Finanzen

Spekulanten setzen auf Inflation und auf Joe Biden: Die eine Wette ist sicher - die andere hochriskant

Lesezeit: 3 min
24.10.2020 08:07
Die großen Akteure im US-Anleihemarkt ändern zunehmend ihre Strategie: Sie wetten jetzt auf steigende Anleihe-Renditen. Die Märkte glauben, dass Biden die Wahl gewinnt und die US-Wirtschaft dann unter demokratischer Führung florieren wird. Das Vertrauen in Biden und seine Partei könnte aber nach hinten losgehen.
Spekulanten setzen auf Inflation und auf Joe Biden: Die eine Wette ist sicher - die andere hochriskant
Laut Umfragen weiter Favorit bei der US-Präsidentschaftswahl: Joe Biden (Foto: dpa)
Foto: Carolyn Kaster

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Bei sogenannten „curve-steepener-bets“ setzen Spekulanten darauf, dass die langfristigen Zinsen in Zukunft stärker steigen werden als die kurzfristigen – oder einfacher ausgedrückt: Die Spekulanten erwarten für die Zukunft eine steilere Zinsstruktur-Kurve. In der Praxis heißt das, dass (Staats-)Anleihen leerverkauft werden. Wenn der Preis einer Anleihe fällt, steigt umgekehrt deren Verzinsung.

J.P. Morgan zufolge sind diese Wetten in den USA auf dem höchsten Niveau seit zehn Jahren. Einige Hedgefonds und andere (institutionelle) Investoren haben an den Termin-Märkten demnach verstärkt Short-Positionen gezielt in 10- und 30-jährigen US-Staatsanleihen aufgebaut und im Gegenzug entsprechende Long-Positionen zurückgefahren. Andere Akteure verkaufen zunehmend Anleihe-ETFs über Put-Optionen. Das Volumen an offenen Leerverkaufs-Positionen ist im bisherigen Jahresverlauf einmalig.

Andrew Sheets, Anlage-Stratege bei Morgan Stanley, sagte der Financial Times er sei einer der ersten gewesen, die das Gefühl hatten, dass es an der Zeit wäre „gegen die Marktzinsen zu spekulieren“.

„Wenn man sich vor Augen führt, wie weit die Renditen [auf dem gegenwärtig sehr niedrigen Niveau, Anm. d. Red.] noch fallen könnten verglichen damit, wie sehr sie steigen könnten, ist es eine attraktive Wette.“

Die Märkte erwarten eine Wirtschaftserholung – und damit auch eine geringere Unsicherheit an den Märkten – durch die Einführung eines Impfstoffes und/oder einen Wahlsieg Bidens. Das macht sich auch am US-Anleihemarkt bemerkbar. Die Rendite der Zehn-Jahres-Staatspapiere sind im laufenden Monat um 20 Basispunkte von rund 0,66 auf 0,86 Prozent gestiegen.

2020 wurde bis vor kurzem eher auf fallende Renditen (steigende Kurse) gewettet, eine Strategie, mit der einige Makro-Hedgefonds gute Gewinne eingefahren haben. Dieses Verhalten wurde vor allem durch die Anleihekäufe der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) stimuliert.

Ob es so klug ist, gegen die Fed zu wetten?

Signifikant steigende Renditen auf US-(Staats-)Anleihen wären unter den gegenwärtigen Umständen ein ungewöhnliches Markt-Ereignis. Der Trend zeigt seit Jahren nach unten, nur gelegentlich unterbrochen in rezessiven Konjunkturphasen und stets schnell wieder geglättet durch Interventionen und Zins-Senkungen der Fed.

Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank (EZB) fuhr die Fed aber lange Zeit eine weniger extreme Zins-Politik und beließ die Zinsen am kurzen Ende über der Null-Linie. Vor zwei Jahren wurde sogar der Versuch einer schrittweisen Zins-Erhöhung unternommen, was in einen blitzschnellen 25-Prozent Crash an den US-Aktienmärkten mündete. Seitdem sind Zinserhöhungen in Washington wohl endgültig vom Tisch.

Ob es die Fed ein deutlich steigendes Zinsniveau in der über alle Sektoren chronisch überschuldeten US-Wirtschaft überhaupt zulassen wird? Unter diesem Gesichtspunkt könnten die Leerverkäufer durchaus auf die Nase fallen. Steigende Anleihe-Renditen würden perspektivisch die Refinanzierung verteuern. Bei inflationsindexierten Anleihen (die seit einiger Zeit verstärkt zur Absicherung vor Preissteigerungen gekauft werden) schlägt es sogar direkt auf die Zinskosten durch. Außerdem ist die Rendite von längerfristigen US-Staatsanleihen ein Referenz-Zins, an dem sich zahlreiche andere Zinssätze orientieren, unter anderem Hypotheken-Zinsen.

Der Demokraten-Faktor

Eine deutliche Mehrheit der Umfragen sieht Biden (teils deutlich) vor Trump. Aktuelle Umfragen prognostizieren auch einen Machtwechsel im Senat.

Bei einer demokratischen Präsidentschaft inklusive Kontrolle beider Häuser rechnen die Märkte mit großen Ausgabeprogrammen zur Stimulierung der Wirtschaft und Bekämpfung der Armut. Das würde Inflationsdruck aufbauen. Bei steigenden Inflationsraten sinkt der Wert von Anleihen, weil die nominalen Zahlungsströme real entwertet werden. Außerdem könnten Aktien gegenüber Anleihen in einer Wirtschaftserholung attraktiver werden.

Nach Einschätzung von Erik Schiller, head of liquidity bei „PGIM Fixed Income” wäre eine volle Kontrolle der Demokraten ein Bärenszenario für Staatsanleihen und die Renditen könnten dann wieder auf über ein Prozent steigen. Andere Analysten sehen die gegenwärtigen Vorkommnisse als Portfolio-Anpassungen der Asset-Manager: Dieses würden in Erwartung eines temporären Inflations-Schubs die Laufzeit-Struktur ihrer Staatsanleihe-Positionen verkürzen.

Möglicherweise spiegeln die oben geschilderten Leerverkaufs-Aktivitäten nur höhere Inflationserwartungen wider. Eindeutige Umfragen zugunsten der Demokraten gab es schon bei der letzten Wahl, das Ergebnis ist hinreichend bekannt. Und in der letzten TV-Debatte hat sich Biden nicht wirklich gut präsentiert.

Und ob sich die Wirtschaft unter Biden wirklich so toll erholen wird, wie einige Beobachter glauben, ist durchaus fraglich. Bei einem Sieg der Demokraten ist mit Steuererhöhungen und mehr Regulierung zu rechnen. Zudem ist die Pandemie auch in den Vereinigten Staaten außer Kontrolle, was scharfe Eingriffe einer Biden-Administration zur Folge haben könnte. Außerdem könnte Bidens geplanter Green Deal gewaltige Fehl-Investitionen zur Folge haben. Und die einheimische Produktion von Erdöl und Erdgas dürfte durch Frakturierung eingeschränkt werden.

Eine erhöhte Inflation scheint aber nahezu unvermeidbar – auch im Falle einer zweiten Amtszeit von Donald Trump.

Weiterlesen:

US-Wirtschaft kollabiert: Handelsdefizit und Staatsschulden außer Kontrolle und jetzt droht auch noch Inflation

Goldman: Wenn Biden die US-Wahlen gewinnt, explodiert der Silberpreis


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Die Finanz-Jongleure der EU üben neue Tricks - besser wäre es, wenn sie den Banken die Arbeit nicht erschweren würden

Plötzlich taucht der Krisenfonds ESM aus der medialen Versenkung wieder in der öffentlichen Debatte auf. Doch was genau ist der ESM, was...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Aluminium-Branche schlägt Alarm: Cocktail aus Covid und Green Deal führt den Mittelstand in den Ruin

Der europäische Zusammenschluss der Aluminium verarbeitenden Unternehmen warnt in einer neuen Studie vor dem Ausverkauf einer ganzen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Hunderte Millionen betroffen: Pandemie löst weltweite Ernährungs-Krise aus

Zahlreiche Menschen werden offenbar nicht wegen einer Corona-Infektion, sondern aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf...

DWN
Politik
Politik Eskalation in Sachsen-Anhalt: Ministerpräsident Haseloff feuert Innenminister im Streit um Rundfunkgebühren

Der Streit um die Anhebung der Rundfunkgebühr in Sachsen-Anhalt eskaliert. Ministerpräsident Haseloff feuert seinen INnenminister.

DWN
Finanzen
Finanzen Wirecard-Skandal verändert Dax dauerhaft

Die Deutsche Börse stockt den Dax auf 40 Mitglieder auf. Das ist nur eine Folge der Wirecard-Pleite. Die Zusammensetzung des Dax soll...

DWN
Politik
Politik Nord Stream 2: Keine US-Sanktionen gegen Merkel, sondern „nur“ gegen deutsche Firmen

Im Streit um die deutsch-russische Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 will der US-Kongress Sanktionen gegen Regierungen und Behörden...

DWN
Finanzen
Finanzen EU-Ombudsfrau rügt Deal zwischen BlackRock und EU-Kommission, doch ohne Konsequenzen

Die Europäische Ombudsfrau hat einen Auftrags-Deal zwischen der EU-Kommission und dem US-Finanzgiganten BlackRock wegen möglicher...

DWN
Politik
Politik US-Kongress will Truppenabzug aus Deutschland stoppen

Demokraten und Republikaner im US-Kongress wollen den von Präsident Donald Trump geplanten Truppenabzug aus Deutschland blockieren. Doch...

DWN
Politik
Politik Scholz droht Tankstellen mit Pflicht zum Bau von Ladestationen für E-Autos

Wenn Deutschlands Tankstellen Ladestationen für Elektro-Autos nicht bald freiwillig installieren, dann will Bundesfinanzminister Olaf...

DWN
Deutschland
Deutschland Industrie meldet sechstes Auftragsplus in Folge, Aufträge über Vorkrisenniveau

Im Oktober sind die Industrieaufträge in Deutschland überraschend deutlich weiter gewachsen. Entscheidend war das starke Auftragswachstum...

DWN
Finanzen
Finanzen Die Rückkehr des „Bail in“: Denkfabriken erwarten eine neue Euro-Krise im kommenden Jahr

Mehrere Denkfabriken befassen sich konkret mit Vorbereitungen für eine neue europäische Schulden- und Bankenkrise. Dabei könnte die 2013...

DWN
Politik
Politik Studie: China soll die Welt wegen des Corona-Virus entschädigen

Das chinesische Corona-Virus hat alleine in der G7-Staatengruppe bis zum April 2020 einen Schaden von 3,62 Billionen Euro verursacht. Nun...

DWN
Politik
Politik Weihnachten in Europa: Wo darf man wie feiern?

Im Hinblick auf die Weihnachtsfeiertage gehen die Länder Europas abweichende Weg. Es folgt ein Überblick über die beschlossenen...

DWN
Politik
Politik Tschechien öffnet Skigebiete, Schweiz hält Pisten offen

Während die Skipisten in Bayern dieses Jahr geschlossen bleiben, werden Tschechien und Österreich ihre Skigebiete öffnen, und auch in...