Politik

Wird Kamala Harris den 77-jährigen Joe Biden schon bald als Präsidentin ersetzen?

Dass Kamala Harris in mittelfristiger Zukunft Joe Biden als US-Präsident ersetzen könnte, ist durchaus möglich. Denn der 77-jährige Biden ist gesundheitlich angeschlagen. Doch viel wichtiger ist: Ihre Herkunft harmoniert mit dem Plan der USA, Indien gegen China aufzubauen. In Indien gilt Harris aufgrund ihrer Herkunft bereits heute als „der Stolz der Inder“.
12.11.2020 14:35
Aktualisiert: 12.11.2020 14:35
Lesezeit: 4 min
Wird Kamala Harris den 77-jährigen Joe Biden schon bald als Präsidentin ersetzen?
31.10.2020, USA, Miami: Kamala Harris, Vize-Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung zur vorzeitigen Stimmabgabe. (Foto: dpa) Foto: Wilfredo Lee

Joe Biden überlebte Ende der 1980er Jahre zwei Gehirnaneurysmen. Sein Zustand wurde später durch nachfolgende tiefe Venenthrombosen und Lungenembolien kompliziert. Biden nimmt Blutverdünner und Medikamente gegen sauren Reflux, Cholesterin und saisonale Allergien ein, berichtet NBC News. Seine Hirnnerven und seine vestibuläre Funktion seien normal. Es ist auffällig, dass NBC News im Verlauf des Wahlkampfs und danach durchgehend betonen musste, dass Biden gesund sei. Im Regenfall werden in der Politik umstrittene Dinge immer dann in einer auffälligen Art und Weise verteidigt, wenn das Gegenteil der jeweiligen Behauptung der Fall ist.

Der Gesundheitszustand des 77-jährigen Biden mag zum aktuellen Zeitpunkt keine Auffälligkeiten aufweisen. Doch eine vierjährige Amtszeit eines Präsidenten lässt sich generell am besten als stressiger und langer Marathon beschreiben. Zum aktuellen Zeitpunkt kann nicht mir Sicherheit gesagt werden, dass Biden die kommenden vier Jahre, falls er das Amt tatsächlich antreten sollte, gesundheitlich übersteht.

Sollte er beispielsweise im Jahr 2022 aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten räumen müssen, würde seine Vize-Präsidentin Kamala Harris die erste weibliche Präsidentin der USA werden. Doch welche außenpolitischen Vorteile würden sich durch „POTUS Kamala Harris“ für die USA ergeben. Um diese Frage zu beantworten, muss der ethnische und religiöse Hintergrund von Harris betrachtet werden.

Harris ist die erste schwarze Frau und asiatisch-amerikanische Staatsbürgerin, die es bis in das Amt des Vize-Präsidenten geschafft hat, obwohl sie natürlich noch vereidigt werden muss. Sie ist die Tochter der verstorbenen Shyamala Gopalan, die indisch-amerikanischen Ursprungs war, und des jamaikanisch-amerikanischen Donald Harris. Donald Harris wanderte 1964 aus Jamaika in die USA aus, um an der University of California (UC) in Berkeley in Wirtschaftswissenschaften zu promovieren. Er ist ehemaliger Wirtschaftsprofessor an der Stanford University. Shyamala Gopalan absolvierte die Universität von Delhi und promovierte anschließend in Ernährung und Endokrinologie an der UC Berkeley. Sie wurde Krebsforscherin in Berkeley, anschließend an der University of Illinois und der University of Wisconsin. Gopalan starb im Jahr 2009.

Was die Herkunft von Kamala Harris im Ausland hervorruft, lässt sich sehr gut am Beispiel Indiens erkennen. Denn in keinem anderen Land der Welt wurde ihr Erfolg so emotional gefeiert wie in Indien. „Als sie mit der Nachricht aufwachten, dass Kamala Harris das Rennen um die nächste US-Vizepräsidentin gewonnen hatte, zündeten überglückliche Menschen in der Heimat ihres indischen Großvaters Feuerwerkskörper an, beteten und trugen Plakate. Gruppen versammelten sich an den Straßenecken des winzigen Dorfes Thulasendrapuram mit 350 Einwohnern, lasen Zeitungen und unterhielten sich über den Sieg der Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen in den USA, bevor sie in den Hindu-Tempel zogen. Eine Frau schrieb in farbigem Puder vor ihrem Haus: ,Herzlichen Glückwunsch Kamala Harris. Stolz unseres Dorfes. Vanakkam (Grüße) Amerika.‘“, berichtet Al Jazeera.

„Zwei oder drei Tage lang drückten wir die Daumen, während sich das Ergebnis verzögerte. Jetzt ist es ein freudiger Moment für uns. Wir genießen es. Wir werden mit Feuerwerkskörpern feiern, indische Süßigkeiten an die Menschen verteilen und im Tempel beten. Wir werden sie bitten, hierher zu kommen“, so ein Einwohner von Thulasendrapuram.

Aulmozhi Sudhakar, ein Stadtrat, sagte: „Kamala Harris ist die Tochter unseres Dorfes. Von Kindern bis zu Senioren wartet jeder von uns auf den Tag, an dem sie als Vizepräsidentin der USA den Eid ablegt.“

Indiens Premierminister Narendra Modi beschrieb Harris Erfolg in einem Tweet als wegweisend und eine Angelegenheit von immensem Stolz, nicht nur für ihre Verwandten, sondern auch für alle indischen Amerikaner. „Ich bin zuversichtlich, dass die lebendigen Beziehungen zwischen Indien und den USA durch Ihre Unterstützung und Führung noch stärker werden“, so Modi.

Die USA werden Indien gegen China positionieren

Der Ausgang der US-Wahl und die Reaktionen in Indien harmonieren mit den künftigen außenpolitischen Interessen der USA, wonach Indien als wirtschaftlicher und militärischer Konkurrent Chinas von den USA aufgebaut werden soll. Die USA versuchen, internationale Unternehmen dazu zu drängen, ihre Produktionsstandorte von China nach Indien zu verlegen, um China als wichtigstes Land in der globalen Lieferkette teilweise zu ersetzen. Denn China ist als alleiniger kostengünstiger Standort in der globalen Lieferkette nicht mehr zuverlässig. Doch Indien besitzt zumindest das Potenzial, China teilweise zu ersetzen.

Modi wörtlich: „Wir haben gesehen, wie nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Weltordnung entstanden ist. Ähnliches wird nach Covid-19 passieren. Dieses Mal wird Indien bei der Herstellung und der Integration in die globale Lieferkette am Steuer sitzen. Wir haben spezifische Vorteile in Form von Demokratie, Demografie und Nachfrage.“

Franklin d. Roosevelt hatte einst gesagt: „In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn es doch passiert, war es so geplant“. Wenn man diesen Satz Roosevelt als Grundlage für politische Beobachtungen nimmt, sollte auch ein Blick auf die Präsidentschaft von Barack Hussein Obama geworfen werden, um zu verstehen, was die Wahl von Harris bedeuten könnte. Als Obama im Jahr 2009 sein Amt antrat, wurde dieser Schritt von Muslimen in aller Welt gefeiert. Sie konnten sich mit diesem Präsidenten, der ein wenig muslimisch und ein wenig christlich, ein wenig weiß und ein wenig schwarz gewesen ist, identifizieren. Doch während seiner Amtszeit wurden mehr Drohnen-Angriffe als unter George W. Busch angeordnet. Im Verlauf der Amtsperiode wurde die Terror-Miliz IS gegründet, die vor allem Muslime getötet hat. Es kam zum „Arabischen Frühling“, der von seiner Regierung unterstützt wurde. Doch dieser entpuppte sich als „Arabischer Alptraum“. Denn insbesondere in der arabischen Welt wurden ganze Nationen auseinandergerissen und zahleiche Menschen getötet.

Daraus lässt sich folgern, dass die Inder nicht zu sehr emotional auf den Erfolg von Harris schauen sollten. Die USA werden sicherlich Indien gegen China unterstützen, doch dabei immer ihre eigenen nationalen Interessen berücksichtigen. Indien wird als Instrument für US-amerikanische Wirtschaftsinteressen dienen, was noch nicht einmal schlecht sein muss für die Welt. Aber Harris ist eine überzeugte US-Amerikanerin. Sie wird nichts tun, was den US-amerikanischen Interessen im Ausland widerspricht.

Sollte sie dies doch tun, gibt es immer noch das US-Repräsentantenhaus und den US-Senat, die aus dem „American Dream“ von Harris ein „American Nightmare“ machen könnten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ifo: Iran-Krieg verstärkt wirtschaftliche Unsicherheit deutscher Unternehmen
15.04.2026

Steigende Energiepreise, wackelige Lieferketten: Deutsche Unternehmen blicken immer skeptischer in die Zukunft. Welche Branchen besonders...

DWN
Politik
Politik Sparpläne Krankenkassen: Warnungen vor zusätzlichen Belastungen der Beitragszahler
15.04.2026

Die Koalition will die steigenden Ausgaben der Krankenkassen unter Kontrolle bringen, um neue Beitragserhöhungen zu vermeiden - mit einer...

DWN
Politik
Politik Migration in Deutschland: Jeder Vierte hat eine Einwanderungsgeschichte
15.04.2026

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund um zwei Drittel in Deutschland gewachsen....

DWN
Politik
Politik Touristenattraktion: Berlin-Besucher werden künftig fürs Müllsammeln belohnt
15.04.2026

Mit "BerlinPay" will die Hauptstadt Touristen für nachhaltiges Verhalten belohnen. Noch werden Partner für die Aktion gesucht.

DWN
Politik
Politik Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
15.04.2026

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street im Aufwind durch nachlassende Iran-Spannungen und schwächere Inflationsdaten
14.04.2026

Überraschende Entwicklungen abseits des Handelsparketts sorgen für neuen Schwung an den Finanzmärkten. Erfahren Sie, welche Faktoren die...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer-Erhöhung finanziert Entlastungsprämie 2026: Doch nicht nur Raucher gehen bei der Ausgleichprämie leer aus
14.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Bau-Reform mit einem erweitertem Vorkaufsrecht der Kommunen für Grundstücke geplant
14.04.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Baurechts, das den Kommunen deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten als bisher auf dem...