Politik

Schwere Versorgungskrise erschüttert den Libanon

Die Lage im Libanon droht außer Kontrolle zu geraten. Die Weltbank zählt die gegenwärtige Krise zu den schlimmsten Krisen seit 1850 weltweit.
11.06.2021 10:00
Aktualisiert: 11.06.2021 10:02
Lesezeit: 2 min

Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise verschärft sich die Versorgungssituation im Libanon immer weiter. Wegen Benzinmangels bildeten sich auch am Freitag vor Tankstellen in der Hauptstadt Beirut und anderenorts lange Schlangen. Teilweise kam es zu chaotischen Szenen, weil Straßen und Kreuzungen verstopft waren. Autofahrer dürfen an der Tankstelle nur rund zehn Liter tanken.

Auch Krankenhäuser klagen über einen akuten Mangel an Medikamenten und anderen medizinischen Gütern. Der Vorsitzende der Beiruter Ärztevereinigung, Scharaf Abu Scharaf, sagte der Deutschen Presse-Agentur, dringend benötigte Vorräte gingen zur Neige. "Die Lage ist sehr schwierig", erklärte er. "Alle Krankenhäuser machen nur noch Notfalloperationen." Die Apotheken traten am Freitag in einen zweitägigen Streik, um gegen die Versorgungskrise zu protestieren.

Dem Land am Mittelmeer gehen die Devisen für lebenswichtige Importe aus. Zudem droht eine Staatspleite. Die libanesische Lira hat zum Dollar rund 90 Prozent ihres Werts verloren. Die Inflation liegt bei mehr als 150 Prozent, für Lebensmittel sogar bei fast 400 Prozent.

Die Corona-Pandemie und die verheerende Explosion im Hafen von Beirut Anfang August haben die Lage weiter verschärft. Die Regierung ist nach ihrem Rücktritt vor rund zehn Monaten nur noch geschäftsführend im Amt und kaum handlungsfähig. Die führenden Parteien blockieren sich gegenseitig und verhindern die Bildung einer neuen Regierung. Kritiker werfen der politischen Elite massive Korruption vor.

Fachleute warnen, wegen des Kraftstoffmangels könnte auch die Stromversorgung im Libanon bald vollständig zusammenbrechen und das Internet ausfallen. Schon jetzt müssen die rund sechs Millionen Menschen im Land täglich mehrere Stunden ohne Strom auskommen.

Schlimmste Krise seit 1850er Jahren

Die anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise im Libanon zählt der Weltbank zufolge vermutlich zu den schlimmsten Krisen weltweit seit den 1850er Jahren. Sie gehöre wahrscheinlich zu den zehn und möglicherweise sogar zu den drei schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, heißt es in einem Anfang Juni veröffentlichten Bericht. Die "anhaltende politische Untätigkeit" und die immer noch nicht voll funktionierende Regierung bedrohten die "ohnehin katastrophalen sozioökonomischen Verhältnisse und einen brüchigen sozialen Frieden ohne klaren Wendepunkt in Sicht".

Die Krise in dem Mittelmeerland gilt mindestens als die schlimmste seit Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Wegen des drohenden Staatsbankrotts laufen Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein Rettungsprogramm. Dieses knüpft der IWF aber an umfassende wirtschaftliche Reformen und einen stärkeren Kampf gegen Korruption im Land. Die Gespräche kamen bisher nur schleppend voran. Vergangenen August hatte eine verheerende Explosion den Hafen Beiruts erschüttert, mehr als 190 Menschen starben. Seit den Tagen nach der Katastrophe ist das Land ohne funktionierende Regierung.

Die Autoren des Weltbank-Berichts vergleichen die Lage im Libanon nun mit 100 Wirtschaftskrisen weltweit im Zeitraum von 1857 bis 2013. Berechnet wird dafür ein Krisen-Index anhand des jeweiligen Rückgangs des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts (BIP) und der Dauer einer Krise in Jahren. Bei einer optimistischen Einschätzung der Libanon-Krise landet sie im historischen Vergleich auf Platz 6. Im schlimmsten Fall gehen die Autoren unter anderem davon aus, dass bis zu einer Erholung auf das Niveau von 2017 im Libanon noch 15 Jahre vergehen werden. Dies wäre im untersuchten Zeitraum dann die schlimmste Krise seit der Weltwirtschaftskrise in Chile Ende der 1920er Jahre und seit dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-39).

Den Libanon beschreibt die Weltbank als von "Zerbrechlichkeit, Konflikten und Gewalt" geplagten Staat. Es drohe eine "gefährliche Verknappung von Ressourcen", darunter auch an hoch qualifizierten Arbeitskräften, die sich vermutlich zunehmend nach Jobmöglichkeiten im Ausland umsehen würden.

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