Finanzen

EZB stemmt sich mit weiteren Milliarden gegen Corona-Krise

Die zweite Welle der Corona-Pandemie rollt durch Europa. Das Ausmaß bereitet Europas Währungshütern Sorgen. Die Notenbank legt noch einmal kräftig nach.
10.12.2020 16:40
Aktualisiert: 10.12.2020 16:40
Lesezeit: 2 min
EZB stemmt sich mit weiteren Milliarden gegen Corona-Krise
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), hält bei der „VDZ Publishers' Night 2019. (Foto: dpa) Foto: Christoph Soeder

Von Friederike Marx und Jörn Bender

Europas Währungshüter erhöhen den Schutzwall gegen die wirtschaftlichen Folgen der zweiten Corona-Welle. Die Europäische Zentralbank (EZB) weitet ihr Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere von Unternehmen deutlich um 500 Milliarden auf 1,85 Billionen aus. Die Laufzeit wird um neun Monate bis mindestens Ende März 2022 verlängert. Das beschloss der EZB-Rat bei seiner letzten regulären Sitzung in diesem Jahr am Donnerstag in Frankfurt.

Zugleich versorgt die Notenbank Geschäftsbanken mit weiteren besonders günstigen Langfristkrediten (PELTROs) und lockert die Bedingungen für bereits laufende Langfristkredite.

Das Ausmaß der zweiten Corona-Welle sei so zunächst nicht erwartet worden, sagte EZB-Präsident Christine Lagarde. Im Schlussquartal 2020 dürfte die Wirtschaft im Euroraum erneut schrumpfen, allerdings weniger stark als im Frühjahr. Angesichts der Fortschritte bei Impfstoffen zeigte sich die Französin zugleich zuversichtlich: «Wir haben gute Gründe zu glauben, dass bis Ende 2021 Herdenimmunität erreicht ist.» Danach könnte die Wirtschaft wieder anziehen.

«Der Start in das Jahr 2021 wird für die gesamte Eurozone äußerst holprig ausfallen», prognostizierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. «Die EZB musste also handeln, um ihren Teil zur Krisenbewältigung beizusteuern. Das Ende der Fahnenstange ist dabei noch nicht erreicht.»

Steigende Infektionszahlen und die damit verbundenen Einschränkungen von Wirtschaft und Gesellschaft in vielen Ländern dämpfen nach EZB-Einschätzung die Konjunkturaussichten für das kommenden Jahr. Die Notenbank geht nun von 3,9 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum 2021 aus. Im September hatten die Währungshüter noch ein Wachstum von 5,0 Prozent vorhergesagt. Für das laufende Jahr wird mit einem Konjunktureinbruch von 7,3 Prozent gerechnet.

Bei den Zinsen bleibt alles beim Alten: Der Leitzins im Euroraum liegt seit fast fünf Jahren auf dem Rekordtief von null Prozent. Geschäftsbanken müssen weiterhin 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Freibeträge für bestimmte Summen sollen die Institute bei den Kosten dafür entlasten.

Erst im Juni hatte die Notenbank das Volumen des im März aufgelegten, besonders flexiblen Anleihenkaufprogramms PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) auf 1,35 Billionen Euro fast verdoppelt. Die Wertpapierkäufe helfen Staaten wie Unternehmen: Sie müssen für ihre Papiere nicht so hohe Zinsen bieten, wenn eine Zentralbank als großer Käufer am Markt auftritt.

Nach Einschätzung von Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis ist die EZB «wirtschaftspolitisch einmal mehr in Vorleistung getreten». Die europäische Politik dürfe sich «vor diesem Hintergrund nicht zurücklehnen». Der Bundesverband öffentlicher Banken (VÖB) mahnte, Krisenmaßnahmen dürften nicht zur Dauereinrichtung werden: «Die Geldpolitik alleine kann es nicht richten.» Auch die EU-Mitgliedsstaaten seien gefordert.

Hauptziel der EZB ist ein ausgewogenes Preisniveau bei einer mittelfristigen Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent im gemeinsamen Währungsraum. Dieser Zielwert wird seit Jahren verfehlt. Im Gesamtjahr 2020 rechnen die Währungshüter nur mit einer Mini-Inflation von 0,2 Prozent. «Die Inflation ist enttäuschend niedrig», räumt Lagarde ein. Im kommenden Jahr dürfte die Teuerung nach EZB-Einschätzung bei 1,0 Prozent liegen.

Europas Währungshüter sind daher seit Jahren im Anti-Krisen-Modus. Die seit März 2015 mit Unterbrechung laufenden anderen Kaufprogramme der Notenbank für Anleihen haben mit etwas über drei Billionen Euro Ende November bereits ein gewaltiges Volumen erreicht.

Die EZB hat eine umfassende Überprüfung ihrer geldpolitischen Strategie auf den Weg gebracht. Die Notenbank will dabei ihre Formulierung von Preisstabilität ebenso unter die Lupe nehmen wie das geldpolitische Instrumentarium und ihre gesamte Kommunikation. Dabei geht es auch darum, welche Folgen beispielsweise der Klimawandel oder Ungleichheit für das Ziel der Preisstabilität haben können.

Mit einer Lichtprojektion auf die EZB-Fassade forderten Aktivisten in Frankfurt mehr Klimaschutz. Man rufe die EZB zum entschiedenen Handeln gegen die Klimakrise auf, erklärte die Gruppe Koalakollektiv am Donnerstag. Sie hatte in der Nacht den Schriftzug «Kill Covid, Not Our Climate» auf das EZB-Gebäude in Frankfurt geworfen.

Mehr zum Thema:

Großer Börsen-Crash im April 2021: Die EZB muss vorbereitet sein

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Inflation 2025: Preise steigen weiter in Deutschland
06.01.2026

Die Inflation in Deutschland hat 2025 im Jahresschnitt 2,2 Prozent erreicht. Nach der hohen Teuerungswelle der vergangenen Jahre entspannt...

DWN
Politik
Politik Trump droht Kolumbien und Mexiko
06.01.2026

Die Aussagen aus Washington signalisieren eine neue Eskalationsstufe in der US-Politik gegenüber Lateinamerika. Droht daraus eine...

DWN
Politik
Politik Lobbyregister: Finanzbranche lobbyiert mit Hunderten Vertretern im Bundestag
06.01.2026

Das Lobbyregister zeigt, wer im Bundestag versucht, Politik zu beeinflussen. Eine Auswertung zeigt: Die Finanzbranche setzt viel Geld ein.

DWN
Technologie
Technologie KI-Kompetenz im Maschinenbau: Warum Firmen Nachwuchsprobleme sehen
06.01.2026

Künstliche Intelligenz verändert den Maschinenbau rasant – doch beim Nachwuchs klafft eine Lücke. Während Unternehmen KI-Kompetenz...

DWN
Politik
Politik Kampf um Grönland
06.01.2026

Trump will Grönland für die USA sichern – doch Europas Spitzenpolitiker setzen klare Grenzen. Dänemark und Grönland entscheiden...

DWN
Finanzen
Finanzen Anlagestrategien für 2026: Anleger zwischen Risiko und Neuausrichtung
06.01.2026

Die Finanzmärkte gehen mit erhöhten Risiken und politischen Unsicherheiten in das Jahr 2026. Wie lassen sich Vermögen und persönliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Recruiting: Chancen und Risiken bei der digitalen Personalauswahl
06.01.2026

Algorithmen führen Bewerbungsgespräche, analysieren Lebensläufe und treffen Vorauswahlen. Doch die KI-Rekrutierung birgt Risiken. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldman-Sachs-Aktie im Aufwind: Analysten loben Coinbase für Wachstumsschub
06.01.2026

Goldman Sachs rückt Coinbase ins Rampenlicht und hebt die Aktie auf "Kaufen". Nach einem Jahr schwacher Performance erkennen Analysten...