Finanzen

Der weltweite Derivate-Handel ist vergleichbar mit einer „tickenden Zeitbombe“

Der weltweite Derivate-Handel stellt eine Gefahr für das internationale Finanzsystem dar. Wenn der Markt crashen sollte, wären auch die Pensionen von Millionen Europäern betroffen.
21.05.2021 15:10
Lesezeit: 2 min
Der weltweite Derivate-Handel ist vergleichbar mit einer „tickenden Zeitbombe“
Händler an der Börse von London. (Foto: dpa) Foto: Andy Rain

Das Derivategeschäft ist jedoch nicht nur für eine einzelne Bank eine tickende Zeitbombe. Vielmehr ist das ganze Finanzsystem davon bedroht. Die internationalen Verflechtungen über den Derivatemarkt sind massiv. Geht in einem Finanzinstitut die Derivate-Bombe aufgrund erheblicher Verluste hoch, hat dies dramatische Folgen auch für andere Banken. Da die Banken ähnlich wie bei der Immobilienblase 2008 ihre eigenen Risiken als neue Finanzprodukte verpackten und weiter verkauft haben. Eine Kettenreaktion wäre die Folge. Die Gefahr beim Derivaten-Handel ist immer, dass der Emittent, der die Derivate ausgibt, also auch für sie haftet, in die Pleite schlittert. In solch einem Fall hat der Anleger das Nachsehen.

Zuletzt drohte ein solches Dilemma bei dem Schuldenschnitt in Griechenland. Wäre dies als Pleite des griechischen Staates eingestuft worden, hätte dies eine Auszahlung der Kreditversicherungen (CDS) auf griechische Staatsanleihen zur Folge gehabt. Je nach Menge der ausgegebenen Kreditversicherungen hätten etliche Anbieter dieser CDS vor erheblichen Verlusten gestanden.

Ursprünglich waren Kreditderivate als Absicherung gedacht. Mit der Weitergabe des Kreditrisikos einer Bank im Falle einer möglichen Zahlungsunfähigkeit eines Kreditnehmers an Dritte, sollte das Kreditrisiko der Bank selbst verringert werden. Aber auch gegen Preisschwankungen werden Derivate herangezogen. Zu den wichtigsten zählen Optionen, Futures und Swaps – mit letzteren machte beispielsweise die Stadt Pforzheim herbe Verluste.

Doch die reine Absicherung ist schon lang nicht mehr Hauptgrund für die Investition in Derivate. Vielmehr kann man mit ihnen auf steigende und fallende Kurse setzen und mit kleinem Einsatz im Glücksfall immense Gewinne erzielen – aber eben auch massive Verluste. Ein Markt: Völlig dereguliert und mit einem erheblichen Risiko letztlich für die Steuerzahler, wenn der Staat gezwungen ist, die jeweilige Bank zu verstaatlichen.

Aus einem Papier der Ruhr-Universität Bochum geht hervor: „Heute bezieht sich nur noch ein geringer Teil des Derivathandels auf stoffliche Handelswaren. Der überwiegende Teil bezieht sich auf Finanzprodukte wie Wertpapiere oder marktbezogene Referenzgrößen, z.B. Zinssätze. Der Markt für Derivate ist heute ein wesentlicher Bestandteil der internationalen Finanzmärkte (…) Derivate wurden deswegen so beliebt, weil sie eine Art Hebelwirkung ausüben: Sie bieten verhältnismäßig hohe Gewinne (oder Verluste) bei niedriger Anfangsinvestition, was sie aber auch riskant macht. Wenn eine Bank wegen unkontrollierter Hebelwirkungen von Derivaten enorme Summen verliert und deswegen andere Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, droht ein ,Dominoeffekt‘.“

Die Deutsche Bank „sitzt immer noch auf einem großen Berg an Derivaten, also an Finanzprodukten, deren Preise und Entwicklung vom Preis anderer Finanzprodukte abhängen“, so das „Handelsblatt“.

Das Problem mit den Derivaten lässt sich in der Praxis folgendermaßen erklären:

Die real Wirtschaft produziert nicht mehr genug Wachstum, um die alternde Bevölkerung in Europa zu ernähren. Daher müssen die Pensions-Fonds immer höhere Profite machen. Dies wiederum führt dazu, dass auch solide Anleger von den Banken auf Teufel komm raus Renditen fordern. Die Antwort der Finanz-Industrie sind die Derivate. Hier werden künstliche Gewinne produziert, mit denen die Rentner ruhiggestellt werden sollen.

Zur Aussage, dass es sich beim Derivate-Handel um eine „tickende Zeitbombe“ handelt, führt „Finanzderivate.net“ aus: „Der Begriff Derivatbombe bezieht sich primär auf die Tatsache, dass gerade im OTC Handel mit Derivaten (außerbörslich gehandelte Derivate, Anm.d.Red.) keine Standardisierung, Reglementierung etc. stattfindet, d.h. Vertragspartner sind von der Bonität der Gegenpartei abhängig. Kann der Vertragspartner nicht mehr zahlen platzt der Handel. Geht man nun davon aus, dass der Handel mit Derivaten nach wie vor oft sehr undurchsichtig ist, wird deutlich, wie schnell es zu faulen Krediten oder zu einem Verlust der Liquidität des Vetragspartners kommen kann. Betrachtet man dann die Milliarden, die im Derivathandel gehandelt werden, wird deutlich, dass hier eine tickende Zeitbombe vorliegt, die jederzeit explodieren kann. Die im weiteren Verlauf des Artikels offengelegten Zahlen zeigen die Brisanz.“

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