Finanzen

Neue Studie: Grüne Fonds unterscheiden sich nur minimal von traditionellen Produkten

Viele Anleger erwarten, dass nachhaltige Fonds klare Alternativen zu traditionellen Produkten bieten und Kapital in verantwortungsvollere Geschäftsmodelle lenken. Doch erfüllen diese Fonds die hohen Erwartungen an ihre Wirkung auf den Markt tatsächlich?
01.12.2025 06:06
Lesezeit: 3 min
Neue Studie: Grüne Fonds unterscheiden sich nur minimal von traditionellen Produkten
Viele grüne Fonds unterscheiden sich kaum von traditionellen Produkten, was die Aussagekraft von Nachhaltigkeitskennzeichnungen infrage stellt (Foto: dpa) Foto: Ashi Sae Yang

Regulierter Markt für nachhaltige Geldanlagen

Eine neue Untersuchung zeigt, dass grüne Fonds in Europa trotz verschärfter Vorgaben weitgehend in dieselben Unternehmen investieren wie traditionelle Fonds. Nur in der Energiebranche gibt es erkennbare Abweichungen, während die übrigen Portfolios nahezu identisch bleiben.

Das EU-Regelwerk für nachhaltige Geldanlagen sollte Sparern seit 2021 helfen, echte grüne Alternativen zu finden und Kapital in Aktivitäten mit geringerer Belastung für Klima, Umwelt und Menschenrechte zu lenken. Die klare Kategorisierung sollte Orientierung geben und den Markt sichtbar in Richtung nachhaltiger Investments bewegen.

Vier Jahre später fallen die Unterschiede zwischen herkömmlichen Fonds und grünen Produkten jedoch gering aus. Darauf verweist eine Studie im European Journal of Finance, erstellt von Forschern der KTH und der Universität Stockholm. Die Untersuchung zeigt, dass der Markt weniger auseinanderdriftet als erwartet.

Die Forscher analysierten die Portfolios von 6.888 europäischen Fonds mit mehr als 24.000 Wertpapieren. Sie verglichen die Bestände danach, ob ein Fonds als Artikel 6, 8 oder 9 der EU-Offenlegungsverordnung SFDR eingestuft wird. Artikel-6-Fonds gelten als konventionell, Artikel 8 als hellgrün und Artikel 9 als dunkelgrün.

Methodik und Kernergebnis der Untersuchung

Die Studie mit dem Titel „Green or brown: are article 8 & 9 fund portfolios different?“ wertete Fonds auf europäischen Märkten mit dem Stand März 2023 aus. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Artikel-8- und Artikel-9-Fonds weitgehend identische Portfolios wie Artikel-6-Fonds halten.

Für die grafische Analyse reduzierten die Forscher mehrere tausend Datenpunkte auf zwei Dimensionen. Auf dieser Basis wird sichtbar, dass viele grüne Fonds dieselben Unternehmen wie konventionelle Produkte im Bestand haben. Die Einstufung schlägt sich in vielen Fällen kaum im Portfolio nieder.

Nahezu identische Portfolios bei vielen grünen Fonds

Beatrice Crona, Professorin an der Universität Stockholm und Mitautorin der Studie, beschreibt zahlreiche Portfolios als nahezu identisch. Viele grüne Fonds entfernen bestimmte Positionen, ersetzen sie jedoch nur selten durch klar nachhaltigere Alternativen.

Verwalter meiden häufig fossile Energieunternehmen, Rüstungshersteller oder Tabakkonzerne. Solange jedoch keine deutlich abweichenden neuen Portfolios aufgebaut werden, bleibt die Wirkung auf die Kapitalallokation gering. Das Engagement der Fonds im Markt unterscheidet sich nur in Details.

Oft ist die Überlappung so groß, dass die Einstufung wenig darüber aussagt, welche tatsächliche Wirkung die Fondswahl auf Nachhaltigkeit hat. Das gilt für globale Standardwertefonds ebenso wie für Technologie- oder Small-Cap-Strategien.

Crona betont, dass es zwar Unterschiede und ambitionierte Artikel-9-Fonds gibt. Für fast jedes nachhaltige Produkt lasse sich jedoch ein konventioneller Fonds mit nahezu identischer Zusammensetzung finden. Die beabsichtigte Lenkungswirkung des Regelwerks werde dadurch abgeschwächt.

Energiebranche als zentrales Gegenbeispiel

Eine klare Ausnahme bildet die Energiebranche. In diesem Bereich zeigen sich laut Studie deutliche Unterschiede zwischen den Fondskategorien. Nachhaltig klassifizierte Energie-Fonds investieren stärker in erneuerbare Projekte und Unternehmen mit niedrigerer Emissionsbilanz.

Traditionelle Energie-Fonds halten hingegen weiterhin große Positionen in fossilen Energieunternehmen. Die Forscher führen die stärkere Trennung auf besser verfügbare Klimadaten im Energiesektor zurück. Gleichzeitig habe sich erneuerbare Energie finanziell spürbar verbessert, was Umschichtungen erleichtere.

Die Studie verglich die Portfolios zudem mit den Nachhaltigkeitsbewertungen von Morningstar. Auch dort zeigen sich kaum strukturelle Unterschiede. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Nachhaltigkeitslabels allein wenig über die tatsächliche Zusammensetzung aussagen.

Regelwerk SFDR und seine Fondskategorien

Die Sustainable Finance Disclosure Regulation SFDR legt fest, wie Finanzakteure Nachhaltigkeitsaspekte offenlegen müssen. Fonds werden drei Kategorien zugeordnet, die jeweils unterschiedliche Anforderungen und Transparenzpflichten beinhalten.

Artikel-6-Fonds haben keine ausdrücklichen Nachhaltigkeitsziele und erklären lediglich, wie Nachhaltigkeitsrisiken die Rendite beeinflussen können. Artikel-8-Fonds bewerben ökologische oder soziale Merkmale und berücksichtigen bestimmte Nachhaltigkeitsfaktoren bei der Anlageentscheidung.

Artikel-9-Fonds verfolgen Nachhaltigkeit als übergeordnetes Anlageziel. Sie investieren in nachhaltige Vermögenswerte und müssen nachweisen, dass ihre Anlagen keine erheblichen negativen Auswirkungen in anderen Bereichen verursachen.

Relevanz für deutsche Anleger und die Fondsbranche

Für deutsche Anleger, die sich zunehmend auf EU-Labels verlassen, ist das Ergebnis ambivalent. Eine grüne Klassifizierung garantiert nur selten, dass sich ein Portfolio klar von einem traditionellen unterscheidet. Wer mit seiner Geldanlage tatsächlich eine andere Wirkung erzielen möchte, sollte stärker auf einzelne Positionen, Engagement-Strategien und verfügbare Nachhaltigkeitsdaten achten.

Für deutsche Fondsgesellschaften und Aufsichtsbehörden sendet die Analyse ebenfalls ein Signal. Wenn viele grüne Fonds EU-weit ähnlich investieren wie konventionelle Produkte, stellt sich die Frage, ob die aktuellen Transparenzpflichten ausreichen, um Kapital in nachhaltigere Geschäftsmodelle zu lenken. Die Weiterentwicklung der Sustainable-Finance-Regeln in Brüssel wird damit auch für den deutschen Fondsmarkt zu einer zentralen Stellschraube.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Inflation in der Eurozone: EZB vor dem nächsten Zinsschock
07.03.2026

Die Inflation in der Eurozone galt vielen bereits als gebändigt. Doch ausgerechnet Frankreich und Spanien liefern neue Preissignale, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Börsengänge 2026: Diese zehn IPO könnten den Aktienmarkt prägen
07.03.2026

Raumfahrt, Künstliche Intelligenz, Rüstung und Fintech - Unternehmen aus verschiedenen Bereichen planen in diesem Jahr Börsengänge....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rekrutierung von Führungskräften: Wie Unternehmen Fehlbesetzungen vermeiden
07.03.2026

Fehlbesetzungen im Management entstehen oft weniger aus mangelnder Qualifikation als aus Schwächen im Rekrutierungsprozess und in der...

DWN
Finanzen
Finanzen Angriff auf PayPal, Visa, Mastercard: Digitaler Euro rückt näher
07.03.2026

[Subline] Der digitale Euro soll Europa unabhängiger von US-Zahlungsanbietern machen. In Brüssel wird über den finalen Gesetzestext...

DWN
Politik
Politik Europas Volkswirtschaften unter Reformdruck: Leistungsanreize als Schlüssel zur Stabilität
07.03.2026

Deutschland und andere europäische Volkswirtschaften stehen durch steigende Sozialausgaben, hohe Krankenstände und eine alternde...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Elektroauto-Euphorie ist vorbei: Jetzt kommt die Rechnung
07.03.2026

Abschreibungen in Höhe von rund 50 Milliarden Euro, gestoppte Projekte und eine strategische Kehrtwende zurück zum Verbrennungsmotor: Die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Druschba-Stopp erhöht Druck: Adriatische Pipeline als Ausweichroute
07.03.2026

Nach dem Stopp der Druschba-Pipeline rückt Kroatiens Adriatische Ölpipeline als alternative Route für Ungarn und die Slowakei in den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nvidia-Aktie im Fokus: Jensen Huang stellt OpenAI-Investitionen infrage
06.03.2026

Die Nvidia-Aktie steht im Fokus, nachdem Konzernchef Jensen Huang weitere Milliardeninvestitionen in das KI-Unternehmen OpenAI infrage...