Wirtschaft

Top-Rohstoffhändler: Der Ölpreis wird auf 100 Dollar steigen

Die großen Rohstoff-Handelshäuser sind sich einig: der Ölpreis dürfte in den kommenden Jahren auf rund 100 US-Dollar steigen.
18.06.2021 09:58
Aktualisiert: 18.06.2021 09:58
Lesezeit: 4 min
Top-Rohstoffhändler: Der Ölpreis wird auf 100 Dollar steigen
An einer Tankstelle ist eine Kraftstoffsorte nicht verfügbar. Analysten erwarten in den kommenden Jahren eine Angebotsknappheit bei Öl. (Foto: dpa) Foto: Andy Rain

Die großen Handelsgesellschaften im Rohstoffsektor sind sich weitgehend einig, dass die Weltmarktpreise für Rohöl in den kommenden Jahren auf Werte um die 100-Dollar-Marke steigen werden. Maßgeblich für die prognostizierte Entwicklung sei eine Angebotsknappheit, die in naher Zukunft die Notierungen anschieben werde.

Diese Angebotsknappheit – so die weitgehend einhellige Meinung – werde durch ein Missverhältnis zwischen einer deutlich steigenden Nachfrage nach Erdöl und Öl-Derivaten einerseits und einer Investitionslücke bei der Entwicklung neuer Förderkapazitäten andererseits ausgelöst.

Große Rohstoffhändler wie Vitol, Trafigura oder Gunvor erwarten die skizzierte akute Angebotsknappheit in den Jahren zwischen 2025 und 2030, weil dann das Unterinvestment im Ölsektor am deutlichsten zu Tage treten werde und alternative Energiequellen wie Wind- und Sonnenenergie bei weitem noch nicht über die benötigten Kapazitäten verfügten, um einen Großteil der Weltwirtschaft verlässlich mit Energie zu versorgen.

Zu wenig Investitionen heute schmälern das Angebot von morgen

„Ich denke, dass es eine realistische Chance für den Ölpreis gibt, dieses Niveau (von 100 Dollar – die Red.) zu erreichen. Das Problem im Ölmarkt liegt nicht auf der Nachfrageseite – es ist die Angebotssituation, die Sorgen macht. Die gesicherten Reserven sind von einem planbaren Versorgungszeitraum von 15 Jahren auf 10 Jahre geschrumpft, die Kapitalinvestitionen sind von einem Niveau von 400 Milliarden Dollar vor fünf Jahren auf 100 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr gesunken. Deshalb gibt es ein Problem auf der Angebotsseite, welches die Preise wahrscheinlich nach oben treiben wird“, zitiert die Financial Times Jeremy Weir, den Vorstandsvorsitzenden des Handelshauses Trafigura.

„Wenn sie das Angebot beschneiden und sich nicht um die Nachfrage kümmern, bekommen sie Preisverschiebungen. Dann sind Sie nur noch ein oder zwei Ereignisse von einem materiellen Preisanstieg entfernt“, sagte ein Ölhändler von Glencore auf dem von der FT Anfang der Woche ausgerichteten Commodities Global Summit.

Russel Hardy, Vorstandsvorsitzender von Vitol, schätzt die Lage weniger prekär ein als seine Kollegen. Ein Anstieg der Preise auf 100 Dollar sei „eine Möglichkeit“, die Produzenten verfügten aber noch über ausreichend Förderreserven, um einen Anstieg der Nachfrage langfristig abfedern zu können: „Derzeit werden 5 Millionen Barrel (Faß zu 159 Litern) Öl täglich noch vom Markt ferngehalten.“ Vitol rechnet damit, dass die weltweite Nachfrage nach Öl etwa im Jahr 2030 ihren Allzeit-Höhepunkt erreichen wird und von da an einige Jahre seitwärts bei Preisen um 100 Dollar pro Barrel tendieren könnte – gestützt von den schnell wachsenden Entwicklungsländern, welche als Gegengewicht zu den dann teilweise mit alternativen Energiequellen betriebenen Volkswirtschaften der Industrienationen am Markt auftreten werden.

Torbjörn Törnqvist, Vorstandsvorsitzender des Handelshauses Gunvor, erwartet ebenfalls auf mittlere Sicht Preise um 100 Dollar pro Barrel. Dieses Niveau würde auch dringend benötigt, um die großen Ölförderer zu neuen Investitionen und Feld-Erkundungen zu veranlassen.

Hintergrund: Inflation und Energiewende

Die einhelligen Prognosen hinsichtlich eines höheren Ölpreises fallen in eine Zeit, die ohnehin von steigenden Preisen an den Rohstoffmärkten und steigenden Kosten auf Produzenten- und Kundenebene gekennzeichnet wird. Ein Anstieg der Preise für Rohöl – das nicht nur Grundrohstoff für die Erzeugung von Treibstoffen, sondern auch Basis für zahlreiche Produkte in anderen Branchen wie Petrochemie, Kosmetik und Plastik ist – dürfte den von Industriemetallen wie Kupfer und Nahrungsmitteln wie Mais ausgehenden inflationären Preisauftrieb noch deutlich verstärken.

Zudem sind schon jetzt folgenschwere Wechselwirkungen mit der vor allem im Westen vorangetriebenen Hinwendung zu regenerativen Energiequellen zu beobachten. Insbesondere in Europa zwingen inzwischen Regierungen, Gerichte und Aktivisten Unternehmen aus dem fossilen Sektor dazu, ihr Geschäftsmodell radikal umzubauen. Jüngste Beispiele dafür sind die Verschärfung der CO2-Vorgaben durch das Bundesverfassungsgericht und der entscheid eines niederländischen Gerichts, der Ölmulti Shell müsse bis zum Jahr 2030 seine Kohlenstoffdioxid-Emissionen um 45 Prozent zurückfahren – eine Vorgabe, die Shell praktisch dazu zwingt, schrittweise aus dem Ölgeschäft auszusteigen.

„Die Wahrheit, so unappetitlich sie für manche in der Ecke des grünen Wandels auch sein mag, ist, dass die Welt noch immer mit Öl angetrieben wird. Die Nachfrage nach Öl steigt seit Jahrzehnten, weil unsere Nachfrage nach Energie gemeinsam mit der Weltbevölkerung wächst. Der Gebrauch von fossilen Antriebsstoffen steigt ebenso kontinuierlich an – trotz, und das ist sehr wichtig – des Booms bei der Installierung regenerativer Energiequellen in den vergangenen zehn Jahren. Einem Bericht des Erneuerbaren-Netzwerks REN21 zufolge hat sich der Anteil von Öl, Kohle und Gas am globalen Energiemix im vergangenen Jahrzehnt nicht verändert. Die Nachfrage nach Öl steigt also immer noch, aber der Druck auf jene Unternehmen, die das Öl aus der Erde holen, nimmt zu bis zu dem Punkt, an dem diese Unternehmen ihre Investitionen in künftige Projekte reduzieren. Solch eine Situation führt zwangsläufig zu höheren Ölpreisen, weil die Nachfrage robust bleiben wird. Es ist also kein Wunder, dass einige Investoren auf Aktien und Wertpapiere aus der Ölbranche setzen, wie das Wall Street Journal Anfang des Monats schilderte“, schreibt die Analystin Irina Slav auf dem Portal Oilprice.

Daten des Anbieters Wood Mackenzie zufolge beliefen sich die Gesamtinvestitionen im Ölsektor im Jahr 2020 auf etwa 330 Milliarden Dollar – ein Rückgang um mehr als 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rystad Energy schätzt, dass die Branche vergangenes Jahr rund 15 Prozent ihrer Ölreserven verloren hat – diese also nicht mit neu entdeckten oder entwickelten Feldern langfristig ausbalancieren können wird.

Der Gegensatz zwischen dem Ziel einer umfassenden Energiewende und einer auf unabsehbare Zeit verbleibenden Abhängigkeit von fossilen Energiequellen brach zuletzt offen zu Tag, als die Internationale Energieagentur IEA einen sofortigen Stopp sämtlicher Investitionen im Öl- und Gassektor forderte. Die lautesten Kritiker des Vorstoßes waren Rohstoff-Länder wie Russland und Saudi-Arabien. Diese Staaten haben zwar ein starkes Eigeninteresse daran, dass Kunden weltweit noch viele Jahrzehnte ihr Öl und Gas kaufen, und sind deshalb in ihrer Meinung nicht unparteiisch – ihr Verweis darauf, dass die Welt auch weiterhin in gigantischem Umfang Erdöl nachfragt und schon auf mittlere Sicht Versorgungsengpässe aufgrund eines Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage auftreten könnten, ist aber stichhaltig.

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