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Auffallend viele Krankenpfleger und Ärzte lehnen eine Impfung ab

Lesezeit: 4 min
07.01.2021 10:43  Aktualisiert: 07.01.2021 10:43
Ausgerechnet große Teile des medizinischen Personals sind den in kürzester Zeit entwickelten Impfstoffen gegenüber skeptisch eingestellt. Die Bundesregierung fordert mehr „Impfbereitschaft“ – hat sich selbst jedoch auch noch nicht impfen lassen.
Auffallend viele Krankenpfleger und Ärzte lehnen eine Impfung ab
Eine Krankenschwester in Argentinien. (Foto: dpa)
Foto: Maxi Jonas

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Die Impfstoffe gegen das Coronavirus sind in Rekordzeit entwickelt worden - ein riesiger Erfolg aus Sicht von Politikern und Wissenschaftlern. Doch wenn es ums Thema Impfen selbst geht, hält sich die Euphorie zumindest bei Teilen der Bevölkerung in Grenzen. Große Zurückhaltung gibt es offenbar auch ausgerechnet beim medizinischen Personal, das zu den ersten Geimpften gehören soll.

Die Impfbereitschaft sei beim Pflegepersonal sehr unterschiedlich, sagte Bernd Meurer, der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) der Nachrichtenagentur dpa. «Wir haben Einrichtungen, wo sich fast 100 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen. Und das reicht bis hin, dass sich zwei Drittel nicht impfen lassen.» Es sei im Moment schwer, ein klares Bild zu zeichnen.

Dass medizinisches Personal bei Impfungen zurückhaltend reagiert, ist keine Besonderheit. Auch gegen die Grippe haben sich laut Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt nur gut 79 Prozent der Ärzte und knapp 47 Prozent der Pfleger impfen lassen.

Diese Befunde sind interessant, da ja gerade Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte zu den gefährdetsten Berufsgruppen mit Blick auf eine Coronavirus-Ansteckung gehören.

Gegen Corona wollten sich im Dezember in Deutschland rund 73 Prozent der Ärzte und knapp 50 Prozent der Pfleger in Deutschland impfen lassen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), über deren Ergebnisse das «Deutschen Ärzteblatt» berichtet hatte. Diese Zahlen seien aber schon längst überholt, sagte eine Sprecherin der Divi. «Wir sind da der Auffassung, dass sich da seit dem Impfstart einiges getan hat.»

In Rekordzeit entwickelte Impfstoffe machen skeptisch

Die verhaltenen Zahlen stimmen auch in Deutschland viele nachdenklich, immerhin haben Ärzte und Pfleger eine Art Vorbildcharakter. Das medizinische Personal sei nachweislich der wichtigste Ansprechpartner für die Impfentscheidung, sagte die Betriebsärztin des Frankfurter Uniklinikums, Sabine Wicker, die auch Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist. «Ich sage immer "Schlecht geimpfte Ärzte haben schlecht geimpfte Patienten" - denn wenn das medizinische Personal für sich selbst keine Impfindikation sieht, warum sollte es dann die Impfung den von ihm betreuten Patienten empfehlen?»

Interessant sind die Faktoren, welche aus Sicht der von der dpa befragten Funktionäre dazu führen, dass sich große Teile des medizinischen Personals nicht impfen lassen wollen. Genannt werden hierbei «Falschinformationen» und die schlechten Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen.

«Da gibt es viele Informationslücken oder falsche Informationen, die verbreitet werden», wird der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens. zitiert. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass die Vorkenntnisse hinsichtlich eines mRNA-Impfstoffes beim medizinischen Personal im Durchschnitt so sehr viel besser sei als in der übrigen Bevölkerung, so Mertens.

Dazu kämen möglicherweise auch unbewusste psychologische Effekte. Viele Menschen würden in Krankenhäusern ohnehin «nicht unter optimalen Bedingungen arbeiten». Und wenn dann ein Arbeitgeber auch noch eine Impfempfehlung abgebe, «löst das vielleicht auch eine gewisse Gegenreaktion aus», sagte Mertens.

Außerdem bringe eine Impfung gegen das Virus im Moment keine berufliche Erleichterung, sagte Bernd Meurer vom bpa. Die Pfleger müssten auch nach einer Immunisierung noch eine FFP2-Maske tragen. Grund ist unter anderem, dass noch nicht klar ist, ob man trotz der Impfung andere mit dem Coronavirus anstecken kann. «Wir gehen davon aus, dass die Impfbereitschaft erheblich stiege, würde von geimpften Personen keine Infektionsgefahr ausgehen, womit nach der Impfung berufliche Alltagserleichterungen für die Pflegekräfte einhergehen würden.»

Der naheliegende Grund für die Zurückhaltung wird nicht genannt. Die hochkomplizierten Impfstoffe wurden in kürzester Zeit entwickelt und zugelassen und niemand weiß, welche lang- oder mittelfristigen Folge- und Nebenwirkungen die Stoffe haben.

Spahn fordert Impfbereitschaft – hat sich selbst aber nicht impfen lassen

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) appellierte am Mittwoch an die Beschäftigten, sich impfen zu lassen. Pflegekräfte und Ärzte sollten dies aus «Verantwortung auch für diejenigen, die man pflegt und behandelt» tun, sagte Spahn. Die Angehörigen des Gesundheitswesens müssten daher aufgeklärt werden. Wichtig sei es, Ärzten, Apothekern und anderen Beschäftigten des Gesundheitswesens Informationen und Transparenz zu geben.

Eine Übersicht über die Impfbereitschaft in Pflegeeinrichtungen, der Altenpflege und bei Ärzten bei Corona gibt es laut Spahn noch nicht. In einigen Heimen ließen sich 80, in anderen nur 20 Prozent der Pflegekräfte impfen, wie er höre. «Das ist im Moment noch ein nicht abschließendes Bild.» Nach allem was er höre, sei die Impfbereitschaft in den Krankenhäusern bei all jenen hoch, die auf Intensivstationen sähen, «was Covid-19 anrichten kann», sagte Spahn.

Spahn selbst und andere Mitglieder der Bundesregierung wie Kanzlerin Angela Merkel haben sich übrigens auch noch nicht impfen lassen – man wolle erst einmal den «Verwundbarsten» den Vortritt lassen, so Spahn.

Große Skepsis auch in den USA

Dass Zurückhaltung bleiben könnte, lässt jedoch ein Blick über den Atlantik vermuten: In der texanischen Großstadt Houston in den USA stellte ein Krankenhaus seinen Mitarbeitern eine Prämie von 500 Dollar in Aussicht - eine Voraussetzung dafür aber war eine Impfung gegen Corona. Medizinische Angestellte dürfen sich in Amerika als erstes impfen lassen. Berichten zufolge lehnten - je nach Region - etwa ein Viertel bis ein Drittel von ihnen die Spritze bislang ab.

Behörden befürchten eine schlechte Signalwirkung auf den wartenden Rest der US-Bevölkerung. Das Forschungszentrum «PEW» veröffentlichte eine Erhebung aus dem November, wonach sich 39 Prozent der rund 330 Millionen Amerikaner «wahrscheinlich» oder «sicherlich» nicht impfen lassen wollten. Allerdings war diese Zahl schon einmal deutlich geringer und dürfte sich weiter verändern, je mehr Menschen erfolgreich immunisiert sind.

Nancy Messonier, Leiterin der Abteilung für Immunisierung der Gesundheitsbehörde CDC, sagte am Mittwoch, sie sei «besorgt» wegen der Skepsis unter medizinischem Personal. Es müsse mehr Aufklärungsarbeit zur Sicherheit der Impfungen geleistet werden.


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