Deutschland

Bundesagentur: Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt sprunghaft an

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in den vergangenen 12 Monaten sprunghaft angestiegen. Inzwischen plagen breite Bevölkerungsschichten Geldsorgen.
08.02.2021 10:25
Aktualisiert: 08.02.2021 10:25
Lesezeit: 2 min

Die Bundesagentur für Arbeit befürchtet einen dauerhaften Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit in der Corona-Krise. Allein seit Anfang 2020 habe sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen um rund ein Drittel erhöht, sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, Detlef Scheele, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in der vergangenen Woche. „Die Zahl der Langzeitarbeitslosen war vor der Pandemie auf unter 700 000 gesunken, inzwischen ist sie wieder auf über 900 000 gestiegen“, sagte Scheele.

Digitalisierung verschärft Lage von Hilfsarbeitern

„Ich befürchte, dass wir es erstmals seit den Arbeitsmarktreformen der 2000er-Jahre wieder mit steigender Sockelarbeitslosigkeit zu tun bekomme“, wird der Arbeitsmarktexperte zitiert. Sockelarbeitslosigkeit bezeichnet eine verfestigte Arbeitslosigkeit, die sich auch in einem Aufschwung nicht einfach wieder abbaut. Als langzeitarbeitslos zählen Menschen, die ein Jahr oder länger vergeblich auf Stellensuche sind.

„Wir haben es diesmal nicht nur mit einem Konjunkturtief zu tun, das vorüberzieht - die Pandemie beschleunigt die Transformation“, sagte Scheele. Mit dem technologischen Wandel nehme nun insbesondere das Angebot an einfacheren Tätigkeiten ab. „Das betrifft insbesondere Helfertätigkeiten, vor allem in der Industrie“, erläuterte er.

In den Jahren vor der Pandemie habe es geradezu einen „Boom an Arbeitsplätzen für Un- und Angelernte gegeben“, erläuterte der BA-Chef. „Das hat vielen Arbeitssuchenden den Einstieg erleichtert, zum Beispiel auch Geflüchteten.“ Diese arbeitsmarktpolitisch bislang günstigen Bedingungen drohten sich nun aber „schnell und dauerhaft“ zu ändern, warnte er. „Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt mit gezielter Weiterbildung schnell neue Perspektiven eröffnen können“, sagte Scheele und sprach sich damit für einen breiten Einsatz entsprechender Förderinstrumente in den Arbeitsagenturen aus.

Studie: Kurzarbeiter haben Existenzsorgen

Durch millionenfache Kurzarbeit ist ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland in der Corona-Krise bisher vermieden worden. Dennoch haben viele Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter Existenzsorgen, wie eine am Freitag veröffentlichte Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergab.

Fast die Hälfte (48 Prozent) der Kurzarbeiter bewerteten ihre finanzielle Situation im November als stark belastend, wie das WSI gestützt auf eine repräsentative Online-Befragung von mehr als 6100 Erwerbstätigen und Arbeitssuchenden berichtete. Die Quote sei damit fast vier Mal so hoch wie bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne Kurzarbeit und nicht viel niedriger als bei Arbeitslosen. Mehr als die Hälfte der Kurzarbeiter hätten Existenzängste.

Kurzarbeit habe gesamtwirtschaftlich eine große positive Wirkung, weil sie Beschäftigung sichere und Unternehmen ermögliche, nach Abklingen der Krise mit eingespielten Belegschaften durchzustarten, betonten die Verfasser der Studie, Toralf Pusch und Hartmut Seifert. Auch individuell sei die Situation von Beschäftigen in Kurzarbeit besser als die von Arbeitslosen.

Dennoch sei angesichts des historisch beispiellosen Umfangs von Kurzarbeit in der Corona-Krise bei etlichen Kurzarbeitenden „mit sich im Laufe der Zeit verschärfenden sozialen Problemen zu rechnen“, warnten die Wissenschaftler. Denn die finanziellen Rücklagen seien vielfach mittlerweile aufgebraucht oder gingen allmählich zur Neige.

Die finanziellen Probleme sorgen bei etlichen Kurzarbeitenden der Studie zufolge für Existenzängste, 53 Prozent berichten davon. Zum Vergleich: Bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne Kurzarbeit waren es „nur“ knapp 17 Prozent. Ein wesentlicher Grund für die häufigen Sorgen um die eigene wirtschaftliche Zukunft dürfte Pusch und Seifert zufolge die von rund 44 Prozent der Kurzarbeitenden geäußerte Furcht sein, doch noch arbeitslos zu werden. In der Gruppe der Beschäftigten ohne Kurzarbeit fürchtete das nur jeder Zehnte.

Weitere Informationen:

Das Interview aus der FAZ mit Herrn Scheele finden Sie hier.

Zur Studie der Hans Böckler-Stiftung gelangen Sie hier.

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