Politik

Marc Friedrich: Die Bundesregierung probte schon 2012 den Umgang mit Corona

Lesezeit: 4 min
22.06.2021 09:06
Marc Friedrich geht mit der Bundesregierung hart ins Gericht.
Marc Friedrich: Die Bundesregierung probte schon 2012 den Umgang mit Corona
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besichtigt im Februar 2015 das neue S-4-Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts in Berlin. (Foto: dpa)
Foto: Maurizio Gambarini

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Der Ausbruch der Pandemie ist ein externer Schock und wurde von vielen als schwarzer Schwan bezeichnet – als ein völlig überraschendes und unwahrscheinliches Ereignis, das die Menschheit überrumpelt. Doch eine Pandemie wie Covid-19 kam alles andere als überraschend. Eigentlich ist sie nämlich ein weißer Schwan, eine erwartbare und vorprogrammierte Krise.

Wir leben in einer globalisierten Welt: Es war klar, dass über Land, Luft oder Wasser jedes Virus, egal wie gefährlich, egal wo entsprungen, es zu uns schaffen würde. Seit Jahrzehnten machen wir auch die Erfahrung, dass jedes Jahr eine neue Grippewelle grassiert – mal heftiger, mal weniger heftig. Klar, niemand konnte vorhersehen, wann eine Epidemie oder Pandemie eintreten würde. Es gab aber solide Prognosen, dass eine globale Pandemiewelle eigentlich überfällig sei.

Mehr noch: Einige Experten haben auf breiter Datenbasis vor ein paar Jahren sogar Szenarien simuliert, nach denen dafür ein Virus aus der Corona-Familie verantwortlich sein werde. Hierzu gab es in der Vergangenheit schon durchgespielte Szenarien sowie simulierte Pandemieübungen von verschiedenen Institutionen, die uns jetzt geradezu unheimlich erscheinen, weil sie ziemlich genauso eingetreten sind, wie in der Simulation vorweggenommen. Ein erstaunliches Beispiel finden wir in Deutschland: 2012 verfasste die deutsche Bundesregierung – unter der Federführung des Robert Koch-Instituts – eine Risikoanalyse zur Pandemieverbreitung. Das Szenario behandelte sogar den richtigen Virusstamm: Die Bundesregierung probte den Ausbruch eines Erregers des Typs SARS-Coronavirus. Die Bundesregierung schien sich bewusst zu sein, was auf sie zukommen könnte.

Eine Frage drängt sich auf: Wenn die Verantwortlichen diese Szenarien doch bereits national und international mehrfach durchexerziert haben, und das sogar mit dem richtigen Virusstamm, wieso wurden dann keine Vorkehrungen getroffen? Wieso war man dermaßen unvorbereitet? Wieso das aberwitzige Versagen auf breiter Front? Wieso Analysen machen, wenn man dann daraus keine Konsequenzen zieht?

Kolossales Politikversagen

Vulkanologen können auf Basis ihrer Beobachtungsdaten prognostizieren, dass ein Vulkan in naher Zukunft ausbrechen wird – aber nicht, wann genau. Bei schweren Erdbeben infolge der Plattentektonik ist es das Gleiche. Daher ist auch die eigentliche Frage immer die gleiche: Wie gut ist eine Gesellschaft, die Menschheit als Ganzes auf die Folgen solcher externen Schocks vorbereitet? Und auch die Antwort ist jedes Mal erschreckend ähnlich: Nicht besonders gut. Das gilt auch für den Ausbruch der Pandemie in Deutschland: Anstatt gleich nach dem Bekanntwerden des Ausbruchs in China die Grenzen zu schließen, Einreisende zu testen, Flüge aus China zu unterbinden oder wenigstens die Passagiere in Quarantäne zu setzen, hat die Bundesregierung das Virus im Frühjahr 2020 noch heruntergespielt. Als die ersten Fälle im Land auftauchten, riet man von einer Maskenpflicht noch ab. Wenig später kam sie dann doch. Benötigte man etwa Zeit, um die richtigen Deals einzufädeln?

So leger die Bundesregierung noch kurz zuvor mit Corona umging, so energisch zog sie Ende März mit dem ersten harten Lockdown die Notbremse. Den Bürgern wurde im letzten Sommer von der Politik versichert, dass sie keinen zweiten Lockdown verhängen würde und sich diesen ohnehin gar nicht leisten könne – doch bereits im November hielt diese Aussage nicht mehr stand. Seither sitzt Deutschland im ewigen Dauerlockdown. Wie es so weit kommen konnte? Die Regierung hat die wertvolle Zeit im Sommer nicht genützt, um lang- und mittelfristige Strategien zu entwickeln: Weder hat man genügend Impfdosen geordert, noch Teststrategien oder einen Plan entwickelt, wie man die Risikogruppen sinnvoll schützen könnte. Einen Öffnungsplan für Geschäfte oder eine Idee, wie man in Schulen wieder die Kinder und Jugendlichen wieder unterrichten könne? Fehlanzeige!

Das Versagen der Berufspolitiker während der Pandemie ist kolossal. Es reiht sich aber leider in das Gesamtbild der letzten Jahre ein: Bei jeder Krise mussten wir ein Scheitern der Politik über uns ergehen lassen. Egal ob Finanz-, Euro-, Griechenland-, Flüchtlings- oder Coronakrise: Auch die Europäische Union hat ein weiteres Mal unter Beweis gestellt, dass sie in ihrer bestehenden Verfassung nicht funktioniert. Sie muss entweder radikal reformiert oder aufgelöst werden. Die Pandemie offenbart, wie fragil unser für sicher und stabiles geglaubtes System eigentlich ist. Und wie viel Inkompetenz, Vetternwirtschaft, Egoismus, Korruption und Spaltung sich in den vergangenen Jahren breit gemacht hat.

Die Zukunft wird dezentral

Ein bisschen leben wir alle nach dem neapolitanischen Modell – und damit meine ich jetzt nicht die Mafia! Die Neapolitaner wissen eigentlich ganz genau, dass sie auf einem explosiven Vulkan leben. Aber sie tun so, als würde der Vesuv zu ihren und den Lebzeiten ihrer Kinder unter keinen Umständen ausbrechen. Auch die Bewohner der kalifornischen Küste wissen, dass sie einen der dynamischsten Wirtschaftsräume der USA genau auf die Kante zweier Erdplatten gesetzt haben. Aber es ist eben über 100 Jahre her, dass es da bei einem verheerenden Erdbeben zum letzten Mal so richtig katastrophal gerumpelt hat. Die Verwerfungen unserer Weltwirtschaft, erst recht unserer Finanzsysteme, treten freilich in sehr viel kürzeren Zeitabständen zutage. Trotzdem tun wir so, als würde es nie zu Ausbrüchen und Beben kommen. Wir müssen endlich aus der Vergangenheit lernen und die Fehler im System sofort radikal angehen, anstatt sie in die Zukunft zu verschieben, wo sie sich immer weiter auftürmen und immer mehr an destruktiver Kraft hinzugewinnen.

Mein Vorschlag: Ein neues Geldsystem, ein neuer verbindlicher Gesellschaftsvertrag, ein menschliches Wirtschaftssystem und ein komplett neues Politikwesen. Durch den technischen Fortschritt, die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz (KI) können wir Menschen in Zukunft immer mehr Aufgaben an die Hochtechnologie abgeben: Die KI kann ohne Emotionen oder Korruption anhand von Daten und Fakten objektivere Entscheidungen treffen. All das könnte man transparent auf der Blockchain abbilden und für alle einsehbar machen. Wir könnten in Zukunft über jede Entscheidung via Internet abstimmen, sei es über einen Brückenbau, den Ausbau einer Straße oder den neuen Kindergarten. Der Politik könnten moderne Technologien endlich beisteuern, was ihr offenbar immer mehr fehlt: Weitsicht, Entscheidungsfreude, Integrität und vor allem Intelligenz. Die KI könnte Vorschläge machen und parallel die Politiker überwachen. Würde sich die Politik trotz den Empfehlungen der KI für den Alleingang entscheiden, dann müsste sie ihr Abweichen begründen und für allfällige Fehltritte haften.

Ich bin für radikale Dezentralität, denn sie würde das System stabiler und nachhaltiger machen. Die Zukunft ist dezentral: Im Geldwesen (mit Bitcoin), in der Gesellschaft (durch mündige Bürger und direkte Demokratie) und in der Politik (durch Föderalismus, KI und Blockchain).

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem neuesten Buch von Marc Friedrich: Die größte Chance aller Zeiten - Was wir jetzt aus der Krise lernen müssen und wie Sie vom größten Vermögenstransfer der Menschheit profitieren



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