Wirtschaft

Europäische Handelskammer warnt vor wirtschaftlicher Abkopplung des Westens von China

Die Europäische Handelskammer in China warnt vor den Folgen einer wirtschaftlichen Abkopplung der USA von China. Europäische Unternehmen würden dann zwischen den Fronten zerrieben werden.
20.01.2021 17:40
Aktualisiert: 20.01.2021 17:40
Lesezeit: 4 min

Die Europäische Handelskammer in China warnt vor den Folgen einer zunehmenden wirtschaftlichen Abkopplung der USA und anderer westlicher Länder von China. Sollte die mithilfe von US-Sanktionen in den vergangenen Jahren vorangetriebene Entwicklung vom neuen US-Präsidenten Joe Biden fortgesetzt werden, drohen die in China tätigen Unternehmen aus Europa zwischen den Fronten zerrieben zu werden.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Befragung von 120 europäischen Firmen im Land, welche die Handelskammer zusammen mit dem in Berlin ansässigen Mercator Institute for China Studies (Merics) vor einigen Tagen vorgestellt hatte.

Ein Fazit lautet demnach für den Fall einer von Biden fortgesetzten Politik der Abkopplung: Entweder müssen sich europäische Unternehmen dem politischen Sanktionsdruck aus den USA beugen und den profitablen Wachstumsmarkt China früher oder später verlassen. Oder sie müssen voneinander getrennte Wertschöpfungs- und Lieferketten aufbauen, um unterschiedliche Produkte für den westlichen Markt einerseits und den chinesischen Markt andererseits bereitstellen zu können – was immense Mehrkosten bedeuten würde.

Der Untersuchung zufolge sind bereits heute 96 Prozent aller in China aktiven europäischen Firmen direkt oder indirekt von dem seit einigen Jahren tobenden Wirtschaftskrieg betroffen und über die Hälfte der befragten Unternehmen musste bereits konkrete negative Auswirkungen auf das eigene Geschäft hinnehmen.

Mehr als 70 Prozent der Unternehmen rechnen zudem mit Blick auf die Zukunft mit neuen Schwierigkeiten – besonders in den Bereichen Digitalisierung und Hochtechnologie. So ist mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen auf den Kauf von Halbleiterchips aus den USA angewiesen, um die Produktion in China auch in Zukunft fortsetzen zu können. Mit Sorge werden deshalb die von der US-Regierung erlassenen Restriktionen gegen den Verkauf von Halbleiterchips aus amerikanischer Produktion nach China beobachtet. Viele Europäer in China klagen zudem, dass die Chinesen verstärkt eigene Industriestandards entwickeln und diese im Zuge ihres Seidenstraßen-Projekts international propagieren, was europäischen Wettbewerbern um ein Projekt Nachteile verschaffe.

„Während der weitere Verlauf des amerikanisch-chinesischen Handelskonfliktes in der Schwebe hängt, müssen in China operierende europäische Unternehmen harte Entscheidungen treffen, um die Risiken zu kontrollieren – nicht nur innerhalb ihrer Firma, sondern auch im Verhältnis zu ihren Lieferanten und Kunden unter ihnen oder über ihnen in der Wertschöpfungskette“, zitiert die South China Morning Post aus dem Bericht.

Abkopplung auf mehreren Feldern

Die Abkopplungstendenzen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt finden auf mehreren Feldern statt.

Sie wurden bald nach der Amtsübernahme von Präsident Donald Trump im Frühjahr 2017 lanciert und materialisierten sich anfangs vor allem in weltweit spürbaren Bestrebungen der neuen US-Regierung, den chinesischen Technologiekonzern Huawei vom Aufbau der neuartigen 5G-Funkstandards in anderen Ländern auszuschließen. Sie äußern sich aber auch in kurios anmutenden Episoden wie der Gründung jener mit 60 Milliarden Dollar Budget ausgestatteten Sonderbehörde namens „United States International Development Finance“, welche Entwicklungsländer aktiv vom Kauf chinesischer Technologie und Software abhalten soll.

Die Sanktionen auf dem Feld der Technologie, die der Fall Huawei repräsentiert, wurden seitdem auf zahlreiche weitere Unternehmen und auch Branchen (Halbleiter etc.) ausgeweitet und gipfeln im gegenwärtigen Gerangel um einen möglichen Ausschluss der chinesischen Technologieunternehmen Alibaba, Baidu und Tencent von der New Yorker Börse.

Über all diesen einzelnen taktischen Gefechten spannt sich der Handelskrieg mit seinen Zöllen, Sanktionen, Gegen-Sanktionen und Verhandlungen als Ausdruck einer grundlegenden (wirtschaftlichen) Konfrontation zwischen der letzten verbliebenen Weltmacht mit dem aufstrebenden China auf.

Auf militärischer Ebene dienen die verstärkte Präsenz der amerikanischen Navy und Luftwaffe und deren Manöver und Übungen im von China beanspruchten Südchinesischen Meer und den östlichen Randmeeren dem Druckaufbau.

Auf der diplomatisch-politischen Bühne wurde die Republik Taiwan von der Trump-Regierung faktisch als eigenständig anerkannt, indem Regierungsvertreter der mittleren Hierarchiestufe nach Taipeh geschickt wurden und der Inselstaat mit amerikanischen Waffensystemen im zweistelligen Milliardenwert versorgt wurde. Die Taiwan-Politik Washingtons unterfütterte das diplomatische „Armdrücken“ mit Peking ebenso wie die von der Trump-Administration lancierten medialen Kampagnen - etwa bezüglich der Lage der Minderheit der Uighuren in Westchina oder der offen geäußerten Schuldzuweisungen, China habe die übrige Welt über die Ursprünge der Corona-Pandemie belogen und müsse dafür nun zur Rechenschaft gezogen werden.

China reagiert mit einer Doppelstrategie

Die chinesische Regierung reagiert auf den verstärkten Druck mit einer zweigleisigen Strategie.

Auf der einen Seite hat sie die Öffnung ihrer Finanzmärkte und ihrer Realwirtschaft in den vergangenen Monaten forciert, um Kapital aus dem Ausland und Know-How anzuziehen. Als Folge dieser Öffnungspolitik floss im vergangenen Jahr so viel ausländisches Kapital in chinesische Aktien und Anleihen wie nie zuvor. Das mit der Europäischen Union kurz vor dem Jahreswechsel in seinen Grundzügen ausgehandelte Investitionsabkommen stellt darüber hinaus einen vorläufigen Höhepunkt in der Geschichte der ökonomischen Reform- und Öffnungspolitik dar, welche Ende der 1970er Jahre vom damaligen „Überragenden Führer“ Deng Xiaoping angestoßen wurde.

Deutsche Unternehmen profitieren dabei besonders von den geplanten Liberalisierungen. „Von den 140 Milliarden Euro, die Firmen aus der Union der EU-Kommission zufolge in den vergangenen zwei Jahrzehnten in China investiert haben, stammen laut Angaben der Bundesbank 86 Milliarden aus Deutschland; von den 560 Milliarden Euro, auf die sich der Handel zwischen China und der EU 2019 belief, entfielen 206 Milliarden Euro auf die Bundesrepublik“, schreibt der auf geopolitische Themen spezialisierte Blog German Foreign Policy.

Parallel zur Öffnung verstärkt Peking aber andererseits seine Bestrebungen, das Land und die Volkswirtschaft in systemrelevanten Bereichen von externen Abhängigkeiten zu befreien und einen hohen Grad an interner Autonomie zu gewährleisten. Symbolisiert wird diese Stoßrichtung beispielsweise von der Ende 2019 getroffenen Entscheidung, die Behördendes Landes künftig ausschließlich mit Technologie aus China auszurüsten.

Die Analysten von Europäischer Handelskammer und Merics schreiben: „Unglücklicherweise scheint Chinas Antwort auf diese ‚Krise der Abhängigkeiten‘ eine Verdoppelung der Anstrengungen zur Bildung von Selbstverantwortung zu sein und europäische Unternehmen in China berichten, dass dieser Vorstoß anders und radikaler sei als jene in der Vergangenheit. (…) Chinas oberste Prioritäten für 2021 sind: 1) der Aufbau wissenschaftlicher und technologischer Stärke verbunden mit dem Ruf nach einem neuen Typus eines ‚ganzheitlich-nationalen Systems‘ und 2) dem Aufbau größerer Autonomie und Kontrolle in den industriellen Lieferketten. Weitere Marktöffnungen in und vertiefte Integrationen mit China werden deshalb davon abhängen, inwieweit dies den beiden eben genannten Zielen entspricht.“

Diese Entwicklung ist signifikant, weil Chinas erfolgreiche Integration in die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten als Treiber fungierte. Sowohl nach der Finanzkrise des Jahres 2008 als auch in der gegenwärtigen Corona-Pandemie führten die Nachfrage nach Rohstoffen und (Vor-)Produkten und der Export von Gütern zu Impulsen, von denen letztlich das gesamte System profitierte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflation steigt auf über 3 Prozent
13.10.2026

Die Energiepreise treiben die Inflation in Deutschland auf den höchsten Stand seit fast drei Jahren: Im September verteuerten sich Waren...

DWN
Politik
Politik Strategische Ölreserven schrumpfen: Wie viel noch verfügbar ist
13.10.2026

Die Freigabe strategischer Reserven sorgt zunehmend für Sorgen. Die Bestände schrumpfen, da sie zur Dämpfung des Preisdrucks eingesetzt...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic lockt Sparer mit kostenlosem Altersvorsorgedepot
13.10.2026

Keine Depotgebühren, kostenlose ETFs und staatliche Zuschüsse: Trade Republic will das Altersvorsorgedepot besonders günstig machen....