Weltwirtschaft

China liefert Hardware, Amerika die Cloud: Europa befindet sich in der technologischen Knechtschaft - und will daran nicht ändern

Lesezeit: 7 min
20.02.2021 10:40  Aktualisiert: 20.02.2021 10:40
Europa sieht sich derzeit mit einem Problem konfrontiert, von dem niemand erwartet hätte, dass es jemals auftauchen könnte. Das nimmt DWN-Kolumnist Ronald Barazon zum Anlass, die europäische Abhängigkeit von chinesischer und amerikanischer Technologie grundsätzlich zu hinterfragen.
China liefert Hardware, Amerika die Cloud: Europa befindet sich in der technologischen Knechtschaft - und will daran nicht ändern
Dieser Staren-Schwarm bildet eine wunderschöne Wolke. Europas Abhängigkeit von den "Clouds" der US-Software-Giganten ist dagegen alles andere als schön. (Foto: dpa)

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Computer, Festplatten und sonstige elektronische Bestandteile: Sie sind derzeit in Europa kaum zu bekommen, und die Lieferfristen dauern Monate. Der Grund: China, wo die meisten dieser Elemente hergestellt werden, hatte monatelange Produktionsausfälle. Die vielen Berichte, wonach die Volksrepublik Covid-19 souverän beherrscht hätte, dürften also falsch gewesen sein. Damit nicht genug: Der Schneesturm in den USA legt derzeit die in Texas konzentrierte amerikanische Produktion lahm, wodurch sich die Situation auf dem Weltmarkt noch mehr verschärft. Das heißt, dass Europa nichts anderes übrigbleibt, als sich in Geduld zu wiegen und auf Nachschub zu warten. Aber dieses akute Phänomen ist genaugenommen nur die Spitze des Problem-Eisbergs. Wie hilflos der „alte“ Kontinent ist, zeigt sich vor allem an der jüngsten Entwicklung des Internets: Man muss für eine Vielzahl von Leistungen Gebühren entrichten – und die Höhe dieser Gebühren bestimmen die amerikanischen Internet-Giganten. Europas Lösung: Statt sich der Konkurrenz mit eigenen Leistungen zu stellen, belegt Brüssel Google und Co mit Milliarden-Strafen – die den unendlich reichen Konzernen jedoch nicht viel mehr als ein müdes Lächeln entlocken. Doch es kommt noch schlimmer: Der Siegeszug der „Cloud“ macht die Europäer vollends zu Bittstellern.

China ist kein Billiglohnland mehr. Warum wird nicht in Europa produziert?

Dass elektronische Produkte nicht in Europa hergestellt werden, hat einen simplen Grund. Die Erzeugung in Fernost war bisher immer sehr preisgünstig. Kaum beachtet wird allerdings der Umstand, dass die dortigen Lohnkosten in letzter Zeit kräftig gestiegen sind, vor allem in China, und man mittlerweile zu vergleichbaren Konditionen innerhalb der EU produzieren könnte, etwa in Slowenien, in Portugal, in Ungarn und in einigen weiteren Staaten. Dass die Arbeitnehmer im fernen Asien mit einem Bettel abgespeist werden können – von diesem Gedanken dürfen und sollten sich die Europäer endlich mal freimachen.

Dazu kommt, dass bei einer europäischen Produktion auch keine hohen Kosten für die Logistik anfallen würden. China verdient übrigens gleich doppelt: Zum einen an der Herstellung, zum anderen am Transport. Angesichts der gewaltigen Menge an Waren und des dringenden Bedarfs sind sowohl der Transport auf der „Neuen Seidenstraße“ mit dem Endpunkt der Bahnstrecke in Duisburg sowie der Schiffstransport zum Hafen in Piräus ein Bombengeschäft.

„Cloud“ ist eine irreführende Umschreibung für die Errichtung gigantischer Fabriken

Die Entwicklung der Computer-Welt schreitet in Riesenschritten voran, und derzeit ist die Produktion von PCs und anderen Geräten (also von Hardware) gar nicht das Thema Nummer eins, mit dem man sich befassen muss (der derzeitige Liefermangel wird ja in absehbarer Zukunft wieder vorbei sein). Viel wichtiger ist die explosionsartige Zunahme des Bedarfs an IT-Leistungen, die die Kapazitäten der in den Unternehmen und Institutionen vorhandenen Computer schlichtweg überfordern. Deswegen werden immer mehr Aufgaben an große Rechenzentren ausgelagert, wo der einzelne Kunde die benötigte Kapazität mietet und den Vorteil genießt, dass von der Errichtung bis zur Wartung alles besorgt und die eigene Firma auf diese Weise entlastet wird.

Allerdings haben sich diese Einrichtungen zu gigantischen Anlagen entwickelt und treten gerade in eine weitere extreme Wachstumsphase ein. Somit werden die Zentren zu riesigen Fabriken mit einem enormen Strombedarf, der den Einsatz ganzer Kraftwerke erfordert. Die gewaltige Menge an Computer muss gekühlt werden und nimmt dafür das Wasser ganzer Flüsse in Anspruch. Auch auf dem Meeresboden werden derartige Zentren installiert, was zur schädigenden Erwärmung der Meere beiträgt.

Bezeichnet wird dieses riesige System als „Cloud“, als „Wolke“, womit der Eindruck vermittelt wird, es handle sich um eine luftige Angelegenheit, gleichsam um Zauberei. Das Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich um die Fabriken des 21. Jahrhunderts, die sehr wohl auch in Europa errichtet werden. Schließlich sollen die Computer nicht zu weit weg von den Nutzern stehen, darüber hinaus über eine gesicherte Stromversorgung und eine verlässliche Kühlung verfügen. Das bieten die europäischen Staaten und die dort angesiedelten Energieversorger. Wer die Fabriken errichtet: Europäer kaum – diese Welt wird von Microsoft und Facebook, von Google, Apple und Amazon dominiert.

Wartet man nur darauf, bis die erste Großstadt im Dunkeln versinkt?

Die Cloud-Fabriken brauchen enorm viel Strom, sodass die Energiewirtschaft gefordert ist. Durch die Schließung von Atom- und nun auch von Kohle-Kraftwerken leidet die Stromversorgung immer mehr unter den Schwankungen der alternativen Produktion. Also wird es in Zukunft notwendig sein, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, Abschaltungen vorzunehmen. Eine Frage: Wem wird dann der Strom abgeschaltet, der Cloud oder den Privat-Haushalten?

Man sieht also unbekümmert zu, wie die Cloud die Energieversorgung und den Umweltschutz in Frage stellt. Das passt ins Gesamtbild. Schließlich wird auch nicht darüber nachgedacht, woher der Strom kommen soll, der für die Erreichung des vom Staat angestrebten Ziels „Elektro-Mobilität“ notwendig ist. Oder warten die Politiker und Energie-Manager einfach, bis der Traum von der Energie aus Sonne und Wind an der mangelnden Versorgungssicherheit scheitert? Bis die Strom-Rationierung das Licht für einige Stunden oder gar Tage kappt und halb Deutschland im Dunkeln liegt? Und dann in voller Lautstärke der Bau von Kraftwerken gefordert wird, egal ob in der Variante Kohle, Gas oder Atom.

Verbraucher und Unternehmen sind den amerikanischen Internet-Anbietern hilflos ausgeliefert

Die Abhängigkeit der Verbraucher von den Cloud-Anbietern wächst ständig. Das gilt sowohl für den Privathaushalt wie für den Großkonzern. Doch diese Abhängigkeit wird in ihrer Dimension nicht erkannt, da die Betreiber der Cloud-Fabriken neue Kunden gewinnen wollen und daher – vorerst noch – mit Schalmeien-Tönen werben und interessante, attraktive Konditionen anbieten.

Wie die diesbezügliche Zukunft aussieht, kann man an der Praxis ablesen, die bei den meisten Programmen schon seit langer Zeit gang und gäbe ist ist: Kaum ein Programm von Microsoft oder einer anderen großen Software-Firma kann man noch kaufen. Fast alle muss man mieten und monatlich den geforderten Betrag zahlen – geschieht dies nicht pünktlich, wird der Zugang gekappt. Die ständigen Up-Dates erzwingen zudem laufend den Kauf neuer Computer, da auf den älteren die neuen Programm-Versionen nicht mehr funktionieren.

Die Situation erinnert an die Anfänge der industriellen Revolution im neunzehnten Jahrhundert, als die Arbeiter aus den ländlichen Gebieten auf der Suche nach Arbeit in die Städte zogen, dort schlecht bezahlt wurden und dem Zinswucher der Hausherren ausgeliefert waren.

Nicht übersehen darf man übrigens dabei, dass die wenigen erfolgreichen europäischen Software-Unternehmen ebenfalls kräftig für ihre Leistungen kassieren und etwa bei Web-Shops keineswegs zimperlich Provisionen für jede über sie verkaufte Ware berechnen.

Politik und Justiz können die Marktmacht erfolgreicher Firmen nicht brechen

Wie sieht nun die Reaktion aus? Man ruft nach der Politik, nach den Gerichten. Die öffentliche Hand ist dann auch tatsächlich aktiv. Mittels hoher Geldstrafen versucht sie, den „Missbrauch der Marktmacht“ durch die Internet-Giganten zu bekämpfen. Auch Prozesse werden geführt. Beide Elemente sind auch in den USA, der Heimat der meisten Giganten, im Einsatz: In Amerika wird ebenfalls die Geschäftspolitik der neuen Großkapitalisten auf politischer und juristischer Ebene bekämpft. So hat beispielsweise Apple das Spiel „Fortnite“ aus seinem Store entfernt, was den Entwickler „Epic Games“ dazu veranlasst hat, in den USA vor Gericht zu ziehen und in Europa den Wettbewerbshüter EU-Kommission anzurufen.

Doch eins steht jetzt schon fest: Mit Kartell- und Wettbewerbsrecht kann man erfolgreiche Unternehmen nicht in die Knie zwingen. Das hat nicht zuletzt der berühmteste Fall, die Zerschlagung des Rockefeller-Konzerns „Standard Oil“ im Jahre 1911 in 34 Einzelgesellschaften, gezeigt. Die Unternehmen blieben nämlich im Hintergrund verbunden und wurden nach und nach wieder fusioniert. Die Umbenennung von „Standard Oil“ über die Koppelung der beiden Anfangsbuchstaben S und O zu „Esso“ war nur einer der zahlreich angewandten Tricks.

Gegen Giganten hilft nur ein kraftvoller Wettbewerb der Kreativen und Tüchtigen

gDie einzig erfolgreiche Waffe gegen Mono-und Oligopole ist ein kraftvoller Wettbewerb, der allerdings nicht staatlich verordnet werden kann. Entscheidend sind die Kreativität und die Tüchtigkeit von Einzelpersonen. In der EU-Kommission herrscht die Meinung vor, man könne Kreativität und Tüchtigkeit mit Subventionen auslösen. Gerade jetzt will man die Digitalisierung und die Umwelttechnik kräftig „fördern“. Als ob sich in Brüssel niemand mehr an das Projekt „Quaero“ erinnern könnte: Von 2005 bis 2013 wurden ergebnislos Millionen ausgegeben, um ein europäisches Google zu erzwingen – natürlich völlig umsonst. Staatliche Plan- und Förderwirtschaft funktioniert nicht, das sollte man ein- für allemal zur Kenntnis nehmen!

Aktionen wie das Quaero-Projekt lassen außerdem den Eindruck entstehen, dass die Europäer weniger genial, weniger kreativ, weniger einfallsreich wären als die Amerikaner. Das stimmt nicht. Die Zahl der europäischen Ideen, Erfindungen und Entwicklungen ist Legion. Auch der entscheidende Impfstoff gegen Covid-19 auf der Basis der Boten-RNA wurde von einem europäischen Unternehmen entwickelt, nämlich „Biontech“, und das sogar in einem gesellschaftlichen und politischen Umfeld, das die Gentechnik ablehnt. Es gibt aber ein großes Problem: Die meisten Erfindungen werden nicht produktionsmäßig umgesetzt, sondern rasch an einen internationalen Konzern verkauft. Beispielsweise Biontech: Das Unternehmen hat zwar nicht verkauft, aber doch den US-Konzern „Pfizer“ als Partner gebraucht, um seinem Impfstoff den internationalen Durchbruch zu ermöglichen.

In Europa werden Unternehmen in unerträglicher Weise behindert

Somit stellt sich die Frage, warum Europa im internationalen Wettbewerb zurückfällt. Die Antwort: Hier sind die Bedingungen für den Aufbau eines Unternehmens schlicht und ergreifend unzureichend. Es fängt mit den umfangreichen behördlichen Vorschriften bei der Gründung an und setzt sich mit dem Fehlen eines funktionierenden Marktes für Risiko-Kapital fort. Schafft ein Gründer es dennoch, erfolgreich zu sein, schlägt das Finanzamt zu – und zwar heftig. Und bevor wir es vergessen: Die vielen Regulierungen, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene, wirken durchgehend als kräftiger Hemmschuh.

Was die Politik angeht: Sie ist darauf abgestellt, diese überholten Strukturen zu bewahren. Das zeigt sich übrigens nicht zuletzt an den Maßnahmen, die betrieben werden, um die Folgen der Corona-Krise zu bekämpfen. Über ganz Europa wird ein gigantischer Geldsegen ausgeschüttet, um die Zeit bis zur Wiederherstellung der „Normalität“ zu überbrücken.

Die Normalität lautet aber: Europa wurde in den vergangenen Jahren mit wenigen Ausnahmen zum Kontinent der Mieter und Knechte, die von den USA und von China abhängig sind. Der Weg aus dieser Misere führt nur über das freie, kreative und ungehinderte Unternehmertum. Die Kreativen müssen sich entfalten können und in der Lage sein, den Sprung vom Start-Up zum arrivierten Betrieb mit professioneller Administration, funktionierender Finanzierung und aktivem Marketing zu schaffen. Merke: Wenn der erste Gewinn bereits der Steuerkeule zum Opfer fällt, dann baut sich kein Kapital auf, das für die nächste Investition, das nächste Forschungsprojekt benötigt würde. Und was auch noch erwähnt werden muss: Eine Mentalität, die jedem Erfolg mit Neid und jedem Misserfolg mit Häme begegnet, schafft kein innovatives, wirtschaftsfreundliches Klima.

Für das Virus werden Milliarden in Bewegung gesetzt. Für Start-Ups nicht.

Interessant ist, dass seit Jahren und Jahrzehnten in Europa erklärt wird, es sei kein Geld zur Verfügung, man könne die Steuerschraube nicht lockern, man müsse den Staat ausreichend dotieren, um die großzügigen Sozialleistungen finanzieren. Plötzlich jedoch schlägt ein Virus zu und dann – ja, dann steht Geld ohne Ende zur Verfügung. Man kommt mit dem Zählen der Milliarden, die da anscheinend problemlos locker gemacht werden können, kaum noch nach. Ähnliche Aktionen zur Entlastung und Belebung der Wirtschaft durchzuführen – das kam den Verantwortlichen nie in den Sinn, kommt ihnen derzeit nicht in den Sinn und wird ihnen voraussichtlich niemals in den Sinn kommen. Ist der derzeitige Geldverteilungsrausch erstmal vorbei, dann werden die europäischen Finanzminister wieder die Schrauben anziehen, um die Staatskassen zu füllen. Und die Kreativen und Tüchtigen werden weiterhin keine Luft zum Atmen haben.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.



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