Deutschland

Die Fuggerei: Älteste Sozialsiedlung der Welt schaut auf die nächsten 500 Jahre

Die Kaltmiete für eine Wohnung beträgt nicht einmal einen Euro - pro Jahr. Die Fuggerei in Augsburg war vor 500 Jahren richtungsweisend. Und ist es immer noch. Das soll schon bald auch andernorts so sein.
25.05.2021 11:06
Aktualisiert: 25.05.2021 11:06
Lesezeit: 2 min

Auf den ersten Blick ist die Fuggerei mit weit mehr als 200 000 Besuchern pro Jahr eine der größten Touristenattraktionen Augsburgs. Doch tatsächlich ist sie viel mehr - ein großes soziales Projekt, das auch nach 500 Jahren noch rund 150 bedürftigen Augsburgern ein Dach über dem Kopf bietet. In diesem Jahr wird das Jubiläum groß gefeiert. Der Höhepunkt des Festjahres wird allerdings coronabedingt erst Mitte 2022 stattfinden.

DWN-Portrait zur Fugger-Dynastie: Die Fugger sind ein Vorbild für den Aufstieg des Mittelstands

Die Fuggerei gilt als die älteste Sozialsiedlung der Welt. Die Fugger, die Augsburg bis heute mit dem Titel „Fuggerstadt“ prägen, gehörten einst zu den reichsten Kaufmannsfamilien Europas und hatten ein weltweites Handelsimperium aufgebaut. Ihr Erbe ist seit 1521 die Siedlung, eine Stadt in der Stadt mit 67 Häusern und 142 Wohnungen und sogar einer eigenen Kirche. Denn die Bewohner müssen sich bis heute zu „drei täglichen Gebeten“ verpflichten.

Auch nach einem halben Jahrtausend sei die Fuggerei „einzigartig auf der Welt“, betont die Stiftung. Und das Thema preiswertes Wohnen ist heute aktueller denn je. Daher wollen die Fuggerei-Verantwortlichen insbesondere die Perspektiven für die nächsten 500 Jahre beleuchten.

„Mit dem Geburtstag haben wir die alten 500 Jahre abgeschlossen und schauen in die Zukunft“, sagt der Administrator der Fuggerschen Stiftungen, Wolf-Dietrich Graf von Hundt. Es gehe nicht darum, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Die Stiftung will das Nachdenken über gesellschaftliche Herausforderungen anregen und die Frage stellen, ob es nicht an der Zeit wäre, jetzt ähnliche Projekte zu gründen.

Zwar gibt es auch andernorts Initiativen, die die Schaffung von günstigen Wohnungen beabsichtigen. Im katholischen Erzbistum Bamberg kümmert sich beispielsweise die Joseph-Stiftung darum. Die Stadt Zürich hat nach einer Volksinitiative vor wenigen Jahren die Stiftung „Einfach wohnen“ mit 80 Millionen Schweizer Franken ausgestattet. Ziel ist es unter anderem, „preisgünstige und ökologisch vorbildliche Wohnungen und Gewerberäume“ in Zürich zu schaffen.

Doch einen ähnlich radikalen Ansatz wie die Fuggerei haben diese Projekte nicht. Denn in Augsburgs Sozialsiedlung leben die Bewohner für eine symbolische Jahresmiete von 88 Cent plus Betriebskosten. Ein vergleichbares Projekt gebe es bislang nirgends, sagen die Verantwortlichen der Stiftung und wollen dies nun ändern.

Auch der Staat kommt seiner Aufgabe, ausreichend günstige Immobilien für nicht so gut Betuchte zu schaffen, längst nicht in ausreichendem Umfang nach. Sozialwohnungen gibt es viel zu wenige und oftmals werden sie von Menschen belegt, die schon lange nicht mehr bedürftig sind. Denn eine Pflicht, günstigen Wohnraum wieder frei zu machen, wenn das Einkommen steigt, gibt es nicht.

So werden beispielsweise in München von den 45 000 Sozialwohnungen pro Jahr nur 3200 neu vermietet - bei zehn Mal so viel Interessenten. Es könne mehrere Jahre dauern, bis Bedürftige eine Sozialwohnung erhalten, informiert die bayerische Landeshauptstadt die Betroffenen und betont: „Wir empfehlen Ihnen auch weiterhin auf dem freien Mietmarkt nach Wohnungen zu suchen.“

In der Fuggerei habe sich die Warteliste in den vergangenen zwei, drei Jahren auch verdoppelt, sagt Sprecherin Astrid Gabler. „Man merkt den Druck auf dem Immobilienmarkt ganz deutlich.“ Etwa 80 Bewerbungen gebe es, doch nur etwa zehn Wohnungen pro Jahr würden frei. „Die Leute leben teilweise 30 Jahre in der Siedlung“, erklärt Graf von Hundt. Im Durchschnitt ziehe ein Bewohner erst nach 14 Jahren wieder aus.

Wie solche Probleme gelöst werden können, wollen die Fuggerei-Verantwortlichen nun bei ihrem Festjahr diskutieren. Zunächst soll in wenigen Wochen ein neues Museum zur Geschichte der Fuggerei als Ergänzung der bisherigen Ausstellungen eröffnet werden, sofern es die Pandemiebeschränkungen erlauben.

Im Augst ist dann ein Fuggereifest geplant - pünktlich zu dem eigentlichen Jubeltag: Am 23. August 1521 hatte Jakob Fugger den Stiftungsbrief für die Sozialsiedlung unterzeichnet. Als Höhepunkt und Abschluss des Festjahres soll im Mai und Juni 2022 auf dem Augsburger Rathausplatz ein Pavillon aufgebaut werden. Dieser soll als Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum genutzt werden.

Als Ziel der Veranstaltungsreihe „Next 500“ geben die Fugger-Stiftungen aus, die Idee der Fuggerei global umzusetzen: „Das Jubiläumsprogramm soll zur Neugründung von ,Fuggereien der Zukunft‘ in der ganzen Welt anstiften.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street beendet September uneinheitlich
30.09.2026

Ein turbulenter Monat geht zu Ende – erfahren Sie, welche Dynamiken jetzt die Kurse an der Wall Street bestimmen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreich Staatsverschuldung: Die nächste Gefahr für die Eurozone
30.09.2026

Frankreich galt lange als einer der politischen und wirtschaftlichen Pfeiler der Eurozone. Doch an den Anleihemärkten wächst die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
30.09.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Politik
Politik Innere Sicherheit: Innenministerkonferenz beschließt nicht mehr einstimmig
30.09.2026

Die Innenministerkonferenz verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Künftig reichen 13...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...