Wirtschaft

Schöne neue Fußballwelt: Pseudo-Fans bringen Milliarden ein

Die Profi-Vereine brauchen in Zukunft keine Stadionbesucher mehr. Auch den Rückgang der TV-Einnahmen können sie verschmerzen. Geld verdienen werden sie nämlich auf ganz andere Weise.
23.05.2021 12:58
Aktualisiert: 23.05.2021 12:58
Lesezeit: 6 min

Im deutschen Profi-Fußball geht die Angst um: Corona senkt die Umsätze massiv. Und auch die Einschaltquoten der TV-Übertragungen sind rückläufig, was die Frage aufwirft: Wenn die Pandemie vorbei ist – wie viele Zuschauer kehren dann ins Stadion zurück, wie viele setzen sich wieder vor den Bildschirm? Aber: Die Vereine können sich beruhigen. Langfristig brauchen Sie nämlich gar keine Fußball-Fans mehr.

Zunächst einmal die wirtschaftlichen Daten: Sehr lange Zeit kannte die Umsatzentwicklung der 1. Bundesliga nur eine Richtung: nach oben. Dann kam Anfang 2020 Covid – und die Erlöse der 18 Vereine gingen zum ersten Mal seit vielen Jahren zurück – und zwar von 4,019 Milliarden Euro in der Saison 2018/19 auf 3,802 Milliarden in der Saison 2019/20. Ein Minus von 207 Millionen – in Prozent ausgedrückt: 5,15. Und dieses Minus wurde in einer Spielzeit verzeichnet, deren Vorrunde noch unter regulären Bedingungen ausgetragen wurde. Wie hoch wird der Rückgang erst ausfallen in der Saison 2020/21, in der die Begegnungen durchgehend ohne Zuschauer stattfinden?

Ein Leben ohne Fußball

Was die TV-Einschaltquoten angeht: Sie sanken 2020 erheblich. Davon waren vor allem die Spiele der Nationalmannschaft betroffen, aber auch die Übertragungen von Spielen der europäischen Wettbewerbe sowie von Begegnungen zwischen deutschen Teams (Bundesliga und DFB-Pokal). So vermeldete beispielsweise die ARD, dass sich andere Sportarten wie Skispringen und vor allem Handball viel häufiger als sonst unter den meistgesehenen Sendungen platzierten konnten – aber nicht, weil sie verstärktes Interesse generierten, sondern weil das Interesse am Fußball sich rückläufig entwickelte.

Was wird geschehen, wenn sich im Laufe der nächsten oder spätestens der übernächsten Saison die Stadien wieder öffnen? Werden die „ausgehungerten“ Fans wieder zu den Spielen strömen wie vor der Pandemie? Das ist eine naheliegende Annahme – aber wie lässt sich dann das nachlassende Interesse bei den TV-Übertragungen erklären? Wie viele Leute werden, weil sie sich an die Corona-bedingten Einschränkungen gewöhnt und sie akzeptiert haben, aus Angst vor einer Ansteckung auf den Stadion-Besuch (vorerst) verzichten? Und was ist mit denjenigen, für die der Fußball die mit Abstand wichtigste, im Grunde einzige Wochenend-Beschäftigung war? Die jeden Sonnabendnachmittag ins Bundesligastadion pilgerten, abends das Aktuelle Sportstudio guckten und sich am Sonntag nach dem Mittagessen ins Vereinsheim ihres Amateurclubs aufmachten, das Spiel anschauten und den Tag fachsimpelnd ausklangen ließen. Wie haben diese Menschen in den vergangenen 15 Monaten ihre Wochenenden verbracht? Sicherlich nicht alle, aber doch nicht wenige von ihnen haben sich wohl, aus der Not heraus, eine neue Freizeitbeschäftigung gesucht – und im Laufe der Zeit festgestellt, dass ein Leben ohne Fußball möglich ist.

Natürlich sind das alles nur Spekulationen, das hier skizzierte Szenario ist zugegebenermaßen ein sehr düsteres. Möglicherweise tritt es nicht ein, und der Profi-Fußball wird nach Corona der Gleiche sein wie vor Corona. Jawohl, vielleicht wird alles wieder gut – vielleicht aber auch nicht. Im Laufe der Pandemie wurde von den Clubs immer wieder das Prinzip Hoffnung beschworen. Aber ein Wirtschaftszweig, der für seine Zukunft primär auf Hoffnung setzt, ist alles andere als solide und gefestigt.

Die Kommerzialisierung: Der Fußball zerstört sich selbst

Zumal es eine ganze Reihe von Entwicklungen gibt, die für das Wiederaufflammen der Begeisterung alles andere als förderlich sind. Da ist zum einen das Verhalten der Spieler, Verbände und Verantwortlichen während der Pandemie: Die Fußballmillionäre durften – anders als viele Angestellte, die in Kurzarbeit gingen, und Selbstständige, die ihre Unternehmen schließen mussten – ihrem Beruf weiter nachgehen und fielen immer wieder durch Verstöße gegen die Corona-Regeln in ihrem Privatleben auf. Die Teilnehmer an den internationalen Wettbewerben reisten kreuz und quer durch Europa, während die überwiegende Mehrheit der Bürger in ihren Wohnungen eingesperrt unter Lockdown-Maßnahmen litt. Und Bayern München-Chef Karl-Heinz Rummenigge schlug vor, Fußballer als erste zu impfen – angeblich, um auf diese Weise dem Rest der Bevölkerung die Angst vor etwaigen Nebenwirkungen zu nehmen.

Weiterhin ist da eine Nationalmannschaft, bei der Anspruch und sportliche Wirklichkeit massiv auseinanderklaffen (man denke nur an Jogi Löws Statement vor der WM 2018, dass sein Kader der beste sei, der jemals für Deutschland an einem Turnier teilgenommen habe) sowie eine nationale Meisterschaft, die aufgrund der Dominanz des FC Bayern (neun Titel in Folge) langweilig geworden ist.

Und schließlich ist da der Kommerz. Die Einkommensschere klafft immer weiter auseinander, Millionen Menschen sind froh, wenn am Ende des Monats die schwarze Null steht – aber die Jahreseinkommen von 27-jährigen, glatt-gegelten Porsche-Fahrern mit blonder Spielerfrau bewegen sich teilweise im zweistelligen Millionenbereich (das durchschnittliche Gehalt eines Bundesligaspielers in der Saison 2018/19 betrug 1,66 Millionen Euro. Bei Branchenprimus Bayern München waren es 7,2 Millionen, beim Mauerblümchen SC Paderborn immerhin noch 0,37 Millionen). Unterdessen wird die Weltmeisterschaft nach Katar vergeben – wo ausländische Arbeiter wie Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen für einen Hungerlohn schuften, wo die Temperaturen im Sommer so hoch sind, dass das Turnier mittlerweile in den Dezember verlegt wurde (das Finale findet am 4. Advent statt). Und eine Gruppe von reichen, sportlich teilweise gar nicht so erfolgreichen Clubs, verkündet die Gründung einer europäischen Superliga - ein Vorstoß, der nach lautstarken Protesten zunächst wieder in der Schublade verschwand. Doch für wie lange?

Tatsache ist nämlich: Auch wenn der Kommerz entscheidend zum zeitweiligen Niedergang des Profifußballs beiträgt, könnte er langfristig dessen Rettung bedeuten. Die dementsprechenden Pläne sind bereits ausgearbeitet.

Die Kommerzialisierung: Sie wird den Fußball retten

Eins sehen sie nicht vor: Der Entfremdung der Fans ein Ende zu setzen. Denn diese werden in Zukunft nur noch bedingt gebraucht. Marketing und Technik machen es möglich.

In Zukunft wird der Fußball nämlich wahrscheinlich vor allem ein digitales Event sein. Die Stadien werden nicht mehr Allianz Arena oder Signal Iduna Park heißen, sondern Apple Arena oder Google Colosseum. Die mit dem Auto gekommenen Zuschauer werden von ihrem Elektronischen Ticket (kurz: E-Ticket) zu einem freien Parkplatz geleitet. Mit Hilfe von Augmented Reality werden sie auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion-Eingang gescannt, um das Mitbringen von gefährlichen Gegenständen zu verhindern. Über das E-Ticket wird das Geld fürs Essen abgerechnet, das man sich zu seinem Sitzplatz bringen lässt. Instant Real Time Communication (auf Deutsch etwa: Echtzeit-Kommunikation) ermöglicht es, sich auf dem Smartphone jede Spielszene aus verschiedenen Perspektiven noch einmal anzuschauen – dabei wird Werbung eingeblendet, natürlich personalisiert. Und selbstverständlich kann man sich die Laktatwerte der Spieler auch digital anzeigen lassen. Kurz gesagt: Das Stadion und das Spiel selbst generieren eine Fülle von Daten – welche er sich ansehen möchte, entscheidet jeder Fan selbst.

Wobei so mancher Zuschauer an solchen Daten wahrscheinlich gar kein Interesse hat. Er – und immer häufiger auch sie – ist nämlich gar nicht so sehr wegen des Kicks mit dem runden Leder im Stadion. Sondern, weil der angehimmelte Popstar ein Fan der Heimmannschaft ist. Deshalb wird ja auch der Umstand, dass sich Millionen vom Kommerz-Spektakel Fußball abgewandt haben werden, ihn nicht mehr im Fernsehen verfolgen und auch kein Geld mehr für ihn ausgeben, kein so großes Problem für die Vereine darstellen. Sie generieren nämlich einen Großteil ihrer Einkünfte mittels Merchandisings – weil nämlich der berühmte Sänger im Vereinstrikot auftritt, legen sich seine Fans auch ein solches Outfit zu.

Man muss sich das mal vorstellen. Das chinesische Teenie-Idol hat 30 Millionen Fans. Wenn es im Outfit von Real Madrid ein Konzert gibt, kauft sich mindestens die Hälfte von ihnen auch das Trikot der Königlichen im Wert von, sagen wir mal, 40 Euro. Das ergibt einen Umsatz von mindestens 600 Millionen. Willkommen, schöne neue Fußballwelt!

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