Deutschland

Warum sich das Impf-Tempo in Deutschland deutlich erhöhen dürfte

Seit die Impfungen hierzulande kurz nach Weihnachten begannen, tobt eine erbitterte Debatte, ob es schnell genug geht. Doch die Bundesregierung dürfte das Impftempo nun deutlich anziehen.
04.01.2021 10:53
Lesezeit: 3 min
Warum sich das Impf-Tempo in Deutschland deutlich erhöhen dürfte
Eine Mitarbeiterin des Kieler Impfzentrums zieht am Montag mit einer Kanüle den Impfstoff aus einer Glasampulle auf. (Foto: dpa) Foto: Frank Molter

WELCHE IMPFSTOFFE BEKOMMT DEUTSCHLAND?

Die EU hatte 200 Millionen Impfdosen bei dem Unternehmen BioNTech bestellt - und im Dezember eine bereits vorhandene Option auf weitere 100 Millionen Dosen gezogen. Allerdings können diese erst aus der erweiterten Produktion 2021 geliefert werden. Insgesamt bekommt Deutschland nach Angaben des Gesundheitsministeriums über die EU 55,8 Millionen Impfdosen von BioNTech sowie 50,5 Millionen Dosen der Firma Moderna. Zudem hat sich die Bundesregierung von BioNTech eine "sichere Option" auf weitere 30 Millionen Dosen über einen nationalen Bezug gesichert. Voraussetzung dürfte die Ausweitung der Produktionskapazitäten bei BioNTech sein.

BESCHLEUNIGEN ANDERE IMPFSTOFFE DIE IMPFUNGEN?

Dies gilt als sehr wahrscheinlich. Am 6. Januar wird eine Entscheidung der europäischen Zulassungsbehörde EMA über den Impfstoff der Firma Moderna erwartet. Außerdem dringt etwa der Virologe Christian Drosten in der "Berliner Morgenpost" darauf, dass die EMA auch rasch den Weg für den Impstoff der Firma AstraZeneca freimachen soll, der in Großbritannien schon zugelassen ist. Mit dem AstraZeneca-Impfstoff - wenn er denn geliefert wird - könnte sich auch das Impfen und das Impftempo in Deutschland beschleunigen: Denn dieser Impfstoff muss nicht gesondert gekühlt werden und könnte deshalb auch in Arztpraxen verabreicht werden. Von der Firma AstraZeneca steht Deutschland ein EU-Anteil von 56,2 Millionen Dosen zu.

Dazu kommen 42 Millionen Dosen über EU-Verträge mit dem deutschen Unternehmen CureVac, dessen Impfstoff in der ersten Jahreshälfte zugelassen werden könnte. 20 Millionen Dosen kann Deutschland zudem durch ein nationales Programm beziehen, weil die Entwicklung der Impfstoffe von CureVac ebenso wie bei BioNTech durch Steuergeld gefördert wurde. Über die EU würde Deutschland zudem von Johnson & Johnson weitere 37,25 Millionen Dosen beziehen.

WANN KOMMT DER IMPFSTOFF?

Seit längerem wiederholt Gesundheitsminister Jens Spahn, dass bis Ende Januar vier Millionen Dosen von BioNTech geliefert werden sollen, bis Ende März sollen es elf bis 13 Millionen Dosen sein - pro Patient müssen aber zwei Dosen im Abstand von drei Wochen gespritzt werden. Über die möglichen Liefertermine der noch nicht zugelassenen Impfstoffe herrscht noch Unklarheit.

BREMSEN LÄNDER UND KOMMUNEN DAS IMPFTEMPO?

Im föderalen Deutschland ist der Bund für den Ankauf und die Verteilung des Impfstoffs für die Länder zuständig. Diese wiederum verteilen den Impfstoff auf die Städte und Kommunen - und regeln jeweils unterschiedlich, wie die erste Personengruppen an die Impfungen kommen. Dazu gehören die über 80-Jährigen und die Angehörigen der Medizin- und Pflegeberufe. Das Problem: Solange nicht ausreichend Impfstoffe für alle zur Verfügung steht, wird es punktuell zu Versorgungsengpässen kommen, auch wenn die Impfzentren bereit stehen. Das Impftempo ist deshalb noch gering: Am 2. Januar registrierte das RKI weitere 40.665 Personen als geimpft (gesamt: 238.809). Das Tempo wird aber wahrscheinlich steigen, weil sich nach Angaben der "Berliner Morgenpost" Impfzentren wie etwa das in Berlin-Treptow zunächst ausreichend Impfstoffe gesichert haben, um nun täglich 600 Impfungen durchführen zu können.

WIE STEHT ES UM DIE IMPFBEREITSCHAFT?

Das Ziel des Schutzes der Gesellschaft in der Pandemie wird nicht nur verfehlt, wenn nicht genügend Impfstoff bereitsteht - sondern auch, wenn sich zu wenige Menschen impfen lassen. Die Bundesregierung rechnet bislang damit, dass eine sogenannte Herdenimmunität erreicht wird, wenn sich mindestens 60 Prozent impfen lassen. Es gab die Hoffnung, dass diese Immunität im Herbst erreicht werden könnte. Angesichts der sich schnell ausbreitenden neuen Virus-Mutation in Großbritannien, die sehr viel ansteckender sein soll, rechnen Mediziner aber nun damit, dass die Schwelle für die Herdenimmunität wohl auf mehr als 80 Prozent steigen müsste. Auch in Deutschland gibt es aber Vorbehalt gegen das Impfen, das freiwillig bleiben soll. Der "Spiegel" berichtete etwa über eine mangelnde Impf-Bereitschaft bei Pflegekräften einer Einrichtung. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zeigt sich besorgt und kritisiert in der "Bild am Sonntag", dass "zu viele Fake News ... durch das Netz geistern".

WARUM WERDEN POLITIKER NICHT GEIMPFT?

Die Ständige Impfkommission hat eine Prioritätenliste aufgestellt, an die sich die Bundesregierung weitgehend hält und die sich an der Gefährdung der Personen orientiert. Das Problem: In anderen Ländern haben sich Spitzenpolitiker impfen lassen, um das Vertrauen in Impfstoffe zu erhöhen. In Deutschland verhindert die Prioritätenliste bisher, was offenbar auch Söder als Problem sieht: Er glaubt, dass in naher Zukunft die Spitzen des Staates und der Bundesländer sowie andere Personen des öffentlichen Lebens als Vorbilder mit gutem Beispiel vorangehen müssen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Suezkanal: Warum Maersk jetzt die riskante Abkürzung nimmt
18.09.2026

Die Sicherheitslage im Roten Meer verschärft sich, doch ausgerechnet jetzt kehren große Reedereien auf die Route durch den Suezkanal...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Aus einem Hobby wird ein Unternehmen: Sie hatte eine Idee, er musste seinen Job kündigen
18.09.2026

Aurelija Mališauskienė, Gründerin des Unternehmens „Minimali“, begann während ihres Elternurlaubs mit der Herstellung von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitsmarkttrend „Boomerang Hiring“ – erst gekündigt, dann zurückgeholt
18.09.2026

Die Wiedereinstellung ehemaliger Arbeitnehmer wird auch in Deutschland zum wachsenden Trend auf dem Arbeitsmarkt: Wie Arbeitgeber mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Benzinpreis aktuell: Warum Tanken trotz billigerem Öl Rekorde bricht
18.09.2026

Rohöl kostet weniger als auf dem Höhepunkt der Energiekrise 2022, der Euro steht stärker zum Dollar. Trotzdem zahlen Autofahrer in...

DWN
Politik
Politik UN-Generalversammlung: Deutschland reist ohne Merz nach New York
18.09.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz sagt seine Reise zur UN-Generalversammlung wegen der innenpolitischen Lage ab. Die Bundesregierung betont...

DWN
Politik
Politik CO2-Speicherung unter der Nordsee: Dänemark startet Regelbetrieb
18.09.2026

Dänemark macht bei der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid den nächsten Schritt. Das Projekt „Greensand“ wechselt vom...

DWN
Politik
Politik Übergewinnsteuer für Ölkonzerne: EU-Kommission bremst Klingbeil
18.09.2026

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil drängt auf eine europäische Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne. Doch aus Brüssel kommt...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Hilfe: Merz fordert mehr Geld von EU-Partnern
18.09.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz erhöht den Druck auf andere EU-Staaten, ihre Unterstützung für die Ukraine deutlich auszuweiten. Gemeinsam...