Politik

Zahl der Toten in Nahost steigt, Spekulationen um Bodenoffensive

Israel flog am Freitag erneut zahlreiche Luftangriffe, die Hamas feuerte weitere Raketen ab. Zudem zieht das israelische Militär Truppen an der Grenze zum Gazastreifen zusammen.
14.05.2021 11:04
Aktualisiert: 14.05.2021 11:04
Lesezeit: 3 min

Auch nach fünf Tagen zeichnet sich kein Ende der schweren Kämpfe zwischen Israel und militanten Palästinensern ab. Israel flog am Freitag erneut zahlreiche Luftangriffe auf den Gazastreifen, die radikal-islamische Hamas feuerte weitere Raketen auf israelische Städte ab. Das Militär ging nach eigenen Angaben auch mit Bodentruppen gegen ein Tunnelsystem der Hamas im Gazastreifen vor, drang dabei aber nicht auf das Gebiet vor. In Israel selbst kam es erneut auch zu Konflikten zwischen Juden und der arabischen Minderheit im Land, die teils eng beieinander wohnen. Dabei wurden Menschen angegriffen, Autos und Ladengeschäfte beschädigt. In Deutschland rief Israels Botschafter die Behörden nach Übergriffen auf jüdische Einrichtungen zum Handeln auf.

Im Norden und Osten des Gazastreifens waren auch am Freitagmorgen Artilleriefeuer und Explosionen zu hören. Augenzeugen zufolge verließen viele Familien ihre Wohnungen und suchten Schutz in von den Vereinten Nationen (UN) geführten Schulen. Nach Angaben von Medizinern wurden bei den Kämpfen auf palästinensischer Seite bislang insgesamt mindestens 119 Menschen getötet, darunter 31 Kinder. Zudem habe es 820 Verwundete gegeben. Israel sprach von bislang insgesamt acht Toten auf seiner Seite, darunter zwei Kindern.

Nach Angaben des Chefsprechers des israelischen Militärs, Hidai Zilberman, wurden bei den israelischen Angriffen bislang 80 bis 90 militante Palästinenser getötet. Er erklärte zudem, man habe nun Kräfte an der Grenze zum Gazastreifen zusammengezogen. Das schürte Spekulationen über eine mögliche Bodenoffensive. In israelischen Medien hieß es allerdings, der direkte Einsatz einer größeren Zahl solcher Soldaten sei wegen des Risikos hoher Verluste unwahrscheinlich.

UN-SICHERHEITSRAT BERÄT AM SONNTAG

Die Vermittlungsbemühungen der UN, Ägyptens und Katars für ein Ende der Kämpfe blieben bislang ohne erkennbaren Erfolg. Die USA als enger Verbündeter Israels haben die Entsendung des Nahost-Experten Hady Amr als Sondergesandten in die Region angekündigt. Der UN-Sicherheitsrat will sich am Sonntag in einer öffentlichen, virtuellen Sitzung mit dem Konflikt beschäftigen. US-Außenminister Antony Blinken hatte einen früheren Termin abgelehnt und erklärt, ein paar Tage mehr Zeit könnten bewirken, dass die Bemühungen hinter den Kulissen für ein Ende der Kämpfe möglicherweise Früchte tragen. Das 15-köpfige UN-Gremium hat in dieser Woche bereits zwei Mal hinter verschlossenen Türen getagt, sich aber nicht auf eine gemeinsame Erklärung einigen können.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Donnerstag gesagt, das Vorgehen des Militärs werde noch Zeit in Anspruch nehmen. In Regierungskreisen hatte es geheißen, der Hamas müsse vor einem Waffenstillstand ein abschreckender Schlag versetzt werden. Der Sprecher des bewaffneten Arms der Hamas, Abu Ubaida, rief die Palästinenser zu einem Aufstand auf.

KONFLIKTE ZWISCHEN ARABER UND JUDEN IN ISRAEL

In Israel selbst verschärfte sich in einigen Städten die Gewalt zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern, die ein Fünftel der Bevölkerung stellen. Dabei wurden auch Synagogen angegriffen. Israels Präsident Reuven Rivlin warnte bereits vor einem Bürgerkrieg.

In Deutschland forderte der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff die Behörden nach Übergriffen auf jüdische Einrichtungen zum Handeln auf. "Ich bitte die deutschen Behörden dringend, alles dafür zu tun, die Sicherheit unserer Community hier zu sichern", sagte er in der ARD. Israels Regierung sei sehr besorgt über antisemitische Akte wie Angriffe auf Synagogen in Bonn, Münster und anderen Städten. Schon zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klare Konsequenzen angekündigt: "Judenhass - ganz gleich von wem - wollen und werden wir in unserem Land nicht dulden."

Die neuen Gefechte zwischen Israels Militär und der Hamas hatten am Montag begonnen. In den Tagen zuvor war es an der Al-Aksa-Moschee in Ost-Jerusalem zu Ausschreitungen gekommen. Verschärft wurden die Spannungen durch Pläne, Häuser palästinensischer Familien in Ost-Jerusalem zu räumen. Das Land wird von jüdischen Siedlern beansprucht. Unabhängig von der aktuellen Entwicklung sind die Palästinenser frustriert über Rückschläge in den letzten Jahren bei ihren Bestrebungen nach einem unabhängigen Staat. Dazu trug auch ein US-Plan zur Beilegung des Konflikts bei, den die Palästinenser als günstig für Israel betrachten.

Innenpolitisch kommt die jüngste Entwicklung Regierungschef Netanjahu entgegen. Sein Hauptkonkurrent, Yair Lapid, erlitt am Donnerstag einen schweren Rückschlag bei seinen Bemühungen um eine Regierungsbildung. Naftali Bennett, Chef der ultranationalistischen Yamina-Partei und Königsmacher nach der mit einem Patt geendeten Parlamentswahl vom 23. März, gab seine Koalitionsgespräche mit Lapid auf und erklärte, eine breitere Einheitsregierung zu bevorzugen. Damit dürften sich Netanjahus Chancen, an der Macht zu bleiben, erheblich verbessern. Er regiert das Land seit 2009. Netanjahu muss sich derzeit auch vor Gericht wegen des Verdachts auf Korruption und Machtmissbrauch verantworten. Er weist die Vorwürfe zurück.

Mehr zum Thema: Genug ist genug: Wider den Antisemitismus auf Deutschlands Straßen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Trump treibt Gold-Rallye weiter an – sind bald schon 6.000 Dollar möglich?
28.01.2026

Der Goldmarkt erlebt derzeit eine historische Ausnahmesituation: Ein neues Goldpreis-Rekordhoch folgt dem nächsten. Trumps...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Puma unter chinesischem Großaktionär: Welche europäischen Sportmarken unabhängig bleiben
28.01.2026

Der Einstieg eines chinesischen Großaktionärs bei Puma rückt die Eigentümerstrukturen europäischer Sportmarken in den Fokus. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Verdacht auf Geldwäsche: BKA durchsucht Deutsche Bank
28.01.2026

Erneut Ärger wegen möglicher Geldwäsche: Justiz und BKA sichern Beweise bei der Deutschen Bank. Die Ermittlungen stehen im Zusammenhang...

DWN
Politik
Politik Haseloff-Nachfolger: Schulze neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt
28.01.2026

Nach 15 Jahren Reiner Haseloff übernimmt Sven Schulze das Amt des Regierungschefs in Sachsen-Anhalt – und muss gleich gegen einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau: Amazon streicht weltweit 16.000 Arbeitsplätze
28.01.2026

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon baut erneut Tausende Stellen ab. Was hinter den Entlassungen steckt und wie der Konzern auf die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunkturausblick für Deutschland: Bundesregierung reduziert Wachstumsprognose
28.01.2026

Die Bundesregierung senkt ihre Wachstumsprognose und passt den wirtschaftspolitischen Kurs an. Welche Folgen hat der Beschluss für...

DWN
Finanzen
Finanzen Gehaltsverhandlung: Tipps für mehr Gehalt in schwierigen Zeiten – der 7-Punkte-Plan zur Gehaltserhöhung
28.01.2026

Inflation, Unsicherheit, Sparkurs: Viele Beschäftigte zögern mit der Gehaltsverhandlung. Doch gerade jetzt kann der richtige Ansatz den...

DWN
Finanzen
Finanzen Bafin warnt: Risiko für Marktverwerfungen steigt
28.01.2026

Droht ein Kursrutsch an den Aktienmärkten? Die Finanzaufsicht sieht reichlich Risiken und warnt: Ein Härtetest werde wahrscheinlicher.