Politik

Bericht zur „Nato 2030“: China rückt als Herausforderung in den Vordergrund

Aus einem im Auftrag der Nato erstellten Bericht zur künftigen strategischen Ausrichtung geht hervor, dass sich der Umgang des Militärbündnisses mit China wahrscheinlich verändern wird. Russland gilt weiterhin als größte Bedrohung.
06.12.2020 15:51
Lesezeit: 3 min
Bericht zur „Nato 2030“: China rückt als Herausforderung in den Vordergrund
Dieses von der Nato zur Verfügung gestellte Foto zeigt Jens Stoltenberg (hinten), Generalsekretär der Nato, während einer Videokonferenz. (Foto: dpa) Foto: -

Die Nato hat am 1. Dezember 2020 einen Bericht („Nato 2030“) veröffentlicht, in dem sie China als zunehmend wichtige Herausforderung für das Bündnis einstuft, wobei Russland immer noch als Hauptkonkurrent dargestellt wird. „China ist nicht länger der gütige Handelspartner, auf den der Westen gehofft hatte. Es ist die aufstrebende Macht unseres Jahrhunderts, und die Nato muss sich anpassen“, zitiert der englischsprachige Dienst von Reuters einen Nato-Beamten. Der Beamte verwies auf die chinesischen Aktivitäten in der Arktis und in Afrika sowie auf seine hohen Investitionen in die europäische Infrastruktur.

Ein Teil der Reaktion der Nato sollte darin bestehen, den technologischen Vorteil gegenüber China aufrechtzuerhalten und Computernetzwerke und Infrastruktur zu schützen, sagte der Diplomat unter Berufung auf den Bericht. Das 30-köpfige Bündnis könnte auch engere Beziehungen zu Nicht-Nato-Ländern wie Australien knüpfen und sich stärker auf die Abschreckung im Weltraum konzentrieren, wo China zunehmend Kapazitäten entwickelt, so der Bericht.

Die Außenminister der 30 Bündnisstaaten berieten am Mittwoch bei einer Videokonferenz darüber, welche Konsequenzen der Aufstieg des Landes zu einer Militärmacht haben könnte. Zugeschaltet waren auch Minister aus Partnerstaaten in der Region. Dazu zählen Australien, Japan, Neuseeland und Südkorea. Insbesondere Südkorea und Japan versuchen derzeit, einen Balanceakt zwischen guten wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu China einerseits und den militärischen Bündnisanforderungen der USA andererseits zu realisieren. „Wir müssen mit Blick auf die Rolle Chinas, das auch immer mehr als globaler militärischer Akteur in Erscheinung tritt, einen wohldurchdachten Kurs finden“, kommentierte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Mittwochabend die Beratungen. „In unserem Verhältnis zu China liegen Chancen, die wir nutzen, und Herausforderungen, auf die wir uns einstellen wollen.“

Ist die Nato hirntot?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte vor einigen Monaten für Schlagzeilen gesorgt, als er die Nato für „hirntot“ erklärt hatte. Der neue, von einer unabhängigen Kommission erstellte Bericht zur künftigen Entwicklung der Nato ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die zunehmenden Spannungen innerhalb des Militärbündnisses - insbesondere zwischen der offensiv auftretenden Türkei einerseits sowie Griechenlands und Frankreichs andererseits.

Thomas de Maizière äußerte sich am Dienstag in Interviews kritisch zum Kurs von Macron, der seine Nato-Diagnose auch als Unterfütterung für seine Forderung sieht, mit der EU „strategische Autonomie“ anzustreben. „Ich finde den Begriff strategische Autonomie, über den viel diskutiert wird, völlig unrealistisch und sogar gefährlich, weil er amerikanischen Tendenzen, sich aus Europa zu verabschieden, Vorschub leisten könnte“, sagte de Maizière der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Süddeutsche Zeitung zitierte ihn mit den Worten: „Ich fände es gut, wenn die EU mehr handelt und weniger übertrieben redet.“

Die „Hirntod“-Kritik Macrons bezeichnete der CDU-Politiker hingegen als „konstruktive Provokation“. Sie habe den Gedanken angestoßen, dass die Erneuerung der Nato angegangen werden müsse, sagte er dem ARD-Hauptstadtstudio. „Wegen äußerer Veränderungen der Lage und wegen innerer Verkrustungen.“

Ernüchterndes Bild des künftigen Sicherheitsumfelds

Deutschland und Frankreich befürworten eine Überarbeitung des strategischen Konzeptes der Nato. „Unser gemeinsames Ziel ist es zu gewährleisten, dass die Nato gewappnet bleibt für gegenwärtige und künftige sicherheitspolitische Herausforderungen“, erklärten Bundesaußenminister Heiko Maas und sein französischer Amtskollege Jean-Yves Le Drian am Dienstagabend nach den bündnisinternen Beratungen zu dem Bericht der Expertengruppe. Empfehlungen für eine Modernisierung des strategischen Konzepts würden uneingeschränkt unterstützt.

Das aktuelle strategische Konzept der Nato war 2010 beschlossen worden. Damals hatten die Alliierten beispielsweise noch gehofft, dass die Zeit der großen Spannungen mit Russland vorbei sei und auch mögliche Bedrohungen aus China spielten damals keine bedeutende Rolle. Im Jahr 2014 eskalierten dann die SPannungen mit Moskau, nachdem in der Ukraine mit westlicher Hilfe ein Putsch stattfand. Eine Überarbeitung des Konzepts gilt deswegen bereits seit langem als überfällig.

Mit Blick auf gegenwärtige und künftige Herausforderungen zeichne der Bericht ein ernüchterndes Bild des künftigen Sicherheitsumfelds, kommentieren Maas und Le Drian in ihrer Erklärung. Seine Empfehlungen sollten es ermöglichen, an der Stärkung der Allianz zu arbeiten, einschließlich ihrer Rolle als „zentrale transatlantische Plattform zur Abstimmung unserer Sicherheits- und Verteidigungspolitik“.

Man sehe nun einem Ministertreffen vor dem nächsten Gipfel entgegen. Bei diesem sollten auf der Grundlage des Berichts und der Diskussionen darüber Empfehlungen an die Staats- und Regierungschefs vereinbart werden. Die Aktualisierung des Konzeptes der Nato ist einer von 138 Vorschlägen im Bericht der Expertengruppe. Sie empfiehlt zudem auch zahlreiche Maßnahmen, um die politische Zusammenarbeit im Bündnis zu verbessern und schneller zu Entscheidungen zu kommen.

Zu den aktuellen bündnisinternen Spannungen wegen sicherheitspolitischer Alleingänge der Türkei äußerten sich Maas und Le Drian nicht direkt. Sie betonten allerdings die Bedeutung von gemeinsamen Werten und Prinzipien. Sicherheit im 21. Jahrhundert hänge nicht zuletzt davon ab, ob man gemeinsame Antworten auf künftige Herausforderungen finde, erklärten sie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsbau in Deutschland: Baugenehmigungen legen weiter zu
18.09.2026

Beim Wohnungsbau gibt es neue Anzeichen für eine Erholung. Seit Jahresbeginn werden deutlich mehr Wohnungen genehmigt, doch für Bauherren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 25 Milliarden Euro bis 2030: Bundesregierung und KfW fordern mehr Wagniskapital für Start-ups
18.09.2026

Die schwarz-rote Koalition schaltet gemeinsam mit der Förderbank KfW bei der WIN-Initiative einen Gang höher. Durch bessere...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
18.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Politik
Politik Ursula von der Leyen Rede: Europas neuer Kurs ohne Trump
18.09.2026

Donald Trump kommt nicht einmal vor, dafür kündigt Ursula von der Leyen weitreichende Pläne für Kanada, China und Europas Sicherheit...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street erholt sich nach Fed-Zinserhöhung
17.09.2026

Nach turbulenten Tagen fassen die Anleger wieder Mut – das sind die wichtigsten Treiber der jüngsten Kursbewegung.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...