Weltwirtschaft

Das Ringen um die wichtigste Region der Welt - Teil 1

Lesezeit: 7 min
27.02.2021 12:15  Aktualisiert: 27.02.2021 12:15
In Südostasien treffen geopolitische, wirtschaftliche und militärische Strategien von Amerikanern und Chinesen direkt aufeinander. Die Länder der Region tanzen den diplomatischen Tanz zwischen den Giganten nach eigenen Regeln.
Das Ringen um die wichtigste Region der Welt - Teil 1
Südostasien ist für China das, was Lateinamerika für die USA ist. (Foto: dpa)
Foto: Wu Dejun

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Südostasien nimmt sowohl in den Überlegungen amerikanischer als auch chinesischer Geostrategen eine herausragende Funktion ein. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig: Sie entstammen den geografischen, wirtschaftlichen, militärischen und auch kulturellen Eigenheiten, die diese Region der Welt prägen.

Südostasien setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Staaten mit eigenen kulturellen Traditionen und nationalen Interessen zusammen, weshalb eine tiefgreifende Analyse zur Funktion dieses Erdteils in den Strategien amerikanischer und chinesischer Geopolitiker an dieser Stelle ebenso einer vereinfachenden Überblicksdarstellung Platz machen muss wie auch eine umfangreiche Analyse der Haltungen, welche die einzelnen Länder Südostasiens gegenwärtig gegenüber den beiden Großmächten einnehmen.

Südostasien gehören nach allgemeiner Lesart folgende Länder an: Myanmar, Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam, Malaysia, Singapur, Indonesien, die Philippinen, Brunei und Osttimor. Im Folgenden sollen einige dieser Staaten beleuchtet werden.

Südostasien aus Washingtons Perspektive

Funktionierende diplomatische Beziehungen, eine sich entwickelnde wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelle Austauschprogramme und Militärkooperationen mit Akteuren in Südostasien liegen prinzipiell im Interesse der USA. Auch der Vietnamkrieg war ja letztlich das Resultat einer geopolitisch motivierten Intervention Amerikas in der Region, weil man in Washington zu der Überzeugung gelangte, seine Interessen nicht mehr anders als mit militärischer Gewalt wahren zu können.

Der Aufstieg Chinas und dessen damit einhergehender wachsender wirtschaftlicher und politischer Einfluss in der südlichen Nachbarschaft hatte zur Folge, dass Südostasien in den vergangenen beiden Jahrzehnten in den Überlegungen amerikanischer Geostrategen wieder deutlich mehr Relevanz zukam – zu Lasten der seit dem Zweiten Weltkrieg dominanten Regionen des Nahen Ostens (Ölquellen) und Europas (Abwehr der Sowjetunion).

Das Konzept des „Indo-Pazifik“

Südostasien ist alleine schon aufgrund seiner geografischen Lage enorm bedeutsam. Die Region trennt in Ost-West-Richtung den Indischen Ozean vom Pazifischen ab und bildet in Nord-Süd-Richtung gewissermaßen eine insulare Brücke, die das kontinentale Ostasien mit Australien verbindet – einem wichtigen militärischen Verbündeten der USA, der allerdings signifikante Wirtschaftsbeziehungen mit China pflegt.

In dieser Kreuzungszone liegen mit der Straße von Malakka (zwischen Indonesien und Malaysia) sowie dem Südchinesischen Meer zudem zwei der für den Welthandel bedeutsamsten Meerengen und Schifffahrtswege.

Der aus dieser „indo-pazifischen“ Transferregion abgeleitete Begriff „Indo-Pazifik“ wurde 2007 von einem indischen Marinestrategen im Kontext indisch-japanischer Kooperationsbestrebungen geprägt und in die zeitgenössische geopolitische Literatur eingeführt – insbesondere mit Blick auf Indien, Japan, Australien und die USA in ihrer Funktion als Gegengewichte zu China.

Im Jahr 2017 schließlich stellte US-Präsident Donald Trump das geopolitische Konzept eines „Indo-Pacific“ vor. Auch wenn China nicht explizit erwähnt wurde, sind sich Analysten einig, dass der Begriff einen gegen China gerichteten Strategierahmen beschreibt. Interessanterweise verwenden chinesische Diplomaten den Begriff nicht, sondern sprechen stattdessen von der Region „Asia Pacific“.

Südostasien und die Strategie der Eindämmung Chinas

Südostasien kommt aus mindestens zwei Gründen eine herausragende Funktion beim Bestreben der US-Außenpolitik zu, Chinas wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aufstieg und Bedeutungsgewinn im Ausland zu bremsen oder ganz einzudämmen.

Erstens handelt es sich dabei um eine Region, in der Pekings Expansion – zumindest theoretisch – noch wirksam von außen Einhalt geboten werden kann. Um dies zu verstehen, muss man die geografischen Gegebenheiten beleuchten, in die China eingebettet ist:

Praktisch die gesamte östlich von China liegende Sphäre wird bereits von den USA dominiert, was aller Voraussicht nach auch mittel- bis langfristig so bleiben wird. Denn östlich von China erstreckt sich der riesige Pazifik und praktisch alle relevanten Staaten und Inseln in dieser Himmelsrichtung sind entweder enge US-Verbündete (Japan, Südkorea, Taiwan) oder gehören als Außengebiet (etwa die Pazifikinsel Guam mit ihrem US-Militärstützpunkt) oder als Bundesstaat (Hawaii) bereits zum amerikanischen Staatsterritorium.

Den Einflusszuwachs Chinas in Richtung Westen und Norden hingegen können die USA nicht wirksam aufhalten, weil ihnen in dieser Region schlichtweg die zuverlässigen Verbündeten fehlen. Die in westlicher Richtung gelegenen Staaten Innerasiens profitieren nicht nur von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Chinesen im Zuge des Jahrhundertprojekts der „Neuen Seidenstraße“, sondern viele davon werden traditionell von Russland – einem engen Verbündeten Chinas – politisch und kulturell geprägt. Nördlich von China erstecken sich die Weiten Russlands und der Mongolei, wo die Chinesen ebenfalls einen starken wirtschaftlichen Einfluss ausüben.

Während das „Rennen“ im Westen, Norden und Osten also mehr oder weniger „gelaufen ist“, wäre eine deutliche Ausweitung des amerikanischen Einflusses in den südlich von China gelegenen Ländern Südostasiens zumindest theoretisch leichter möglich und Peking könnte dadurch obendrein vom Zugang zum „Indo-Pazifik“ abgeschnitten werden.

Der zweite Grund, warum die USA Südostasien geopolitisch aufwerten und ihre Bemühungen dort in den vergangenen Jahren verstärkt hatten (man denke an Barack Obamas „Rebalancing towards Asia“) liegt an dessen Schlüsselstellung im System der „Maritimen Seidenstraße“ Chinas.

Dabei handelt es sich um die südlich verlaufende, maritime Komponente des chinesischen Seidenstraßenprojekts (offiziell „Ein Gürtel, eine Straße“) mit dem Ziel, ein über Seehäfen gespanntes Netz von Handelsverbindungen zwischen Südchina, Südostasien, Bangladesch, Sri Lanka, Indien, Pakistan und dem Iran in den Nahen Osten und an die Küsten Ostafrikas aufzubauen. Von den Golfstaaten aus verlaufen die Handelswege der maritimen Seidenstraße weiter durch das Rote Meer und den Suez-Kanal und findet in den Häfen von Piräus bei Athen und Trient in Norditalien Anschluss an das europäische Wegenetz.

Bauen die Amerikaner eine starke Position in Südostasien oder einzelnen besonders relevanten Ländern wie Malaysia und Indonesien auf, könnte der Verkehr entlang der Seidenstraße faktisch von der US-Navy kontrolliert oder im Notfall sogar blockiert werden.

Südostasien aus Pekings Perspektive

Spiegelbildlich zur gestiegenen Bedeutung der Region für den Konkurrenten USA nehmen die Länder Südostasiens auch eine wichtige Stellung in der chinesischen Geopolitik ein.

Südostasien – die Karibik Chinas

Dies liegt in erster Linie in dem offensichtlichen Umstand begründet, dass Südostasien in direkter Nachbarschaft zu China liegt. Mit Myanmar, Laos und Vietnam bildet die Volksrepublik über tausende Kilometer ihre Südgrenze. Welche politische Entwicklung die südlichen Nachbarn – vereint in der ASEAN-Organisation – nehmen, betrifft China also ganz unmittelbar. Am eindrucksvollsten äußert sich dieser Umstand in den aus unterschiedlichen Gebietsansprüchen im Südchinesischen Meer resultierenden Spannungen, die China, Taiwan, Vietnam, die Philippinen, Malaysia, Indonesien und das Sultanat Brunei in eine gefährliche Konkurrenz zueinander gebracht haben.

Hier bietet sich ein bildhafter Vergleich an: Was die Länder Mittelamerikas für die USA sind, sind die kontinentalen Staaten Südostasiens (Vietnam, Laos, Kambodscha, Thailand und Myanmar) für China – und die strategische Bedeutung der Karibischen Inseln für Amerika gleicht jener, welche das insulare Südostasien (die Philippinen, Malaysia, Indonesien und Brunei) für die chinesische Marine einnimmt.

Eine Präsenz der US-Armee im Südchinesischen Meer und in Südostasien wird in Peking folglich als Bedrohung der strategischen Souveränität, als Beweis für die Eindämmungspolitik und konkret militärisch als Verlängerung der über Japan, Südkorea und Taiwan geflochtenen „Inselkette“ nach Süden verstanden.

Wie bereits angedeutet stellt die Großregion Südostasien darüber hinaus eine Schlüsselregion für Chinas „Maritime Seidenstraße“ dar. Das Südchinesische Meer ist für deren Gelingen dabei ebenso zentral wie eine sichere Durchfahrt durch die Straße von Malakka oder die Meerengen zwischen den westlichen indonesischen Inseln. Zudem wird unabhängig vom Seidenstraßen-Projekt ein Großteil aller Rohstoff- und Energieimporte Chinas und ein Großteil der chinesischen Warenexporte durch die Straße von Malakka und das Südchinesische Meer transportiert – was im Übrigen auch für Japan, Südkorea und Taiwan gilt. Eine Folge davon ist, dass schätzungsweise 70 Prozent des weltweiten Handelsschiffverkehrs durch das Südchinesische Meer fließt.

Um ihre Abhängigkeit von dieser strategischen Schwachstelle zu vermindern, baute die chinesische Regierung ihre Zusammenarbeit mit Myanmar und Pakistan in der jüngeren Vergangenheit aus, um von dort aus Güter per Eisenbahn, Lastwagen oder Pipeline nach China zu transportieren. Damit verschaffte sich Peking indirekt Zugang zum Indischen Ozean und entkräftete die amerikanische Indo-Pazifik-Strategie zumindest teilweise. Auch Thailand könnte aufgrund seines Zugangs zur Andamanensee – einem Randmeer des Indischen Ozeans – in Zukunft möglicherweise eine ähnliche Rolle spielen.

Die Aushebelung der „Indo-Pacific“-Strategie gelingt auch noch mit anderen Mitteln, wie der georgische Analyst Emil Avdaliani schreibt: „Es gibt einen Vorbehalt, den man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man dieses neue Konzept (des Indo-Pazifik – der Verfasser) evaluiert. Es eine neue Politik der Eindämmung zu nennen, würde nicht funktionieren. China sollte beteiligt, nicht einfach vom indischen Ozean ferngehalten werden. Wäre China wie die frühere Sowjetunion – also nur ein militärisch sehr starker Akteur – dann wäre die Eindämmung ein sinnvoller Ansatz. Aber weil China ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft und insbesondere kritisch wichtig für die Wirtschaft der Indo-Pazifik-Region ist, würde eine Eindämmungspolitik wahrscheinlich nicht die jene Resultate hervorbringen, die sie zur Zeit des Kalten Krieges zeitigte.“

Kulturelle, historische und ethnische Bande nach Süden

Ein wichtiger Aspekt, auf den häufig bei Betrachtungen über die Beziehungen zwischen China und den südostasiatischen Staaten zu wenig eingegangen wird, sind die alten Bande, welche beide Seiten miteinander verbinden.

Die Chinesen treiben seit Jahrtausenden Handel mit den in Südostasien ansässigen Völkern. Diese Handelskontakte waren die Basis für die diplomatischen Beziehungen, politischen Bündnisse, ethnischen Vermischungen und kulturellen Transferleistungen der vergangenen Jahrhunderte. Ihr Umfang kann nur stichwortartig wiedergegeben werden. Beispielsweise unterstand Vietnam beinahe 1.000 Jahre lang chinesischen Dynastien – eine Ära, welche die vietnamesische Kultur entscheidend prägte. Zum heutigen Kambodscha wurden im 13. Jahrhundert diplomatische Beziehungen aufgebaut, zu den muslimischen Sultanaten im heutigen Malaysia im frühen 15. Jahrhundert.

Ein Erbe der Handelsbeziehungen Chinas mit Südostasien sind die großen Gemeinden von Auslandschinesen in praktisch allen Ländern der Region, deren Vorfahren einst aus Südchina als Händler kamen und deren Nachkommen bis heute geblieben sind. Schätzungen zufolge haben 20 bis 40 Prozent aller Thailänder chinesische Vorfahren und 75 Prozent aller Einwohner Singapurs sind ethnische Chinesen. Große Gemeinschaften von Übersee-Chinesen leben zudem in Malaysia (rund 7 Millionen), Indonesien (rund 3 Millionen), Myanmar (1,6 Millionen), den Philippinen (1,3 Millionen), Vietnam (etwa 1 Million), Kambodscha (mindestens 300.000) und Laos (rund 200.000). Daneben fanden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte Vermischungen zwischen Chinesen und den angestammten Völkern statt.

China verfügt daher im Gegensatz zu den USA über mehrere Jahrhunderte lang gewachsene Strukturen und Kulturbeziehungen mit der Region, deren Bedeutung für die Politik des 21. Jahrhunderts nicht unterschätzt werden sollte.

Teil 2 des Artikels lesen Sie hier.


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