Panorama

Neuer Generationenvertrag: DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert Rentner-Pflichtdienst

Immer mehr Experten fordern eine gerechtere Lastenverteilung zwischen Jung und Alt. Ökonom Marcel Fratzscher bringt mit seinem Vorschlag für ein soziales Jahr der Rentner die Debatte in Fahrt. Ist ein Rentner-Pflichtdienst die Lösung für Generationengerechtigkeit?
22.08.2025 12:27
Aktualisiert: 22.08.2025 12:27
Lesezeit: 3 min
Neuer Generationenvertrag: DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert Rentner-Pflichtdienst
Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW fordert einen Pflichtdienst für Rentner (Foto: dpa). Foto: Annette Riedl

Rentner-Pflichtdienst? Fratzscher fordert neuen Generationenvertrag

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sorgt mit einem brisanten Vorschlag für Aufsehen: Er fordert ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner. Ziel sei es, die gesellschaftliche Last gerechter zwischen den Generationen zu verteilen. „Wir brauchen mehr Solidarität der Alten mit den Jungen“, betonte der Ökonom gegenüber dem Magazin Der Spiegel.

Fratzscher plädiert für einen „neuen Generationenvertrag“. Seiner Ansicht nach reicht es nicht, die Diskussion über Wehrpflicht und soziale Dienste allein auf junge Menschen zu beschränken. „Wir sollten ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner einführen“, sagte er. Damit ist der Begriff Rentner-Pflichtdienst in der politischen Debatte angekommen.

Warum ein Pflichtdienst für Rentner?

Die Argumentation von Marcel Fratzscher ist klar: Die ältere Generation müsse sich „gesellschaftlich stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung“. Gerade im Hinblick auf die Bundeswehr sieht er Potenzial: „Warum sollten wir die nicht nutzen, gerade von Leuten, die früher bei der Bundeswehr ausgebildet wurden?“

Gesundheitliche Einschränkungen seien kein Gegenargument, so Fratzscher: „Gesundheitlich werden das manche nicht können, aber dafür gibt es auch bei jungen Leuten Regelungen.“ Das Modell eines Soziales Jahr für Rentner könnte somit flexibel gestaltet werden.

Belastung der jungen Generation

Der DIW-Chef warnt davor, die Diskussion um Wehrpflicht und gesellschaftliche Verantwortung nur auf junge Menschen zu konzentrieren. „Dass wir die Lösung unserer Probleme häufig schematisch den Jungen aufbürden, ist falsch“, kritisierte er. Die jungen Generationen seien bereits stark durch steigende Sozialabgaben und die Folgen des Klimawandels belastet.

Fratzscher fordert deshalb: „Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag.“ Die Verteilung der Lasten müsse gerechter erfolgen, um die Zukunftsfähigkeit des Landes zu sichern. Dabei spricht er explizit von Rentner-Pflichtdienst als einem Instrument, um Solidarität zwischen den Generationen zu schaffen.

Ignoranz und Selbstbezogenheit der Älteren?

Deutliche Worte findet Marcel Fratzscher für die aktuelle Haltung vieler Älterer: „Zu viel Ignoranz, Selbstbezogenheit und Naivität.“ Er verweist auf verpasste Chancen der letzten Jahrzehnte: „So haben wir nach dem Ende des Kalten Krieges gedacht, wir müssten uns nie mehr verteidigen – und haben die Friedensdividende verfrühstückt.“

Heute müsse Deutschland über fünf Prozent Verteidigungsausgaben reden, „um die Schäden zu beheben, die in 35 Jahren entstanden sind“. Auch in der Klimapolitik sieht er Versäumnisse. Zudem sei das Rentensystem durch demografische Entwicklungen massiv unter Druck: „In den Sechzigerjahren versorgten sechs Beitragszahler eine Rentnerin oder einen Rentner. Bald sind es nur noch zwei.“ Vor diesem Hintergrund sei es nicht gerecht, „dass ausschließlich die Jungen für diese Lebensentscheidungen der Babyboomer geradestehen“.

Unterstützung für die Idee

Fratzschers Vorstoß ist nicht neu in der gesellschaftlichen Debatte. Bereits der Soziologe Klaus Hurrelmann hatte sich für ein Pflichtjahr „am Ende des Arbeitslebens“ ausgesprochen. Auch Philosoph Richard David Precht plädierte 2022 im ZDF-Podcast „Lanz & Precht“ für ein soziales Pflichtjahr für alle – also auch für Rentnerinnen und Rentner.

Damit wächst der Druck, über Modelle wie Pflichtdienst für Rentner und Soziales Jahr für Rentner ernsthaft zu diskutieren. Gesellschaftliche Aufgaben wie Pflege, Betreuung oder die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit sollten, so die Befürworter, von allen Generationen getragen werden.

Boomer-Soli und Rentner-Pflichtdienst – zwei Seiten einer Medaille?

Das DIW hat bereits weitere Vorschläge für mehr Generationengerechtigkeit eingebracht. So forderte das Institut im Sommer einen „Boomer-Soli“. Diese Solidaritätsabgabe auf Alterseinkünfte sollte vor allem Menschen mit hohen Renten belasten und damit Altersarmut in der Generation der Babyboomer abmildern. Kritiker sehen darin jedoch eine zusätzliche Belastung für Ältere.

Fratzschers Idee vom Rentner-Pflichtdienst könnte ähnlich kontrovers diskutiert werden. Befürworter argumentieren, dass die Älteren durch ein solches Engagement Verantwortung übernehmen und die jüngere Generation entlasten könnten. Gegner warnen vor einer Überforderung und möglichen verfassungsrechtlichen Problemen.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Ob der Vorschlag von Marcel Fratzscher tatsächlich umgesetzt wird, ist offen. Klar ist jedoch: Die Debatte um einen Rentner-Pflichtdienst rührt an zentrale Fragen der Generationengerechtigkeit. Angesichts der demografischen Entwicklung und steigender Staatsausgaben könnte der Druck wachsen, neue Lösungen zu finden. Ein verpflichtendes Soziales Jahr für Rentner wäre dabei ein radikaler, aber aus Sicht vieler Experten notwendiger Schritt.

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