Politik

Debatte über Kassenbeiträge: Neue Praxisgebühr und mehr Arzneimittel-Zuzahlungen?

Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen bringen die Krankenkassen unter Druck. Vorschläge wie höhere Arzneimittel-Zuzahlung oder eine Praxisgebühr erhitzen die Gemüter. Doch welche Lösungen sind wirklich fair – und wer trägt am Ende die Last für stabile Kassenbeiträge?
22.08.2025 12:33
Lesezeit: 2 min

Debatte über Kassenbeiträge: Mehr Selbstbeteiligung und Arztgebühr?

Nach Diskussionen um eine Praxisgebühr richtet sich ein neuer Ansatz zur Stabilisierung der Krankenkassen-Finanzen auf eine erhöhte Arzneimittel-Zuzahlung. Der Bielefelder Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner schlug in den Zeitungen der Funke Mediengruppe vor, die seiner Ansicht nach zu niedrigen Selbstbeteiligungen der Patientinnen und Patienten an die Inflationsentwicklung der vergangenen Jahre anzupassen. Dies bedeute nach seinen Worten eine Verdoppelung: "Also 10 Euro pro Medikament, maximal 20 Euro."

Auch die Einnahmen durch die Arzneimittel-Zuzahlung würden sich laut Greiner verdoppeln. Aktuell belaufen sie sich auf etwa 2,5 Milliarden Euro. Eine ganze Reihe von Medikamenten wäre dann nicht mehr in der Erstattung, weil deren Preis niedriger läge als die Selbstbeteiligung, erklärte Greiner. Derzeit leisten Versicherte Zuzahlungen in Höhe von zehn Prozent des Preises, mindestens jedoch fünf, höchstens zehn Euro. Die Höhe dieser Zuzahlung ist seit 20 Jahren unverändert.

Medikamente könnten aus Erstattung fallen – Arbeitgeber pochen auf breitere Kostendämpfung

Auch die Diskussion um eine Arztgebühr in Form der Praxisgebühr hält an. Arbeitgeber in Deutschland verlangen neben einer solchen Kontaktgebühr umfassende Reformen in allen Bereichen der Versicherung. "Dann ist endlich Schluss mit dieser Strafsteuer auf Arbeit", erklärte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter der Deutschen Presse-Agentur in Berlin mit Blick auf die stark gestiegenen Lohnnebenkosten.

"Unsozial sind die ständig steigenden Kassenbeiträge für die Krankenversicherung. Sie sorgen für immer weniger Netto vom Brutto bei Beschäftigten", betonte Kampeter. "Arbeit ist in Deutschland zu teuer. So kommen wir nicht aus der Rezession."

Neue Praxisgebühr: Rückschritt oder Notwendigkeit?

Mit dem Vorstoß für eine Kontaktgebühr bei jedem Arztbesuch, um "Ärzte-Hopping" zu begrenzen und Kassenbeiträge stabil zu halten, hatte Kampeter heftige Kritik ausgelöst. Hausärzte, Patientenschützer und Gewerkschaften stellten sich gegen ihn. Nun verteidigte er den umstrittenen Ansatz als Möglichkeit, die Sozialsysteme effizienter und gerechter zu gestalten. "Sinnvoll wäre auch eine Konzentration der Krankenhauslandschaft, eine bessere Steuerung der Patienten, eine engere Verzahnung von ambulant und stationär – und mehr Wettbewerb im System."

Die Grünen fordern dagegen andere Weichenstellungen. "Eine Kontaktgebühr für Arztbesuche wäre nichts anderes als ein Rückfall in alte Irrwege", warnte Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen. Das Grundproblem des Gesundheitswesens liege nicht primär auf der Einnahmenseite, sondern bei explodierenden Ausgaben für Krankenhausleistungen und Arzneimittel. "Gerade deshalb ist es so sträflich, dass die Union mit Gesundheitsministerin Nina Warken auch nach 100 Tagen keine einzige überfällige Strukturreform auf den Weg gebracht hat", kritisierte Dahmen. "Das ist Gesundheitspolitik der Wirklichkeitsverweigerung."

Kassenbeiträge: Kritik an neuen Vorschlägen wächst

Ates Gürpinar, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken, bezeichnete den Plan steigender Arzneimittel-Zuzahlung als "absurde Ablenkungsdebatte". "Wir können die Gesundheitsfinanzierung nur auf stabile Beine stellen, wenn die Regierung ihre ideologischen Vorbehalte aufgibt und endlich grundlegende Reformen einleitet." Eine einheitliche Krankenkasse ohne Beitragsbemessungsgrenze könne Probleme tatsächlich lösen.

Auch der Sozialverband SoVD äußerte sich ablehnend. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen am Monatsende kaum Geld übrig haben, seien "derartige Debattenbeiträge mehr als unglücklich", erklärte Vorstandschefin Michaela Engelmeier. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten sollten Bürgerinnen und Bürger nicht zusätzlich belastet werden. "Besonders unsolidarisch wäre zudem eine Verdopplung der Zuzahlung für chronisch Kranke."

Steuerzuschüsse für Krankenkassen? Länder machen Druck auf Berlin

Experte Greiner fordert angesichts der wachsenden Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den Kassen Milliardenbeträge des Bundes aus Steuermitteln – als Zuschuss und nicht als Darlehen. Ein Darlehen verschiebe das Problem lediglich. Warken will sich in den Haushaltsverhandlungen für Zuschüsse starkmachen. Der Bundesrechnungshof warnte zuletzt: Nach Rekordausgaben der Krankenkassen 2024 werden Kassenbeiträge auch künftig nicht ausreichen. Die Folge: steigende Zusatzbeiträge. Nach einem Szenario der Finanzkontrolleure könnten diese ab 2025 von durchschnittlich 2,9 Prozent bis 2029 auf 4,05 Prozent klettern.

"Der jüngste Bericht des Rechnungshofs muss in Berlin der endgültige Weckruf sein", forderte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Thüringens Ressortchefin Katharina Schenk (SPD). "Die gesetzliche Krankenversicherung muss jetzt dringend grundlegend reformiert und als solidarisches System weiterentwickelt werden."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China fesselt Deutschlands Industrie immer stärker
26.05.2026

Deutschland wollte sich von China unabhängiger machen – doch bei Akkus, Solarpanels und Antibiotika steigt die Abhängigkeit sogar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölreserven unter Druck: Wie lange reichen die globalen Vorräte noch?
26.05.2026

Die Märkte bleiben ruhig, obwohl ein erheblicher Teil der globalen Ölproduktion ausfällt. Der Grund sind die Ölreserven, doch dieser...

DWN
Finanzen
Finanzen Morningstar nennt 5 Favoriten: US-Aktien für geduldige Anleger
26.05.2026

Der US-Marktstratege David Sekera nennt fünf Unternehmen, in die sich aus seiner Sicht langfristig investieren lässt. Einige...

DWN
Finanzen
Finanzen Leitzins: EZB bereitet offenbar Erhöhung vor
26.05.2026

Der Iran-Krieg treibt Energiepreise und Inflation im Euroraum weiter nach oben. Nun signalisiert die EZB höhere Prognosen und bereitet die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Warum Deutschland seine besten Start-ups zu früh verliert
26.05.2026

Technologische Exzellenz allein reicht nicht aus: Entscheidend ist ein frühes Zusammenspiel von Kapital, Marktkenntnis und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kritische Rohstoffe: Europas unterschätzter Machtfaktor
26.05.2026

Lange Zeit galt die Globalisierung als Garant für Wohlstand und Stabilität. In einer vernetzten Welt, so die Theorie, würde der freie...

DWN
Politik
Politik Trump-Strategie zerlegt Amerikas Macht in Echtzeit
26.05.2026

Donald Trump sendet an China ein Signal, das kaum gefährlicher sein könnte. In der Taiwan-Frage rückt er von jener Abschreckung ab, auf...

DWN
Panorama
Panorama Pflegeversichung: Kinderlose sollen höheren Pflegebeitrag zahlen
26.05.2026

Die Finanzlage der Pflegeversicherung spitzt sich dramatisch zu. Jetzt prüft die Bundesregierung höhere Beiträge für Kinderlose – und...