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„Original Play“ sofort verbieten: Wie in Deutschlands Kitas Kindesmissbrauch gefördert wird

Lesezeit: 3 min
18.01.2021 10:00
„Original Play“ nennt sich ein Konzept, demzufolge wildfremde Männer gegen eine Gebühr in deutsche Kitas gehen dürfen, um mit Kindern zu „spielen“. Die Eltern werden nicht benachrichtigt. „Original Play öffnet dem Missbrauch Tür und Tor“, so Bayerns Familienministerin Schreyer. Bis heute hat die Bundesregierung nicht reagiert.
„Original Play“ sofort verbieten: Wie in Deutschlands Kitas Kindesmissbrauch gefördert wird
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) besucht die Kita "mittendrin" in Berlin. (Foto: dpa)
Foto: Britta Pedersen

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Im Bereich der Frühpädagogik gibt es ein umstrittenes Konzept, das sich „Original Play“ nennt. Dabei können unbekannte Personen gegen eine Gebühr in Kitas kommen, um mit Minderjährigen zu kuscheln und zu toben. Dieses Konzept geht zurück auf den US-Amerikaner Fred Donaldson.

Plagiatsgutachten.com berichtet über Donaldson: „O. Fred Donaldson ist ,Erfinder‘ von ,Original Play‘, einer Art Körperkontakt-Ritual, bei dem sich (Klein-)Kinder mit Erwachsenen animalisch, d.h. wie kleine Tiere verhalten und sich austoben können. Zahlreiche vor allem evangelische Kindertagesstätten etwa in Deutschland, Montessori-Schulen und viele andere vorschulische und schulische Institutionen bieten ,Original Play‘an.“

Diverse Medien berichten, dass es sich bei Donaldson um einen „Universitätsprofessor für Psychologie“ handelt. Doch das sei falsch. „Eine erste Spurensuche hat ergeben: Herr Donaldson war nie Universitätsprofessor, noch ist er Psychologe. Nach seinem Studium der Geographie war er an der University of Washington und am Department für Geographie der California State University in Hayward im Rahmen von befristeten Forschungsprojekten beschäftigt, unter anderem auch in einem Train-the-Trainer-Projekt. Aus diesem heraus dürfte er später seine Expertise in Psychologie konstruiert haben“, so Plagiatsgutachten.com.

„Original Play“ steht im Verdacht, sexuellen Kindesmissbrauch zu fördern. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik, sagt in einem Interview mit der SZ: „Mehrere Erwachsene mit Kindern in einem Raum sind kein Beweis für einen Schutz, wirklich nicht. Und jenseits der Missbrauchsverdächtigungen: Warum sollten Kinder mit fremden Erwachsenen raufen wollen? (…) Es ist nicht nur in fachlicher Hinsicht grober Unfug und entbehrt wirklich jeder wissenschaftlichen Grundlage, sondern sieht für mich aus wie eine Einladung für Pädophile: Erwachsene Menschen, die im engen und intensiven Körperkontakt mit Kindern toben, raufen oder balgen - mit Kindern, die diese Personen nicht kennen.“

Bayerns Familienministerin Kerstin Schreyer sagt: „Original Play öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. In Kitas hat das nichts verloren.“

Dieses sogenannte „pädagogische Konzept“ wurde mittlerweile in Bayern, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Bremen, Berlin und Brandenburg verboten. Prof. Dr. Sabine Andresen, Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes schreibt in einer Mitteilung: „Kinder sind keine Objekte, die der Sublimierung von wie auch immer gearteten Bedürfnissen von Erwachsenen dienen. Sie sind eigenständige Subjekte. Pädagogik muss den Kindern dienen, nicht den Erwachsenen.“

Der „Tagesspiegel“ hatte im Jahr 2019 getitelt: „„Einladung zu Übergriffen an Kindern – Seit Jahren wird das therapeutische Spiel „Original Play“ in Kindereinrichtungen angeboten. Obwohl wegen Missbrauchsverdachts ermittelt wurde.“

Die ARD-Sendung „Kontraste“ hatte Ende Oktober 2019 einen erschütternden Bericht ausgestrahlt.

In dem Bericht kommen einige Eltern zu Wort. „Als ich auf den Fotos gesehen habe, wie viele wildfremde Menschen mit unseren Kindern gespielt haben, da wurde mir richtig übel. Übel, Wut und auch Ohnmacht, was das passiert ist“, so Vater B. aus Berlin.

Ein weiterer Vater meint: „Unser Sohn hat uns im Kontext mit diesem Original Play sehr ausdrückliche, ja, sexuelle und gewalttätige Dinge berichtet und auch vorgespielt. Wir sprechen nicht nur über schweren sexuellen Missbrauch, Vergewaltigungen, sondern auch über Gewalt, Demütigung, Sadismus. Und für uns schien es relativ schnell so, als wenn dass das Ganze ein System hat. Es gab mal die Information, dass der Begründer dieses Spiels, ein Amerikaner, in die Kita kommen sollte und es hieß, er wird auch einen Vortrag in dem Zusammenhang halten. Was wir aber nicht wussten: es kamen dann mindestens neun fremde Erwachsene, die wir nie zuvor gesehen hatten.“

Vater S. wörtlich: „ (…) dass sie auch von der Erzieherin irgendwo anders hingebracht worden ist. Da haben sie dann mit anderem erwachsenen Männern gespielt und das hat sie nicht gemocht. Die anderen Kinder, die mitgekommen sind, auch nicht. Ein anderes Mal hat meine Tochter mir auch gezeigt, wie der Haupterzieher, der Leiter von der Kita die Nase in ihren Po gesteckt hat und dass er das auch bei anderen Kindern gemacht hat.“

„Eltern in Berlin und Hamburg zeigten Missbrauchsfälle und sogar Vergewaltigungen an“, so die ARD.

Die ARD-Sendung bewirkte, dass „Original Play“ in einigen Bundesländern verboten wurde. Doch ein bundesweites Verbot gibt es nicht.

In einer Petition auf Change.org gegen „Original Play“ haben sich zahlreiche Menschen zusammengeschlossen, um den Schutz der Kinder in Deutschland zu garantieren.


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