Weltwirtschaft

Chinas Bevölkerungsrückgang hat Folgen für die ganze Welt

Lesezeit: 3 min
16.05.2021 10:57
Erstmals seit der großen Hungersnot unter Mao vor 60 Jahren schrumpft die chinesische Bevölkerung nun wieder. In der Folge droht dem Land der wirtschaftliche Abstieg, ähnlich wie Japan seit den 90er Jahren.
Chinas Bevölkerungsrückgang hat Folgen für die ganze Welt
Auch in China geht die Zahl der Geburten zurück. (Foto: dpa)
Foto: Ng Han Guan

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

China ist in vieler Hinsicht auf einem ganz anderen Weg als der Westen - sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch in zwei entscheidenden Punkten steht das Land vor den gleichen Problemen wie wir. Zum einen ist dies die immense Schuldenlast und zum anderen ist es die niedrige Geburtenrate. Vor diesem Hintergrund kommen durchaus Zweifel auf an der Aussage von Chinas Präsident Xi Jinping, dass "der Osten aufsteigt und der Westen untergeht".

China steht vor dem ersten Bevölkerungsrückgang seit der Hungersnot von 1959 bis 1961, als die Wirtschaftspolitik unter Führung von Mao Zedong den Tod von 10 Millionen Menschen zur Folge hatte. Damals wurden große Teile der Ernte exportiert oder gehortet, obwohl Millionen Menschen im Land hungerten. Der aktuelle Bevölkerungsrückgang in dem Land ist aber nicht auf eine Hungersnot zurückzuführen und auch Chinas Ein-Kind-Politik ist nicht die primäre Ursache.

Denn die strenge Familienplanungspolitik zur Reduzierung der Geburtenrate in dem bevölkerungsreichsten Landes der Welt ist bereits im Jahr 2015 gelockert worden. Längst dürfen Paare wieder zwei statt nur einem Kind bekommen. Und selbst unter der Ein-Kind-Politik, die in den späten 1970er Jahren eingeführt worden war, wuchs die chinesische Bevölkerung, da es eine große Anzahl junger Menschen gab, die ein Kind bekamen, und weil die Lebenserwartung anstieg.

Die jüngste chinesische Volkszählung, die im Dezember abgeschlossen wurde, ist noch nicht veröffentlicht worden. Doch Insider sagen laut einem Bericht der Financial Times, dass die Gesamtbevölkerung des Landes wohl auf weniger als 1,4 Milliarden Menschen geschrumpft ist. Diese Marke war im Jahr 2019 erstmals überschritten worden. Nun könnte China im Hinblick auf die Bevölkerung bald von Indien übertroffen werden, wo geschätzt 1,38 Milliarden Menschen leben.

Eigentlich war die Veröffentlichung der chinesischen Volkszählung aus dem letzten Jahr bereits für Anfang April geplant. Doch die Behörden zögern noch. Die verschiedenen Behörden des Landes wollen offenbar zunächst noch über die möglichen Auswirkungen der Daten beraten. Ein Sprecher des Nationalen Statistikbüros sagte, dass die Verzögerung der Veröffentlichung zum Teil auf die Notwendigkeit "weiterer Vorbereitungen" vor der offiziellen Bekanntgabe zurückzuführen sei.

"Die Ergebnisse der Volkszählung werden einen großen Einfluss darauf haben, wie das chinesische Volk sein Land sieht und wie verschiedene Regierungsabteilungen arbeiten", zitiert die Financial Times Huang Wenzheng, einen Mitarbeiter der Pekinger Denkfabrik Center for China and Globalization. "Das Tempo und das Ausmaß von Chinas demografischer Krise sind schneller und größer, als wir es uns vorgestellt haben", so Huang. "Das könnte katastrophale Auswirkungen auf das Land haben."

Ein Bevölkerungsrückgang könnte sich auf alles auswirken, vom Konsum bis zur Altenpflege. Offizielle chinesische Daten zeigen, dass die Zahl der Neugeborenen im Jahr 2016 anstieg, dann aber in folgenden drei Jahren wieder gesunken ist. Offizielle Stellen machten für den Rückgang eine schrumpfende Zahl junger Frauen und die steigenden Kosten für die Kindererziehung verantwortlich. Zudem könnten die tatsächlichen Zahlen noch schlimmer sein.

In einem aktuellen Bericht schätzt Chinas Zentralbank, dass die Gesamtfertilitätsrate oder die durchschnittliche Anzahl der Kinder, die eine Frau in ihrem Leben haben wird, weniger als 1,5 beträgt. Das ist deutlich weniger als die offizielle Schätzung von 1,8 Kindern pro Frau. "Es ist fast eine Tatsache, dass China seine Geburtenrate überschätzt hat", so die People's Bank of China. "Die Herausforderungen, die Chinas demografischer Wandel mit sich bringt, könnten größer sein als erwartet."

Ein anonymer Regierungsberater sagte gegenüber der Financial Times, dass solche Überschätzungen zum Teil daher rühren, dass das Steuersystem Bevölkerungszahlen benutze, um Budgets festzulegen. "Es gibt einen Anreiz für die lokalen Regierungen, ihre Bevölkerungszahlen hochzuspielen, damit sie mehr Mittel bekommen", so der Insider.

Die Einführung der Zwei-Kind-Politik in China im Jahr 2016 zeigte praktisch keine Auswirkungen. So sank die Zahl der Neugeborenen im Jahr 2019 im Jahresvergleich um 580.000 auf nur noch 14,65 Millionen. Daher empfiehlt der Bericht der chinesischen Notenbank, dass die Regierung die Familienplanung ganz abschaffen soll. Zugleich wird jedoch eingeräumt: "Politische Lockerungen werden wenig nützen, wenn niemand mehr Kinder haben will."

Laut Mark Williams, einem Ökonomen bei Capital Economics, haben die niedrigen Geburtenraten tief verwurzelte demografische und soziale Ursachen, die schwer umkehrbar sind. Tatsächlich begann der Rückgang der Geburtenrate bereits vor der Einführung der Ein-Kind-Politik in den späten 1970er Jahren. Und in Korea und Thailand sind die Fertilitätsraten sogar noch etwas niedriger als in China. Auch in den meisten westlichen Staaten liegen sie auf historischen Tiefständen. In Deutschland etwa lag die Fertilitätsrate letztes Jahr bei unter 1,6 Kindern pro Frau.

China befindet sich heute in einer ähnlichen Lage wie Japan in den späten 1980er Jahren, kurz vor seinem "verlorenen Jahrzehnt", als das Land in der Folge des Platzens der Finanzblase Ende 1991 eine wirtschaftliche Stagnation verzeichnete, die ein Jahrzehnt andauerte und die praktisch bis heute anhält. Denn trotz erheblicher Unterstützung durch die japanische Notenbank wächst die Wirtschaft in dem Land seit inzwischen drei Jahrzehnten viel langsamer als noch in den 80er Jahren.

Das Wirtschaftswachstum hängt entscheidend davon ab, wie viele Arbeiter und Konsumenten es gibt und wie groß die Produktivität ist. China droht eine Deflation ähnlich wie in Japan, wo die sich verschlechternde Demografie eine Erhöhung der privaten und staatlichen Schulden nach sich zog sowie ein schwaches Wirtschaftswachstum. Das Wachstum in China dürfte also künftig viel schwächer sein als vor Corona, und eine schwache chinesische Wirtschaft wäre eine erhebliche Belastung für die Weltwirtschaft insgesamt.


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Deutsche Bank warnt vor explodierender Inflation - "Weltwirtschaft sitzt auf einer Zeitbombe"

Der globale Chef-Ökonom der Deutschen Bank sieht den Anbruch einer gefährlichen neuen Phase der Wirtschaftspolitik gekommen, da die...

DWN
Finanzen
Finanzen Bernegger analysiert: Die Inflation ist da - und sie wird schlimmer werden

DWN-Kolumnist Michael Bernegger zeigt auf, wie sich die Inflation entwickeln wird.

DWN
Deutschland
Deutschland Spielerberater: „Auch die Vereine profitieren von uns“

Spielerberater haben generell nicht den besten Ruf. Zu Unrecht, findet Thies Bliemeister. Im Interview mit den DWN erläutert der Inhaber...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschland braucht mehr Strom als berechnet – was bedeutet das?

Bei den bisherigen Annahmen, wie viel Strom das Land braucht, liegt man ordentlich daneben. Doch wie soll der erhöhte Strombedarf gedeckt...

DWN
Politik
Politik USA und Russland werden die Arktis unter sich aufteilen

In der Arktis werden die USA und Russland die EU und China voraussichtlich verdrängen. Deutschland könnte sich dennoch an...

DWN
Technologie
Technologie Bayerische Hightech-Schmiede bekämpft mit Mikroorganismen den Klimawandel - und begeistert neue Investoren

Viele Produkte, die wir täglich anwenden, basieren auf Petrochemie, beispielsweise Arzneimittel oder Kleidungsstücke. Bei ihrer...

DWN
Politik
Politik Biden reicht Putin die Hand - um gemeinsam gegen China vorzugehen

Joe Biden verfolgt auf seiner Europa-Reise nur ein Ziel: Eine amerikanisch-europäisch-russische Allianz gegen China zu schmieden. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Bernegger analysiert: Droht uns die Inflation?

DWN-Kolumnist Michael Bernegger analysiert die konjunkturelle Lage.