Indien wird das neue China des Westens

 

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08.06.2020 18:02  Aktualisiert: 08.06.2020 18:02
China ist als alleiniger kostengünstiger Standort in der globalen Lieferkette nicht mehr zuverlässig. Doch Indien besitzt das Potenzial, China teilweise zu ersetzen. Davon würden vor allem Produzenten aus den USA und Europa profitieren.
Indien wird das neue China des Westens
US-Präsident Trump und sein indischer Amtskollege Modi. (Foto: DPA)
Foto: Bernd von Jutrczenka

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Am 21. Februar 1972 hatte US-Präsident Richard Nixon seinen chinesischen Amtskollegen Mao Zedong in Peking getroffen. An dem Treffen nahm auch US-Außenminister Henry Kissinger teil.

Das Treffen wurde als „geopolitisches Erdbeben“ umschrieben, weil es die jahrzehntelangen gestörten Beziehungen zwischen China und den USA normalisierte. Es markierte den Beginn der politischen und wirtschaftlichen Öffnung Chinas, von der später vor allem US-Produzenten profitieren sollten.

Wenige Jahre nach dem Treffen wurde der chinesische Politiker Deng Xiaoping damit beauftragt, den chinesischen Markt für ausländische Investitionen zu öffnen. Dengs Reformprogramm sollte China in gewisser Weise mit den Volkswirtschaften und Finanzkreisen des Westens verschmelzen lassen. „De facto initiierte Deng mit seiner Öffnungspolitik gen Westen die Rettung einer durch und durch maroden Planwirtschaft. Nach einem Jahrzehnt politischer Kampagnen und Machtkämpfe in der Kulturrevolution (1966-76) war der alte Begriff von China als dem ,kranken Mann des Ostens‘ wieder en vogue und zurecht in aller Munde. Wenn dieser ,Mann‘ inzwischen genesen ist und nach drei Jahrzehnten zum Sprung ansetzt, um als ,global player‘ auf dem Weltmarkt mitzuspielen, dann ist diese Umkehrung der Entwicklung Deng Xiaoping zu verdanken, dem Pionier der Öffnungspolitik“, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Im Jahr 1972 wurde die Grundlage für die aktuelle wirtschaftliche Macht Chinas gelegt, so die Asia Society. Ohne eine Billigung der USA hätte dies nicht geschehen können. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Zwischen China und den USA kracht es

„Die Beziehungen zwischen den USA und China sind seit langem rückläufig. Die USA hatten China jahrelang einen relativ freien Zugang zum amerikanischen Markt gewährt. Die USA wollten einen gleichwertigen Zugang zum chinesischen Markt, aber China konnte dies nicht gewähren. Die industrielle Basis produzierte mehr Produkte, als die Chinesen in Bezug auf Menge, Preis und Art der produzierten Produkte konsumieren konnten. China war ein zwanghafter Exporteur, weil nur Exporte seine industrielle Grundlage und damit sein Wirtschafts- und Finanzsystem aufrechterhalten konnten“, so der US-Informationsdienst Geopolitical Futures (GPF).

Ein breiter Zugang der USA zum chinesischen Markt unter denselben finanziellen Bedingungen der chinesischen Exporte in die USA hätte das chinesische System untergraben. Chinas Finanzsystem stand bereits vor der Finanzkrise 2008 unter Druck. Daher konnten die Chinesen den USA keine gleichwertigen Handelsrechte gewähren, was zur Einführung von US-Zöllen führte. Die Chinesen waren aufgrund der finanziellen Konsequenzen nicht in der Lage, den Forderungen der USA zuzustimmen, und die USA waren aufgrund der sozialen Realitäten in den USA nicht in der Lage, die Zölle zu senken. Viele US-Branchen profitierten stark von reduzierten Produktionskosten in China und einem selektiven Zugang der Chinesen zum US-Markt, obwohl chinesische Importe einige US-Industrien zerstört hatten.

Die USA befanden sich zum Ende des 19. Jahrhunderts in einer ähnlichen Situation. Ende des 19. Jahrhunderts starteten die USA eine industrielle Revolution, die vom Zugang zu ausländischen Märkten abhing, da der Inlandsverbrauch den Absatz nicht absorbieren konnte.

Günstige US-Waren überfluteten Europa mit Produkten bis nach dem Ersten Weltkrieg. Die USA versuchten weiterhin, die Exporte anzukurbeln, und gleichzeitig die Importe von beispielsweise japanischen Textilien zu begrenzen. Am Ende führte der Zusammenbruch der weltweiten Nachfrage nach US-Waren zu einem Anstieg der Importe, was zu einer Depression führte.

Somit kann man zurecht sagen, dass die aktuelle Lage Chinas eine „alte Geschichte“ darstellt, die sich volkswirtschaftlich auch in den USA abgespielt hatte.

GPF wörtlich: „Der globale Kapitalismus, der auf einer globalen Lieferkette aufbaut, erfordert keinen effizienten, kostengünstigen Hersteller von Produkten, sondern ,erfreut sich‘ über einen effizienten, kostengünstigen Hersteller von Produkten.“

Die US-Lieferkette ist für das Funktionieren eines großen Teils der globalen Lieferkette von entscheidender Bedeutung. Gleiches gilt für China. Der Erste Weltkrieg traf den amerikanischen Teil der Lieferkette schwer. Dasselbe ist China infolge der Corona-Krise passiert. Die Nachfrage ist in den potenziellen Absatzmärkten drastisch zurückgegangen. Diese Entwicklung hat China in eine schwierige Lage gebracht.

Aber es gab noch eine andere Dimension: Die gestiegene Nachfrage nach einigen Produkten wie Pharmazeutika konnte nicht gedeckt werden. Das Virus hatte auch China befallen, und seine eigene interne Lieferkette wurde gestört. Da der Verlust der Exportmärkte die chinesische Wirtschaft ins Wanken brachte, entstand auch die Kenntnis, dass die Import-Abhängigkeit von China im Rahmen der globalen Lieferkette hochriskant ist.

China wurde vor der Corona-Krise in den Augen vieler Länder ein zuverlässiger Exporteur. Das Land kann zwar immer noch Produkte zu geringen Kosten produzieren. Doch was wird passieren, wenn der chinesische Teil der globalen Lieferkette in Zukunft erneut schwer gestört wird?

Es stellen sich einige Probleme: Erstens hat China die politischen Grenzen einer exportorientierten Wirtschaft mit einer Reihe von Spannungen mit den USA und einem breiten Misstrauen gegenüber der Robustheit seiner Lieferkette erreicht. Das Land muss das tun, was die USA nach zwei Jahrzehnten der Depression und des Krieges getan haben. Es muss eine massive Binnennachfrage schaffen, um seine Wirtschaft voranzutreiben. Ob das überhaupt möglich ist, bleibt aber offen.

Da der globale Kapitalismus einen großen Billigproduzenten bevorzugt, lautet die Frage: Wer wird Chinas Platz einnehmen? Die naheliegende erste Option ist Indien, ein Land mit einer massiven, vielfältigen und allgemein armen Bevölkerung, die jedoch ein gewisses Maß an Disziplin und Unternehmergeist aufweist, ähnlich wie China im Jahr 1980.

Indien wird China ersetzen

Indien hat die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt und ist bereits ein bedeutender Exporteur. China exportiert Waren von zwei Billionen Dollar pro Jahr, Indien exportiert Waren von nur 345 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Exporte machen 19 Prozent des chinesischen BIP und 14 Prozent des indischen BIP aus. China hat ungefähr 1,4 Milliarden Einwohner, also ungefähr so ​​viel wie Indien. Wenn man sich die Kennzahlen Indiens vergegenwärtigt, könnte Indien China zumindest teilweise ablösen. Indien ist in den vergangenen Jahren aufgrund des Anstiegs seiner Inlandsnachfrage gewachsen. Nun werden im Verlauf der Wachstumsphase auch seine Exporte ansteigen. Dabei könnte das Land vom Konflikt zwischen China und seinem größten Kunden, den USA, profitieren, zumal Indien sich auch in einem Konflikt mit China befindet. Anfang Mai 2020 hatte es im Himalaya-Gebirge Gefechte zwischen chinesischen und indischen Truppen gegeben.

Die USA und viele einzelne Unternehmen erkennen erst jetzt, dass es ein Fehler ist, von einem einzelnen Land als „Wurzel“ einer Lieferkette abhängig zu sein. Indien ist die logische Ergänzung oder Alternative zu China und erfüllt diese Rolle bereits, wenn auch auf einem unzureichenden Niveau, wie aus den Exportzahlen des indischen Statistikamts hervorgeht. US-Unternehmen müssen sich nicht zwangsläufig aus China in Richtung der USA zurückziehen. Stattdessen könnten sie ihre Sitze und Werke nach Indien verlegen. Neu Delhi würde diesen Schritt begrüßen, da Indien in die BIP-Ränge Deutschlands, Japans und Chinas aufsteigen möchte.

Allerdings würde dieser Schritt auch eine militärische Entwicklung nach sich ziehen. China und Indien stehen sich bereits feindlich gegenüber, und das Verhältnis zwischen den USA und China ist angespannt. Die Verschiebung der Lieferketten hängt teilweise direkt mit dieser Feindseligkeit zusammen. China hätte mehr wirtschaftliche Möglichkeiten, wenn es sich nicht mit den USA anlegen würde. Die Tatsache, dass die Chinesen dies tun, schafft wirtschaftliche Möglichkeiten für Indien, die durch engere militärische Beziehungen ergänzt werden könnten.

Wenn Indien diese Chance nicht ergreifen sollte, gibt es sicherlich noch andere Länder, die bereit wären, die „chinesische Lücke“ auszufüllen.

Trump stärkt Indien den Rücken

Im Februar 2020 begab sich US-Präsident Donald Trump auf eine zweitägige Staatsreise nach Indien. In nur rund 70 Jahren seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien sei Indien „ein wirtschaftliches Schwergewicht und die größte Demokratie, die es je gab“, geworden, sagte Trump. Er bezeichnete Indien als „Wunder der Demokratie“.

Trump sprach sich auch für den baldigen Abschluss eines umfassenden Handelsabkommens mit Indien aus. Die Gespräche dazu befänden sich noch in einem frühen Stadium, sie könnten aber zu einem „fantastischen“ Abkommen führen, sagte Trump. Indien biete „unglaubliches Potenzial“, sagte Trump. Schon bald werde das Land, das die fünftgrößte Volkswirtschaft ist, die größte Mittelklasse der Welt haben.

Die USA werden Indiens wichtigster Militärpartner sein, versprach Trump. Die USA freuten sich darauf, Indien die weltweit „besten und am meisten gefürchteten Waffen“ zur Verfügung zu stellen, sagte er. Die USA wollen Indien unter anderem Flugabwehrraketen, Kampfflugzeuge und Drohnen verkaufen. Ein Vertrag zum Erwerb der neuesten Kampfhubschrauber sei bereits ausgehandelt.

„Zusammen werden wir unsere Souveränität und unsere Sicherheit verteidigen und eine freie und offene Indopazifik-Region schützen - für unsere Kinder und für viele, viele Generationen danach“, so Trump. Er nannte China nicht explizit beim Namen, ließ aber mehrfach erkennen, wen er als Bedrohung in der Region sieht.

Aus den Aussagen des US-Präsidenten geht hervor, dass die USA versuchen, eine gemeinsame Grundlage für eine wirtschaftliche und politische Kooperation zu legen. Die US-Regierung weiß, dass China nur durch den wirtschaftlichen und militärischen Aufbau Indiens ausbalanciert werden kann.

Die Zusammenkunft von Trump und dem indischen Präsidenten Narendra Modi ist sicherlich nicht direkt mit dem Treffen zwischen Nixon und Zedong im Jahr 1972 zu vergleichen. Allerdings gibt es Parallelen hinsichtlich der Forcierung der Öffnung Indiens in Richtung der USA.

Dass Trump im Motera-Stadium in Ahmedabad vor über 100.000 Indern eine Rede gehalten hat, ist ein Hinweis darauf, welchen Stellenwert Indien künftig für die USA einnehmen wird.

Auf der Webseite der Economic Times kann die Rede des US-Präsidenten abgerufen werden.


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