Finanzen

Inflation und Kryptowährungen: Das Gold befindet sich im Zweifrontenkrieg

Zinsen waren lange Zeit die besten Freunde des Edelmetalls, einfach, weil es keine gab. Mit wachsender Angst vor Inflation und damit vor Zinswende hatte die Freundschaft zwischenzeitlich jedoch Schaden genommen. Gleichzeitig droht auch von Kryptowährungen Gefahr, die Gold als Stabilitätswährung den Fehdehandschuh hinwerfen. Kann sich Gold gegen diese zwei Gegner erfolgreich verteidigen?
08.06.2021 15:52
Aktualisiert: 08.06.2021 15:52
Lesezeit: 4 min
Inflation und Kryptowährungen: Das Gold befindet sich im Zweifrontenkrieg
Gold in Barren zu verschiedenen Größen vom Edelmetall- und Technologieunternehmen Heraeus in Hanau. (Foto: dpa)

Zinsen waren lange Zeit die besten Freunde des Edelmetalls, einfach, weil es keine gab. Mit wachsender Angst vor Inflation und damit vor Zinswende hatte die Freundschaft zwischenzeitlich jedoch Schaden genommen. Gleichzeitig droht auch von Kryptowährungen Gefahr, die Gold als Stabilitätswährung den Fehdehandschuh hinwerfen. Kann sich Gold gegen diese zwei Gegner erfolgreich verteidigen?

Erst Zins-Feind, dann Zins-Freund, jetzt wieder Zins-Feind?

Das einstige Killerargument gegen Gold, dass es keine Zinsen zahlt, ist seit vielen Jahren kein Nach- sondern ein Vorteil. Allerdings findet zurzeit die weltweit größte konjunkturelle Mobilmachung aller Zeiten statt. In der Folge haben sich die Renditen für Staatsanleihen in Amerika binnen Jahresfrist verdreifacht und in Deutschland scheinen sie dabei zu sein, den Negativbereich zu verlassen.

So war es kaum verwunderlich, dass Gold sein Allzeithoch aus 2020 bei 2.050 US-Dollar je Unze verlassen und im März und April dieses Jahres zwischenzeitlich sogar unter 1.700 fiel. Die bedingungslose Kapitulation von Gold an der Zinsfront schien beschlossene Sache zu sein.

Bei Zinsen darf die Inflationsbetrachtung nie zu kurz kommen

Absurderweise hat der Goldpreis seit April wieder kräftig angezogen. Die klassische Gleichung „Steigende Inflation = Höhere Zinsen = Schwächere Goldpreise“ wurde offenbar zur Ungleichung.

Da scheint es zu einem Strukturbruch gekommen zu sein und zwar bei den Notenbanken. Früher pflegten sie noch die feine diplomatische Note wie Außenminister, die viel reden, aber nichts sagen. Und heute treten sie auf wie Stadionsprecher und tun platt und unverblümt kund, dass die Inflation nur transitorisch, nur vorübergehend ist. Und wenn so etwas ausgerechnet von der EZB zu hören ist - die zumindest auf dem Papier der Stabilität verpflichtet ist - spricht alles dafür, dass es grundsätzlich bei der geldpolitisch antiautoritären Erziehung bleibt.

Die im Frühjahr noch eingeschüchterten Edelmetallanleger haben diese Wesensänderung der Notenbanken mittlerweile durchschaut. Sie wissen, dass den Notenbanken von der Politik die Hände gebunden wurden. Eine apokalyptische Überschuldung der Welt - alles zusammengerechnet etwa 285 Billionen US-Dollar - die Finanzierung des grünen Umbaus der Wirtschaft, die Wiederbelebung der Wettbewerbsfähigkeit und des Zusammenhalts Europas sowie die zinsseitige Währungsschwächung zur Exportstärkung lassen den Luxus steigender Zinsen und Renditen trotz hoher Inflation nicht mehr zu.

Wenn aber Inflationsbekämpfung nur noch ein Lippenbekenntnis ist und in Sonntagsreden auftaucht, sie also laufen gelassen wird, wird sie nicht zum Feind, sondern zum besten Freund von Gold. Von der Zinsfront hat Gold wenig zu befürchten.

Übrigens, seit der Finanzkrise 2008 haben ausgerechnet die Geldschleudermaschinen - also die Notenbanken - die Goldbestände immer weiter aufgerüstet. Wenn das mal keine höheren Weihen sind.

Sind Kryptowährungen die neuen Stabilitätshäfen und damit eine Konkurrenz für Gold?

Kryptowährungen werden differenziert betrachtet. Für die einen stellen sie wertvolle Wertspeicher in einer von Zentralbankgeld gefluteten Schuldenwelt dar. Tatsächlich sind sie wie Gold nicht beliebig vermehrbar. Gegenüber physischem Gold haben sie aber den Vorteil, „transportfreundlicher“ zu sein. Man muss nicht zum Goldhändler laufen und man hat keine Lagerkosten. In unserer virtuellen Welt kann man sich mit ihnen bequem vom heimischen Sofa aus beschäftigen.

Und dann kommt noch die Zahlungsmittelfunktion hinzu. Teilweise kann man mit Kryptos schon einkaufen gehen.

Und spätestens hier kommen die anderen ins Spiel. Aus Sicht der Politiker bedrohen Kryptowährungen das Geldmonopol. Auf Deutsch: Die ungehemmte Gelddruckerei, mit der sie sich vor dem Wahlvolk als Sankt Martin präsentieren, wäre bei zunehmender Verwendung von Kryptos als Tauschmittel längerfristig gefährdet. Also setzen sie alles daran, den Kryptomarkt möglichst an die Kette zu legen. U.a. will Amerika Krypto-Transaktionen über 10.000 US-Dollar Gegenwert registrieren. So wären die Anonymität und damit ein großer Vorteil futsch.

Auch die chinesische Regierung, die eine Schwäche für Kontrolle hat, geht gegen Kryptowährungen vor, um die Priorität der eigenen staatlichen Digitalwährung zu sichern. Nicht zuletzt wollen Schwachwährungsländer verhindern, dass ihre Bevölkerung mit Krypto-Investments den Währungsverfall noch beschleunigt.

Volatilität ist keine Grundlage für Stabilität

Damit ist der Boden für Schwankungen bei Kryptowährungen gelegt. Und im Vergleich ist das April-Wetter eine stabile Wetterlage: Für eine Anlageklasse ist es kein Ruhmesblatt, wenn Prominente mit Markteinfluss wie Elon Musk mit taktisch klugen Tweets die Kryptokurse - nachdem man vorher gekauft hat - in die von ihnen gewünschte Höhe katapultieren. Genau so bizarr ist es, wenn er plötzlich sein Herz für Klimaschutz entdeckt und mit Verweis auf enormen Stromverbrauch gegen Kryptowährungen argumentiert. Er selbst hatte übrigens vorher längst verkauft. Wäre der Bitcoin eine Aktie, hätte die gleiche Volatilität sofort die Handelsüberwachung auf den Plan rufen, die die Vorgänge analysierte und in der Zwischenzeit den Handel aussetzte.

Ohne klare (Anlage-)Regeln, die die dramatischen Schwankungen eingrenzen, können sich Kryptowährungen kaum als verlässliche Wertspeicher oder Zahlungsmittel etablieren.

Und apropos Klimaschutz, bei zunehmender Bedeutung von ethisch-nachhaltigen Geldanlagen werden viele Kapitalsammelstellen nicht in Kryptos investieren können. Sie wären politisch unkorrekt mitverantwortlich für unverantwortlich hohen Energieverbrauch. Sie wollen eine saubere Anleger-Weste tragen.

Und siehe da, Gold kann sich tatsächlich wieder gut behaupten.

Totgesagte leben länger. Gold ist seit Jahrtausenden ein sicherer Hafen, ein Wertspeicher und ein Tauschmittel. Das gilt weiterhin, zumal es in puncto Schwankungen gegenüber Kryptowährungen ein Waisenkind ist. Kryptos haben durchaus ihren Reiz, aber als Spekulationsobjekte.

Längerfristige Gold-Anleger können darauf vertrauen, dass Gold im Zweifrontenkrieg besteht.

Bis Ende des Jahres sind bei Gold Kurse um 2.000 US-Dollar drin. Und das Ende der Fahnenstange ist damit noch lange nicht erreicht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Dieses Familienunternehmen profitierte vom Krieg, nun droht der Kontrollverlust
29.07.2026

Aller Petfood blieb mit zwei Fabriken in Russland aktiv und profitierte zunächst vom abgeschotteten Markt. Nun geraten das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäischer Gaspreis steigt wieder: Iranische Attacken nach US-Angriffsstopp – Entspannung nicht in Sicht
29.07.2026

Die Hoffnung auf eine Entspannung im Nahen Osten war nur von kurzer Dauer. Neue militärische Entwicklungen lassen den europäischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europa droht ein Preisschock und ein stärker als erwarteter Anstieg des Euribor
29.07.2026

Der 6-Monats-Euribor ist auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren geklettert. Der Anstieg dürfte sich fortsetzen, da ein unerwartet...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Starke Quartalszahlen stützen Erholung, Cashflow bleibt Belastungsfaktor
29.07.2026

Nach Monaten deutlicher Kursverluste zeigt sich die Rheinmetall-Aktie am Mittwoch von ihrer besten Seite – dank starker Quartalszahlen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Einspeisevergütung: Was sich durch die EEG-Reform bei der Solarförderung ändert
29.07.2026

Die Bundesregierung stellt die Förderung von Solarstrom grundlegend um. Das Kabinett hat eine Reform des EEG beschlossen, die private...

DWN
Finanzen
Finanzen DWS-Aktie sackt ab: Deutsche-Bank-Tochter enttäuscht mit Erträgen
29.07.2026

Auf den ersten Blick liefert DWS starke Zahlen: Milliarden fließen neu in die Fonds, das verwaltete Vermögen erreicht einen Höchststand...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: So nutzen Sie die neuen Freibeträge und Steuerpauschalen
29.07.2026

Die Steuererklärung 2025 müssen pflichtveranlagte Steuerzahler bis spätestens 31. Juli 2026 beim Finanzamt einreichen. Auch in diesem...

DWN
Finanzen
Finanzen BMW-Aktie unter Druck: Anlegern reicht BMW-Stellenabbau offenbar nicht aus – BMW-Zahlen stehen an
29.07.2026

BMW galt lange als Ausnahme unter den deutschen Autobauern. Nun folgt ein BMW-Stellenabbau, der Münchener Autobauer verschärft seinen...