Finanzen

Der IWF plant die Einführung eines neuen Geldsystems

Lesezeit: 5 min
25.10.2020 11:42
Der Internationale Währungsfonds bereitet die Einführung eines neuen Geldsystems vor - und niemand merkt es.
Der IWF plant die Einführung eines neuen Geldsystems
14.10.2020, Washington D.C: Kristalina Georgiewa, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), spricht während einer virtuellen Pressekonferenz im Rahmen der Tagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. (Foto: dpa)

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Kristalina Georgiewa, seit einem Jahr Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat vergangene Woche auf der gemeinsamen Jahrestagung ihrer Organisation und der Weltbank eine Bombe platzen lassen, die von den Medien fast vollständig ignoriert wurde. In einer auf YouTube verbreiteten Rede sagte sie, die Welt stehe vor einem neuen „Bretton-Woods-Moment“. Im Klartext heißt das: Der IWF bereitet sich auf die Einführung eines neuen Finanzsystems vor.

Georgiewa sprach von einer „wirtschaftlichen Katastrophe, die die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,4 Prozent schrumpfen lässt und die bis zum nächsten Jahr schätzungsweise elf Billionen Dollar an Produktivität vernichten wird.“ Sie gehe davon aus, dass der Schuldenstand 2021 deutlich ansteigen werde - auf etwa 125 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, auf 65 Prozent in den Schwellenländern und auf 50 Prozent in Ländern mit niedrigem Einkommen.

Insbesondere letztere würden von dieser Entwicklung schwer getroffen. Die Folgen des wirtschaftlichen Einbruchs seien „unsägliche menschliche Verzweiflung angesichts riesiger Verwerfungen und steigender Armut zum ersten Mal seit Jahrzehnten.“

Kein Entgegenkommen gegenüber den Ärmsten

Wer auf Grund dieser Erkenntnisse erwartet hätte, dass Frau Georgiewa sich für einen teilweisen Schuldenerlass oder gar einen Schuldenschnitt zugunsten der ärmsten Länder aussprechen würde, der wurde eines Besseren belehrt: IWF und Weltbank erlassen ihnen keinen Cent, sondern verlängern nur ein laufendes Moratorium bis Mitte 2021.

Während sich die Schlinge also immer enger um den Hals der ärmsten Länder der Welt legt, wächst der Schuldenberg auch in den Industrieländern in untragbarer Weise. Wird nichts dagegen unternommen, droht der Kollaps, und genau den will der IWF mit allen Mitteln verhindern.

Dass Frau Georgiewa in dem Video vor dem Hotel New Hampshire in Bretton Woods posierte und die Konferenz aus dem Jahr 1944 als leuchtendes Beispiel für die Schaffung eines neuen globalen Finanzsystems anpries, zeigt auf symbolische Weise, worum es geht: Der IWF will ein neues Finanzsystem, das vor allem eine Eigenschaft aufweist: Es soll die USA einmal mehr zum unumschränkten Herrscher über die weltweiten Geldflüsse erheben.

Dazu ein kurzer historischer Rückblick:

Bretton Woods – der Beginn der US-Dollar-Diktatur

Die Konferenz von Bretton Woods war für den globalen Finanzsektor das mit Sicherheit wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ließen die USA im Sommer 1944 eine neue Geldordnung festlegen, die zu einhundert Prozent auf sie zugeschnitten war.

Hintergrund war die Tatsache, dass die Niederlage Deutschlands bereits abzusehen war, dass Großbritannien am Boden lag und die USA als mit Abstand stärkste Wirtschaftsmacht und als größter Gläubiger der Welt aus dem Krieg hervorgehen würden. Diese Konstellation nutzte die Regierung in Washington aus, um das größte Problem der US-Wirtschaft anzugehen: die Überproduktion.

Die USA besaßen den größten Binnenmarkt der Erde und hatten als erstes Land die Massenproduktion eingeführt. Da der heimische Markt dieses Überangebot aber in den Vierziger Jahren nicht mehr verkraftete, mussten sie sich zwingend Exportmärkte sichern. Zu diesem Zweck taten sie etwas, das kein Land je zuvor getan hatte: Sie erklärten ihre Währung zur globalen Leitwährung, banden den US-Dollar an Gold und sämtliche andere Währungen der Welt zu festen Wechselkursen an den Dollar.

Die Rolle des IWF

Der Plan ging auf: Im Nachkriegsboom von 1948 bis 1973 explodierte die US-Wirtschaft förmlich und eroberte auch die entlegensten Märkte der Welt. Der IWF, kurz nach der Konferenz von Bretton Woods gegründet, spielte bei der Einführung des neuen Systems die Rolle des Überwachers, die sich allerdings in den Sechziger Jahren änderte, als er (der IWF) zum weltweit wichtigsten Kreditgeber wurde. Bis heute wird der IWF von den USA dominiert, die zum einen sein größter Geldgeber sind, zum anderen Sperrminorität und Vetorecht besitzen.

Nachdem 1971 die Goldbindung und 1973 die festen Wechselkurse abgeschafft wurden, war das Bretton-Woods-System eigentlich Geschichte. Die Dominanz des US-Dollars ging jedoch trotzdem weiter, weil es Mitte der Siebziger Jahre zu einem Abkommen zwischen den USA und Saudi-Arabien kam, auf dessen Grundlage Öl, die meistgehandelte Ware der Welt, rund um den Globus nur noch in Dollar gehandelt wurde.

In den vergangenen Jahren jedoch ist der Dollar immer stärker unter Druck geraten. Zum einen ist den USA mit China ein inzwischen ebenbürtiger Wirtschaftskonkurrent erwachsen. Zum anderen kämpfen die USA erheblich mit den Folgen der Digitalisierung am Arbeitsmarkt. Immer mehr Jobs werden durch die Roboterisierung überflüssig und fallen der Künstlichen Intelligenz zum Opfer.

Die größte Bedrohung für den Dollar aber ist das angeschlagene globale Finanzsystem, das seit 2008 von den Zentralbanken nur noch künstlich am Leben erhalten wird, denen zurzeit jedoch die Munition im Kampf gegen die Rezession ausgeht: Da die Zinsen bereits bei Null angekommen sind, bleiben zur Verhinderung eines Crashs nur immer größere Geldinjektionen, die das Geld jedoch zunehmend entwerten.

Digitales Zentralbankgeld und Sonderziehungsrechte

Das Problem, vor dem der IWF als mächtigster internationaler Finanzarm der USA steht, lautet also: Wie kann die Macht des Dollars auch unter den Bedingungen eines nicht mehr funktionierenden globalen Finanzsystems, steigender Arbeitslosenzahlen und der Mega-Konkurrenz aus China erhalten werden?

Einen Teil der Antwort hat der IWF in der Vergangenheit bereits selbst gegeben: In der Krise von 2007/08 und in der Eurokrise hat er mit einer eigenen Währung, den 1969 eingeführten Sonderziehungsrechten (Special Drawing Rights = SDR), erfolgreich eingegriffen. Bei den SDR handelt es sich um Buchgeld, das nur zwischen Regierungen und dem IWF gehandelt werden kann.

Natürlich wird der IWF zukünftig auch eng mit der US-Zentralbank „Federal Reserve“ (FED) zusammenarbeiten. Die wiederum hat die Weichen für die zukünftige Entwicklung bereits gestellt: Während alle Welt nur Augen und Ohren für die einsetzende Pandemie hatte, wurde am 23. März 2020 in Washington der „Banking For All Act“ („Gesetz über das Banking für alle“) ins US-Parlament eingebracht.

Dieser am 30. Juni 2020 in einer von den Medien fast vollständig ignorierten öffentlichen Anhörung diskutierte Gesetzesentwurf sieht vor, dass die Mitgliedsbanken im FED-System ihren Kunden getrennt von ihrem operativen Geschäft ab dem 1. Januar 2021 digitale Zentralbankkonten (sogenannte „Wallets“) zur Verfügung stellen müssen.

Dass dieses Gesetz in Kürze angenommen werden wird, ist mehr als wahrscheinlich. Größerer Widerstand aus der Bevölkerung ist nicht zu erwarten, denn es gibt bereits ein hervorragendes Lockmittel: Die zukünftigen Notzahlungen des Staates im Zuge der Covid-19-Pandemie, die in diesem Jahr oft sehr spät oder gar nicht bei den Empfängern ankamen, sollen dann schnell und reibungslos über dieses Konto geleistet werden.

Ein Rennen gegen die Zeit

Während die FED die Einführung des digitalen Dollars vorantreibt, arbeiten auch die anderen großen Zentralbanken unter Hochdruck an ähnlichen Projekten. Am weitesten vorangeschritten ist man in China, wo seit April mit dem digitalen Yuan experimentiert wird. Das ist für die USA natürlich gefährlich, weil China als größter Handelspartner von 130 Ländern inzwischen weltweit hervorragend vernetzt ist und in die Offensive gehen könnte, um die eigene Digitalwährung auch als internationales Zahlungsmittel einzusetzen.

Aus diesem Grund dürfte man im IWF und in der FED derzeit arbeitsteilig gegen die Uhr arbeiten. Während die FED den digitalen Dollar ab Januar im eigenen Land installiert, muss der IWF unbedingt versuchen, ihn international noch vor der Konkurrenz als Zahlungsmittel zu etablieren.

Es ist durchaus möglich, dass es beim „Bretton Woods Moment“ letztendlich darum geht, die Sonderziehungsrechte als erste internationale Digitalwährung nicht nur für den Gebrauch auf Regierungsebene, sondern auch im Geschäftsleben und vielleicht sogar im Alltag zum Einsatz zu bringen.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.


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