenen ist, bis Mitte der 2020er Jahre, und gegenüber einstigen potenziellen Konkurrenten wie Indien und Brasilien baut China seinen Vorsprung aus. In seiner diplomatischen Vernunftehe mit Russland entwickelt sich China zunehmend zum Seniorpartner. Nicht überraschend verlangt China Respekt und Gehorsam im Einklang mit seiner zunehmenden Macht. Mittels der Neuen Seidenstraßen-Initiative übt es Einfluss nicht nur auf die Nachbarländer, sondern auch auf weit entfernte Partner wie Europa und Lateinamerika aus. Ein Abstimmungsverhalten gegen China in internationalen Institutionen wird zu kostspielig, da es chinesische Hilfen oder Investitionen sowie den Zugang zum weltgrößten Markt gefährdet.

  • Da die westlichen Volkswirtschaften im Vergleich zu China durch die Pandemie geschwächt wurden, sind Chinas Regierung und Großunternehmen in der Lage, nach eigenem Gutdünken Institutionen umzugestalten und Standards festzulegen.

Eine internationale „grüne“ Agenda

Nicht alle möglichen Szenarien sind negativ. In diesem Szenario wird in vielen Demokratien die öffentliche Meinung damit beginnen, dem Klimawandel und dem Umweltschutz hohe Priorität einzuräumen. Eine ganze Reihe von Regierungen und Unternehmen werden sich neu aufstellen, um diese Probleme zu bewältigen. Schon vor COVID-19 war für 2030 eine durch den Fokus vieler Länder auf Umweltfragen bestimmte internationale Agenda vorstellbar. Durch Verdeutlichung des Zusammenhangs zwischen menschlicher und planetarischer Gesundheit beschleunigt die Pandemie die Umsetzung dieser Agenda.

So wird zum Beispiel die amerikanische Öffentlichkeit realisieren, dass – Verteidigungsausgaben im Volumen von 700 Milliarden Dollar zum Trotz – mehr Amerikaner an COVID-19 gestorben sind als in allen Kriegen des Landes seit 1945 zusammen. In einem gewandelten innenpolitischen Umfeld stellt dann ein US-Präsident einen „COVID-Marshallplan“ vor, um armen Ländern einen raschen Zugriff auf Impfstoffe zu ermöglichen und die Kapazitäten ihrer Gesundheitssysteme zu stärken. Ähnlich wie dem Marshallplan von 1948, der in Amerikas Eigeninteresse und zugleich im Interesse anderer war, und der profunde Auswirkungen auf die Geopolitik des folgenden Jahrzehnts hatte.

  • Bis 2030 hat sich eine „grüne“ Agenda zu einer vernünftigen Innenpolitik entwickelt, mit ähnlich bedeutsamen geopolitischen Auswirkungen.

Weiter wie bisher

In diesem Szenario nimmt sich COVID-19 von 2030 aus betrachtet genau so unangenehm aus wie die Spanische Grippe (1918 bis 1920) von 1930 aus – doch die langfristigen geopolitischen Auswirkungen sind ähnlich beschränkt. Der in den Jahren vor und während Corona herrschende Zustand besteht in diesem Szenario nämlich größtenteils fort. Wie das Szenario sich darüber hinaus darstellt? Neben Chinas wachsender Macht, neben politischer Polarisierung und innenpolitischem Populismus im Westen sowie neben einer zunehmenden Zahl autoritärer Regime gibt es auch ein gewisses Maß wirtschaftlicher Globalisierung und ein wachsendes Bewusstsein für die Wichtigkeit ökologischer Globalisierung, gestützt auf die widerwillige Anerkenntnis, dass kein Land diese Probleme allein bewältigen kann. Die USA und China schaffen es, bei Pandemien und beim Klimawandel zusammenzuarbeiten, auch wenn sie in anderen Fragen – wie den Beschränkungen der Schifffahrt im Süd- und Ostchinesischen Meer – konkurrieren. Sie sind keine Freunde, halten ihre Rivalität aber unter Kontrolle. Einige Institutionen verkümmern, andere werden repariert, und wieder andere werden neu geschaffen.

  • Die USA bleiben die größte globale Macht, aber ohne jenes Maß an Einfluss, das sie in der Vergangenheit hatten.

Welches der fünf Szenarien wird eintreten?

Für jedes der ersten vier Szenarien besteht eine Wahrscheinlichkeit von etwa zehn Prozent, dass es der Realität des Jahres 2030 nahekommt. Anders ausgedrückt: Die Chance, dass die Auswirkungen der aktuellen COVID-19-Pandemie die geopolitische Landschaft bis 2030 entscheidend verändern, liegt bei 40 Prozent. Mehrere Faktoren könnten diese Wahrscheinlichkeiten ändern. So könnte die schnelle Entwicklung wirksamer, zuverlässiger und preiswerter Impfstoffe, die international weit verbreitet werden, die Wahrscheinlichkeit von Kontinuität erhöhen und die Wahrscheinlichkeit des autoritären oder des chinesischen Szenarios verringern.

Sollte jedoch die Wiederwahl von Donald Trump Amerikas Bündnisse und die internationalen Institutionen schwächen oder die Demokratie in den USA beschädigen, nähme die Wahrscheinlichkeit des Kontinuitätsszenarios oder des Umweltszenarios ab. Sollte andererseits die zunächst durch die Pandemie geschwächte Europäische Union die Kosten der Reaktion der Mitgliedstaaten erfolgreich teilen, könnte sie zu einem wichtigen internationalen Akteur werden, der imstande ist, die Wahrscheinlichkeit des „grünen“ Szenarios zu erhöhen.

Andere Einflüsse sind möglich. Zudem könnte COVID-19 wichtige innenpolitische Veränderungen in Bezug auf die Ungleichheit im Bereich der Krankenversorgung und der Bildung anstoßen und zur Schaffung besserer institutioneller Übereinkünfte zur Vorbereitung auf die nächste Pandemie anspornen. Allgemein lässt sich sagen: Die langfristigen Auswirkungen der aktuellen Pandemie einzuschätzen, stellt keine präzise Zukunftsvorhersage dar, sondern ist eine Übung in der Abwägung von Wahrscheinlichkeiten und – was die Entscheidungsträger anbelangt – eine Anpassung ihrer derzeitigen Politik an die Realitäten und Gegebenheiten unserer Welt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Joseph S. Nye jr. ist Professor an der Universität Harvard und Verfasser zahlreicher Bücher, darunter zuletzt Do Morals Matter? Presidents and Foreign Policy from FDR to Trump (Oxford University Press, 2020).

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org



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